Für die einen ist es moderne Kunst, für viele andere ganz einfach Zeichen einer gesellschaftlichen Verwahrlosung. Man kann es sehen, wie man will, das Sprayen ist nicht zuletzt in Zürich weitverbreitet - und das seit Jahrzehnten. Frustriert sind die Gemeinden und Hauseigentümer nicht nur über die Verunstaltung, sondern vor allem über die daraus entstehenden Kosten.

Letzten Freitag zum Beispiel gab die Kantonspolizei bekannt, dass sie elf Jugendliche aus dem Bezirk Meilen überführt hat, die mit Sprayereien einen Schaden von fast 200 000 Franken angerichtet haben sollen. Wie ist derartigem Vandalismus beizukommen? Nachdem allerlei Strategien ausprobiert wurden, hat sich unter Experten mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt: Graffiti gehören konsequent und raschmöglichst geputzt, bis die Sprayer genug haben. «Ihnen geht es ja darum, dass die Graffiti an einem coolen Platz lange sichtbar sind», betont Priska Rast, Graffiti-Beauftragte der Stadt Zürich.

Innert drei Tagen

Seit fünf Jahren führt die Stadt zu diesem Zweck ein Anti-Graffiti-Abo im Angebot. Das funktioniert so: Entdeckt der Abonnent - ein Hausbesitzer in der Stadt - Schmierereien an seinen Wänden, meldet er sich bei «Schöns Züri», einem Wiedereingliederungsprojekt für Sozialhilfeempfänger.

Innert dreier Tage kommt ein Team vorbei und reinigt oder überstreicht die Fassade. Je nach Untergrund ist das Putzen aufwändiger und deshalb auch das Abo teurer: 420 Franken pro Jahr beziehungsweise, bei Stein- und Betonfassaden, 910 Franken. Bei diesen nämlich muss man mit Wasser- oder Sandstrahlen arbeiten und die Grundlage mit einem atmungsaktiven Grafitschutz versehen, wie Rast erklärt.

Für 500 Objekte genutzt

Mittlerweile wird das Abo erst für 500 Objekte genutzt. Die Tendenz ist aber steigend. Für Hausbesitzer lohnt sich das Abo schnell. Bereits die Entfernung einer kleinen Revier-Markierung - ein sogenanntes Tag - kostet sonst schnell einen vierstelligen Betrag. Für die Stadt ist das Geschäft kaum kostendeckend. Vor allem, wenn einzelne Gebäude mehrmals versprayt werden. Rast sagt dazu: «Weil wir mit der Arbeitsintegration zusammenarbeiten, ist schwer zu sagen, ob es sich rechnet.»

Auch der kantonale Hauseigentümerverband will Sprayereien schnell weghaben. Jedes Mitglied wird im Schadensfall einmalig mit 300 Franken unterstützt. Seit 2003 wurde dieser Dienst 400-mal in Anspruch genommen. Ins gleiche Horn blasen die SBB, die wohl zu den grössten Opfern gehören. «Wir ziehen versprayte Zugwagen schnellstmöglich aus dem Verkehr. Denn je schneller Graffiti entfernt werden, desto geringer ist der Anreiz für Sprayer, weitere anzubringen», sagt Sprecher Daniele Pallecchi. Rund 5 bis 7 Millionen Franken pro Jahr kosten Vandalismus-Schäden am Rollmaterial.

Der Erfolg der Methode ist schwer messbar. Die Kantonspolizei führt nicht separat Buch über Anzeigen im Zusammenhang mit Graffiti. Laut Rast sind Graffiti auf städtischen Gebäuden leicht zurückgegangen. Szenenkenner Thomas Bühler behauptet das Gegenteil: Die Zahl habe zugenommen. Rast betreibe «Zweckoptimismus». Über schnellere Reinigungen freuen sich Teile der Szene sogar. Je öfter geputzt wird, desto schneller entstehen neue Flächen zum Sprayen. Auch bei den SBB scheint das Verleidens-Rezept nicht gefruchtet zu haben. Die Schadenssumme bleibe konstant, sagt Pallecchi, «aber nur aufgrund unserer verstärkten Abwehrmassnahmen.» Dazu gehörten zum Beispiel beleuchtete Abstellplätze, vermehrte Patrouillen und Videoüberwachung. Dies setze die Sprayer unter Zeitdruck. So würden denn auch vermehrt schnell gemachte Tags auftauchen.

Das kann Bühler bestätigen: «Früher wurden aufwändige Graffiti gesprayt. Jetzt werden vermehrt künstlerisch weniger ansprechende Sachen gemacht.» Auch Rast stellt einen Trend weg vom klassischen Graffiti hin zu Tags und Klebern fest. Letztlich gehe es aber nur um eines: Ist die Sprayerei legal - es gibt in Zürich auch Wände, wo gesprayt werden darf - oder illegal entstanden? Wer fremdes Eigentum besprayt, muss sich auf Antrag wegen Sachbeschädigung verantworten. Dafür sind bis zu drei Jahre Haft vorgesehen. Für den Schaden muss der Verursacher selber aufkommen - sofern er denn erwischt wird.