Vertreter der katholischen Körperschaft mischen sich selten in Abstimmungskämpfe ein. Bei der SVP-Durchsetzungsinitiative tun Sie es. Weshalb?

Benno Schnüriger: Die Initiative will ein Sondergesetz – man könnte auch sagen ein Apartheidgesetz – für einen Viertel unserer Bevölkerung: Die Ausländer. Das ist im höchsten Mass problematisch.

Die katholische Kirche ist eine Migrantenkirche. Ihre Klientel wäre besonders betroffen. Erklärt sich Ihr Engagement auch dadurch?

Natürlich. Ein Drittel der Zürcher Katholiken sind Migranten. Zählt man die Eingebürgerten dazu, sind es noch mehr. Diesem hohen Migrantenanteil versuchen wir mit speziellen Einrichtungen gerecht zu werden. Dazu gehört die Migrantenseelsorge, die das Ziel hat, die Leute heimisch werden zu lassen. Damit das gelingt, müssen für alle – Schweizer und Ausländer – die gleichen Gesetze gelten. Genau das ist bei der Initiative nicht der Fall.

Ist von der ausländische Klientel die Erwartung an Sie herangetragen worden, sich gegen die Initiative auszusprechen?

Vereinzelt sind wir von Kirchenmitgliedern gefragt worden, was wir zu tun gedenken. Aber auch ohne irgendwelchen Erwartungsdruck erachte ich es als nötig, dass wir uns hier als Kirche klar positionieren. Wir – und die Kirchen im Allgemeinen – haben zudem ein grosses Eigeninteresse, dass die Initiative abgelehnt wird.

Welches Eigeninteresse?

Auch die Kirchen sind auf einen gesetzlichen Minderheitenschutz angewiesen. Diesen garantiert heute die Bundesverfassung mit der Glaubens- und Gewissensfreiheit. Wenn man nun für die Ausländer Sonderrecht schafft, untergräbt dies auch den übrigen Minderheitenschutz. Man könnte zum Beispiel auf die Idee kommen, auch den Kirchen den rechtlichen Schutz unter den Füssen wegzuziehen.

Das wäre in diesem Fall schlimm für die Kirchen, aber nicht unbedingt für den Staat.

Doch, auch für den Staat. Auch dieser hat ein Interesse an den Kirchen. So steht es jedenfalls im Zürcher Kirchengesetz. Gemäss diesem haben die Kirchen dafür zu sorgen, dass sich der Staat nicht absolut setzt, sondern für Werte einsteht. Werte etwa, wie sie im Evangelium umschrieben sind. Sind diese bedroht, darf der Staat von uns erwarten, dass wir uns zu Wort melden. Und das tun wir jetzt.

Die meisten Argumente gegen die Initiative sind bekannt. Dazu gehören die Ungleichbehandlung und die mangelnde Verhältnismässigkeit. Haben Sie als Kirchenvertreter denn noch andere?

Die Argumente sind im Grunde dieselben, aber wir verwenden theologische Begriffe, um zu zeigen, dass die Initiative gegen unsere kirchlichen Werte verstösst. Sie ist unbarmherzig und gnadenlos, weil Sie keine Rücksicht auf den einzelnen Menschen nimmt und keine Härtefälle anerkennt. Wenn zum Beispiel ein hier geborener Ausländer zwei Mal geringfügig gegen das Gesetz verstösst, muss er das Land verlassen, unabhängig davon, ob er jemals im Herkunftsland war und unabhängig von den konkreten Umständen seines Verstosses. Das ist in der Kirchensprache wie gesagt unbarmherzig und gnadenlos. Und meint in etwa dasselbe wie unverhältnismässig und ungerecht.

Der Initiative bringt ein Misstrauen gegen die sogenannte Kuscheljustiz zum Ausdruck. Können Sie ihr auch ein gewisses Verständnis abgewinnen?

Eigentlich nicht. Prominente Strafrechtler verneinen dezidiert, dass in der Schweiz von Kuscheljustiz die Rede sein kann. Ich sehe das auch so.

Auch unter den Katholiken gibt es SVP-Mitglieder. Haben Sie keine Bedenken, diese mit ihrem Positionsbezug zu vergraulen?

Das Problem, jemanden zu vergraulen, stellt sich immer, wenn man sich einmischt. Dieses Risiko muss ich als Kirchenvertreter eingehen. Man darf in einer wichtigen Sache nicht einfach schweigen, nur um jemanden oder eine Gruppe nicht zu vergraulen. Im Übrigen gehe ich davon aus, dass es auch in der SVP Leute gibt, bei der unsere Gedanken P latz haben.