Affoltern

«Eigentlich ist es paradiesisch hier»: Dieses Säuliämtler Pärchen sitzt im tropischen Costa Rica fest

So hat das Coronavirus die Säuliämtler Panamericana-Reisenden Flavio und Christa De Luigi ausgebremst.

Am Freitag, 15. Mai, ist Flavio De Luigi zum ersten Mal Grossvater geworden. Das Enkelkind wird er allerdings noch länger nicht in den Arm nehmen können. Mit seiner Frau Christa steckt der Affoltemer in Costa Rica fest. Wir haben ihn letzte Woche per Whatsapp erreicht. «Reisen war schon immer meine Leidenschaft», sagt De Luigi. Weil er schon mit 28 Jahren das Baugeschäft seines Vaters in Affoltern am Albis übernommen hat, war ihm das früher allerdings kaum möglich. Ende 2016 durfte er dann aber an die nächste – es ist bereits die vierte – Generation weitergeben und sich frühzeitig pensionieren lassen. «Dass Sohn Mario übernommen hat, ist ein Glücksfall», sagt er heute. Die so gewonnene Freiheit geniessen er und seine Frau Christa auf Wohnmobil-Reisen.

Ohne Sprach- und Automechaniker-Kenntnisse auf die Panamericana, das wollten sie dann allerdings doch nicht alleine wagen. Und so fanden sie einen Veranstalter, der geführte Reisen anbietet. In 180 Tagen 24'000 km von Feuerland im südlichsten Südamerika bis hin nach Arizona in den USA. 20 Wohnmobile umfasst die Reisegruppe. Im Konvoi sind diese allerdings kaum unterwegs. Am Abend bespricht man gemeinsam die Route für den nächsten Tag, bekommt ein Roadbook mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten ausgehändigt und entscheidet dann selber, wie man den Tag verbringen und was man sich ansehen will. Am Abend kommen nach bis zu acht Stunden Fahrzeit alle wieder zusammen – oder auch nicht, denn wer einen schönen Platz findet, an dem er über Nacht bleiben will, kann sich auch mal ausklinken.

In ihr grosses Reiseabenteuer gestartet sind Christa und Flavio De Luigi am 24. September letzten Jahres. Von Hamburg aus haben sie ihr Wohnmobil nach Zárate in der argentinischen Provinz Buenos Aires verschifft, ehe sie am 22. Oktober nach Rio de Janeiro in Brasilien flogen. Sozusagen als Vorprogramm besuchten sie mit einigen anderen der künftigen Reisegruppe unter anderem die eindrücklichen Iguazú-Wasserfälle. Am 1. November ging es weiter nach Buenos Aires, wo sie am 5. November ihr Wohnmobil in Empfang nehmen durften. Schon am nächsten Tag fuhren sie dann los in Richtung Feuerland. Am 21. November erreichten sie Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt – ihren Startpunkt der Panamericana.

An der Westküste ging es in der Folge nordwärts, vorbei an traumhaften Sehenswürdigkeiten wie den scharfspitzen Büsserschnee-Feldern in den Hochanden, der ebenso lebensfeindlichen Salzwüste Salar de Uyuni in Bolivien, der einstigen Inka-Hauptstadt Machu Picchu in Peru und dem eindrücklichen Panamakanal. Beeindruckt sind Christa und Flavio De Luigi insbesondere von der Vielfalt an Landschaften und Klimazonen, zum Beispiel dass sich auf einer 4500 Meter hohen Hochebene plötzlich noch ein 1500 Meter hoher Vulkan vor einem auftürmen kann. Als «traurig» beschreiben sie hingegen die Landschaft in Peru ab Lima. «Wir dachten, wir fahren nur noch durch Müllhalden.» In Erinnerung bleibt dem Ehepaar De Luigi auch der über 4700 Meter hohe Grenzpass Paso de Agua Negra zwischen Chile und Argentinien.

Diese Höhe war zu viel für die Elektronik ihres Wohnmobils und sie mussten sich abschleppen lassen. In tieferer Lage lief es dann wieder problemlos. Ansonsten blieb die Defekthexe zahm, beschränkte sich auf ein Reifenpanne und den einen oder anderen kleinen Schaden. So hatte sich die Motorhaube durch die Erschütterungen auf den teils holprigen Kiesstrassen gelöst und musste festgeschraubt werden. Die Besichtigung der präkolumbischen Lehmziegel-Pyramide Huaca de la Luna in Peru verpassten sie wegen eines dringend nötigen Services an der Toilette.

Zu Gast in Costa Rica bei einem Exil-Schweizer

Ende April hätte der geführte Teil der Reise in Arizona in den USA zu Ende gehen sollen. Danach wären De Luigis auf eigene Faust weiter durch die USA bis nach Alaska gereist. Doch daraus wurde (vorerst noch) nichts. Aufgrund der Corona-Pandemie und der ungewissen Lage in den mittelamerikanischen Ländern beschloss die Reisegruppe, in Costa Rica, dem Land mit der besten Infrastruktur dort, zu bleiben. Seit dem 17. März stehen die Wohnwagen auf dem Abstellplatz der 68 Hektar grossen Finca Canas Castilla, einer Bungalow- und Camping-Anlage rund 15 Kilometer vor der nach wie vor geschlossenen Grenze zu Nicaragua.

Das Anwesen gehört Guido Sutter, ein Schweizer, der vor 23 Jahren ausgewandert ist. «Wir haben herausgefunden, dass wir sogar die gleiche Polierschule besucht haben», sagt Flavio De Luigi. Und ein anderes Mitglied der Reisegruppe, ein mittlerweile 73-jähriger pensionierter Zahnarzt, hatte den heutigen Finca-Besitzer vor dessen Auswanderung als Patient. «Das war ein lustiges Wiedersehen», erzählt De Luigi.

Von den ursprünglich 20 Paaren haben acht inzwischen ohne ihr Wohn­mobil die Heimreise angetreten. Zum Teil auch, weil ihre Auszeit vorüber ist und sie wieder zur Arbeit müssen. Bei ihnen sei Hektik und Nervosität aufgekommen, weil sie ihre Repatriierung organisieren mussten. Erst letzte Woche flogen einige mit der Iberia nach Europa zurück. Die anderen – je sechs deutsche und Schweizer Paare – haben keinen Zeitdruck und harren noch aus, wie sich die Situation entwickelt. «Die Stimmung ist super», versichert der Affoltemer, abgesehen davon, dass sie jeden Morgen um drei Uhr von einem krähenden Hahn geweckt werden.

Man habe gemeinsam Ostern gefeiert und auch wenn einer der Gruppe Geburtstag hat, sind alle andern dabei. Dann lässt Christa De Luigi jeweils ihrer kreativen Ader freien Lauf und bastelt Dekoratives aus Naturmaterialien. Vier Schweizer haben sich zu einer Jassgruppe gefunden und abends stellt der Reiseleiter jeweils die Leinwand auf und lädt ins Dschungel-Kino. «Eigentlich ist es paradiesisch hier», sagt De Luigi. ­Einige der unfreiwilligen Dauercamper gehen dem Gastgeber zur Hand. «Du kannst nicht immer Bücher lesen», sagt der Affoltemer und lacht. So hat er mitgeholfen, für die Schäferhunde einen Zwinger zu bauen, inklusive Fundament und Maurerarbeiten.

Von der Pandemie bekommt die Gruppe fast nur aus dem Internet mit – indem sie Schweizer Zeitungen liest, zum Beispiel den «Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern». Im Land selber spüre man eigentlich nichts, ausser dass die Strände geschlossen seien und die Leute beim Anstehen an der Kasse Abstand halten. Vom Finca-Besitzer haben Christa und Flavio De Luigi zwei alte Velos bekommen und zwäg gemacht.

Jetzt fahren sie regelmässig die 7 Kilometer ins nächste Städtchen La Cruz, um dort einzukaufen oder in einem Hotelpool zu schwimmen. Denn zwar liegt die Finca an einem Fluss, dem Sapoa, doch halten die Krokodile dort vom Baden ab. Aber Kanufahren liegt drin. Und auch an Reitpferden und Wanderwegen mangelt es nicht auf der 680'000 Quadratmeter grossen Anlage. Frisches Obst und Gemüse können die «Gestrandeten» von einem mobilen Händler auf der Finca beziehen.

Mitte Juni sollen in Costa Rica die Strände wieder aufgehen. «Die Grenzen werden auch nicht vorher wieder öffnen», vermutet De Luigi. Klar ist, dass die Reise weitergehen soll. «Sechs Monate auf 20 Quadratmeter zusammengepfercht, das ist eine Herausforderung», ist sich Flavio De Luigi bewusst, «aber uns hat das als Paar noch mehr zusammengeschweisst.» Sie hoffen, zumindest noch die 4000 Kilometer bis in die USA zurücklegen zu können, um das Auto im trockenen Klima von Las Vegas einzustellen. Sollte es allerdings bis Juli noch nicht weitergehen, werden wohl auch die Affoltemer ihr mobiles Zuhause in Costa Rica zurücklassen und den Rückflug antreten. Die Reise würde dann Mitte Januar bis Ende Februar fortgesetzt. «Dann stimmt auch die Saison, wenn wir anschliessend noch bis Alaska wollen», so De Luigi. Das sind auf direktem Weg dann noch weitere 6000 Kilometer.

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