Greta Gantenbein
Ehemalige Hostess über das Swissair-Grounding: «Ich werde heute noch wütend»

Notlandungen, eine amour fou und eine Kerze zum Abschied: Die ehemalige Hostess Greta Gantenbein hat ein Buch über ihre Zeit bei der Swissair geschrieben – und über das Ende der Airline, das sich am Sonntag zum 15. Mal jährt.

Heinz Zürcher
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Aus dem Fotoarchiv: Anlässlich der ersten Swissair-Nordatlantiküberquerung 50 Jahre zuvor flog Greta Gantenbeim 1997 mit der Propellermaschine DC4 nach New York.

Aus dem Fotoarchiv: Anlässlich der ersten Swissair-Nordatlantiküberquerung 50 Jahre zuvor flog Greta Gantenbeim 1997 mit der Propellermaschine DC4 nach New York.

Zur Verfügung gestellt

Frau Gantenbein, in Ihrem Buch «Zweite von links» ist oft von der Swissair-Familie die Rede. Was hat diese Familie ausgezeichnet?

Greta Gantenbein: Wir hatten einen unglaublichen Zusammenhalt. Jeder schaute für den anderen, über Hierarchien und Berufsgruppen innerhalb der Firma hinweg. Dieser Teamgeist war einmalig.

Wie entsteht so etwas?

Ich glaube, es hatte viel damit zu tun, dass alle stolz waren, für diese Firma zu arbeiten. Die Swissair war ein Symbol. Zudem hatten wir auf unseren Reisen viel erlebt, Schönes, Spannendes, Trauriges. So etwas schweisst zusammen.

Zur Person: Greta Gantenbein Greta Gantenbein ist 1948 in Zürich geboren und trat 1969 als Air-Hostess – wie der Beruf damals noch hiess – in die Swissair ein. Sie verfügt über 30 Jahre Berufserfahrung und arbeitete zwischenzeitlich parallel für eine private Airline. Nach dem Grounding am 2. Oktober 2001 war sie bis 2006 bei der Swiss angestellt. Greta Gantenbein ist Mutter von zwei Kindern und Grossmutter von zwei Enkeln. Sie wohnt im Kanton Aargau.

Zur Person: Greta Gantenbein Greta Gantenbein ist 1948 in Zürich geboren und trat 1969 als Air-Hostess – wie der Beruf damals noch hiess – in die Swissair ein. Sie verfügt über 30 Jahre Berufserfahrung und arbeitete zwischenzeitlich parallel für eine private Airline. Nach dem Grounding am 2. Oktober 2001 war sie bis 2006 bei der Swiss angestellt. Greta Gantenbein ist Mutter von zwei Kindern und Grossmutter von zwei Enkeln. Sie wohnt im Kanton Aargau.

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Trotzdem war ja nicht alles rosig. Ihre männlichen Kollegen erhielten beispielsweise viel mehr Lohn.

Alles war natürlich nicht toll. Es gab ein paar Gruppenchefinnen, die richtige Drachen waren, Stewards, die sich wie kleine Könige aufführten – und Flugkapitäne, die Hostessen nachstiegen. Das Machogehabe hat sich aber mit den Jahren gelegt. Auch die Löhne wurden angepasst, wir wurden gleichberechtigt. Die Swissair gehörte zudem zu den ersten Firmen, die Arbeitsmodelle für Teilzeit-Mütter – das sogenannte Hausfrauengeschwader – einführte. Und dennoch: Viele Bewerberinnen hätten dafür gezahlt, um als Hostess bei der Swissair arbeiten zu dürfen. So begehrt war der Job zu jener Zeit.

War dieser Stolz mit ein Grund, warum die Hunter-Strategie intern kaum hinterfragt wurde?

Ich habe diese Strategie schon auch mit Sorge verfolgt und nie verstanden, wieso die Swissair die Sabena und andere Schrottairlines kaufte. Doch es herrschte eine Art Gottvertrauen. Wir hofften, die Chefetage wisse, was sie tue. Mit einem Grounding hat niemand gerechnet, das war jenseits von allem.

In Ihrem Buch kommen die Grossbanken schlecht weg. Sind sie schuld am Grounding?

Natürlich lag es auch an den Swissair-Bossen, dem Verwaltungsrat und den Beraterfirmen. Aber es ist schon so: Seither sind für mich die Grossbanken ein rotes Tuch. Die UBS hätte die Swissair retten können. Sie hat es nicht getan. Und zum Dank haben wir später die UBS gerettet – mit dem zwanzigfachen Betrag, der uns damals vor dem Ende bewahrt hätte. Es ist eine Schande. Wenn ich daran denke, wie viele Menschen dadurch zu Schaden gekommen sind oder ihre Stelle verloren haben, werde ich heute noch wütend.

Das wurde aus den Hauptakteuren des Swissair-Groundings:

Mario Corti (heute 69) Ab März 2001 CEO und Präsident. Lebt heute in den USA und arbeitet als Fluglehrer. Will sich zur Swissair nicht mehr äussern.
14 Bilder
Philippe Bruggisser (68) 1996 bis Januar 2001 CEO. Wohnsitz in Wohlen AG, laut mehreren Quellen auch in Florida als Berater tätig.
Jacqualyn Fouse (55) Juni bis Oktober 2001 Finanzchefin. Heute Finanzchefin beim US-Pharmakonzern Celgene.
Georges Schorderet (63) 1995 bis Juni 2001 Finanzchef. Heute CEO des saudi-arabischen Nahrungsmittelkonzerns Almarai in Riad.
Matthias Mölleney (56) 1998 bis 2002 Personalchef. Heute ist der Deutsche Inhaber eines Beratungsunternehmens.
Bénédict Hentsch (67) 1989 bis Januar 2002 Verwaltungsrat. Wohnt in Céligny GE und hält diverse VR-Mandate inne.
Paul-Antoine Hoefliger (77) 1978 bis 2001 Verwaltungsrat. Wohnt in Pully VD und ist Pensionär.
Eric Honegger (70) 1993 bis 2001 Verwaltungsrat. Lebt in Gerersdorf, Österreich, und betreibt mit seiner Lebenspartnerin ein Gästehaus.
Gerhard Fischer (81†) 2000 bis 2001 VR. Lebte in Küsnacht ZH und ist vor zwei Jahren verstorben.
Andres Leuenberger (78) 1995 bis 2002 Verwaltungsrat. Wohnt in Riehen BS und ist Pensionär.
Lukas Mühlemann (66) 1995 bis 2001 VR. Wohnt in Erlenbach ZH und ist im Verwaltungsrat einer Onlinefirma für Autoliebhaber.
Thomas Schmidheiny (70) 1980 bis 2001 VR. Lebt in Jona SG und hält diverse VR-Mandate inne. Grösster Einzelaktionär von Lafarge-Holcim.
Vreni Spoerry (78) 1988 bis 2001 Verwaltungsrätin. Lebt in Horgen ZH und ist Pensionärin.
Gaudenz Staehelin (79) 1984 bis 2001 Verwaltungsrat. Wohnt in Küsnacht ZH und hat diverse VR-Mandate.

Mario Corti (heute 69) Ab März 2001 CEO und Präsident. Lebt heute in den USA und arbeitet als Fluglehrer. Will sich zur Swissair nicht mehr äussern.

Keystone

Entstand das Buch aus dieser Wut?

Nein. Ich wollte all meine Erinnerungen an die Zeit bei der Swissair verarbeiten – von der Ausbildung, in der wir lernten, einen Hijacker zu überwältigen, bis zu Notlandungen, der Begegnung mit einer Schlange und der Liebesgeschichte mit einem Piloten. All dies – und dazu gehört auch das Grounding – wollte ich meinen Kindern erzählen. Und da ich sie ja nicht stundenlang vollplappern kann, habe ich eben alles aufgeschrieben (lacht). Sie haben es gelesen und meinten, das könnte auch andere interessieren. So kam es zum Buch.

Eine berührende Passage im Buch ist die Schilderung Ihres letzten Arbeitstages, als Sie mit 58 und nach 30 Jahren im Beruf ihre Uniform abgeben mussten.

Das war ein schwieriger Schritt. Als ich die Uniformierung verliess, fühlte ich mich komplett verloren und nackt. Ich ging in den Andachtsraum und zündete Kerzen an: Für meine lieben Kolleginnen und Kollegen und für die Swissair, der ich all diese tollen Begegnungen und Erlebnisse zu verdanken hatte.

Die Swissair ist längst Geschichte. Mit welcher Airline fliegen Sie, wenn Sie verreisen?

Mit gar keiner. Mir ist die heutige Reiserei zu stressig und anstrengend. Ausserdem ertrage ich die trockene Luft und die Zeitverschiebung nicht mehr. Nein, ich habe keine Lust mehr zu fliegen. Ausser wenn mich mein Sohn in seinem Segelflugzeug mitnimmt.

Der Tag des Swissair-Groundings in Bildern:

2. Oktober 2001: Rund 260 Swissair-Maschinen und mit ihnen rund 19'000 Passagiere blieben am Boden.
11 Bilder
Für den Flugtreibstoff fehlte das Geld.
Die Hoffnungen des Schweizer Luftverkehrs blieben buchstäblich am Boden.
Ein niedergeschlagener Mitarbeiter der Swissair. Für so manche ging eine Welt unter.
Swissair-Maschinen mussten am Boden bleiben, während die Crossair ihre Flugzeuge weiter fliegen lassen konnte.
Bild vom Grounding in Zürich am 2. Oktober 2001
Piloten und andere Flughafenangestellte demonstrieren am 4. Oktober 2001 in Bern gegen die Schliessung von Swissair und die Reaktion der Schweizer Banken
Ruedi Jeker (Züricher Kantonsrat), Kaspar Villiger (Finanzminister), Bundespräsident Moritz Leuenberger, Wirtschaftsminister Pascal Couchepin, Rainer Gut von Nestlé, sowie Peter Siegenthaler vom Departement für Finanzen präsentieren am 22. Oktober 2001 einen neuen Rettungsplan für die Swissair
Swissair-Mitarbeiter blockieren am 12. November 2001 ein Crossair-Flugzeug.

2. Oktober 2001: Rund 260 Swissair-Maschinen und mit ihnen rund 19'000 Passagiere blieben am Boden.

KEYSTONE/STEFFEN SCHMIDT

Auf den ersten Seiten schreiben Sie vom Vagabunden-Gen, das Sie zur Swissair gebracht hat. Ist davon nichts mehr übrig?

Ach, wissen Sie, mit dem Alter lässt das Fernweh nach. Ich hatte das Glück, so viele Länder zu bereisen, da schwindet mit der Zeit das Bedürfnis, noch möglichst viel sehen zu müssen.

Greta Gantenbein: «Zweite von links – Mein Leben mit und ohne Swissair». Wörterseh-Verlag. 256 Seiten, gebunden mit Seitenumschlag und farbigem Bildteil. CHF 39.90. ISBN: 978-3-03763-075-4.