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Duell ums Stadtpräsidium: Der rechte Mahner und die linke Optimistin

Der Kampf ums Zürcher Stadtpräsidium geht in die Schlussphase: In diversen Streitgesprächen haben sich Corine Mauch (SP) und ihr Herausforderer Filippo Leutenegger (FDP) duelliert, um ihre Positionen vor dem Wahltermin am 9. Februar zu markieren.

Matthias Scharrer
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Amtsinhaber und Herausforderer posieren für ein gemeinsames Bild.

Amtsinhaber und Herausforderer posieren für ein gemeinsames Bild.

Keystone

«Sie ist die Favoritin, ich bin der Herausforderer», brachte Leutenegger dabei die Situation kürzlich auf den Punkt. Zwar bemüht er sich redlich, sich als derjenige darzustellen, der den Kurs des rot-grün dominierten Zürcher Stadtrats ein Stück weit korrigieren könnte. Doch so richtig an seine Chance zu glauben scheint er nicht – zumindest, was den Kampf ums Stadtpräsidium betrifft. Das hat Gründe, die nicht nur mit dem Amtsbonus und der grösseren Hausmacht Mauchs als Aushängeschild der wählerstärksten Partei in Zürich zu tun haben.

Leutenegger betont stets, Zürich lebe über seine Verhältnisse. Er gibt sich als Mahner, der für mehr Sparsamkeit antritt. Angesichts der Defizite, die Zürich seit der Bankenkrise 2008 Jahr für Jahr verzeichnete, ist der Mahnfinger keineswegs abwegig. Zumal gemäss der Finanzplanung des Stadtrats auch in den kommenden drei Jahren Defizite drohen.

Mauch weiss zu kontern. Sie gibt sich zupackend und optimistisch: Die Attraktivität Zürichs sei ungebrochen. Als Beleg dafür nennt sie das Bevölkerungswachstum um rund 30 000 Einwohner in den letzten zehn Jahren – und die Tatsache, dass seit 2009, dem Jahr ihres Amtsantritts, in Zürich 15 000 neue Arbeitsplätze entstanden. Das gehe nur, wenn gute Infrastruktur vorhanden sei und dem Wachstum entsprechend ausgebaut werde. Und das koste eben. Zudem habe der Stadtrat das Sparprogramm 17/0 lanciert, das ab 2017 wieder ausgeglichene Budgets bringen soll.

Auch mit seiner immer wieder gestellten Gretchenfrage, ob Mauch in den kommenden vier Jahren eine Steuererhöhung ausschliessen könne, vermochte der Herausforderer nicht entscheidend zu punkten. Zwar räumt Mauch ein, eine Steuerfusserhöhung sei über diesen gesamten Zeitraum hinweg kein Tabu. Doch mit dem Nachsatz, alles andere wäre Augenwischerei, macht sie klar, dass letztlich auch ein Stadtpräsident Leutenegger kein Garant für gleichbleibende Steuern wäre.

Diesem bleibt nur das Bekenntnis, keine höheren Steuern zu wollen und an allen Fronten für sparsamere Lösungen einzutreten. Letzteres verspricht allerdings auch und ähnlich vage der rot-grüne Stadtrat mit seinem Sparprogramm 17/0.

Weg vom Image der grauen Maus

Bleibt die persönliche Ebene. Schon bald nach ihrer Wahl ins Stadtpräsidium haftete Mauch das Etikett an, eine graue Maus zu sein. Dieses Image hat sie längst abgeschüttelt. Selbst die traditionell dem Freisinn gewogene «NZZ» attestiert der sozialdemokratischen Stadtpräsidentin, sie habe sich «als Rednerin und Repräsentantin um Klassen verbessert». Auf skurrile Art trug auch der US-Filmregisseur Oliver Stone zu Mauchs Imagekorrektur bei, indem er die vermeintliche graue Maus am Zurich Film Festival zum «Hot babe» kürte.

Aktuell wirkt die 53-jährige Mauch bei ihren Wahlkampfauftritten frisch und kämpferisch, während der 61-jährige Leutenegger eher bedächtig den besorgten Staatsmann gibt. Auch eine Betrachtung der Wahlkomitees ist aufschlussreich: Auf Mauchs Liste stechen Kulturschaffende hervor. Der Schriftsteller Urs Widmer ist dabei, die Musikerin Sophie Hunger, der Filmregisseur Markus Imhof – um nur einige zu nennen. Mauch, die in ihrer Freizeit, die sie vor ihrer Wahl noch hatte, Bass in einer Rockband spielte, kann sich so als Vertreterin eines kulturell vielseitigen Zürich präsentieren. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass es ihr im Rahmen ihrer Zuständigkeit für Kultur gelang, die Kunstbiennale Manifesta 2016 nach Zürich zu bringen und die Schauspielhaus-Spielstätte Schiffbau finanziell abzusichern.

Prägend für Leuteneggers Komitee sind hingegen Vertreter der Wirtschaft und des Gewerbes wie Wirtschaftsanwalt Peter Nobel und Gewerbeverbands-Präsidentin Nicole Barandun – verdiente Leute, gewiss, aber nicht solche, die zu Zürichs Selbstverständnis als Stadt mit herausragender Lebensqualität beitragen. In dieser Hinsicht sind die Themen relevant, für die Mauch einsteht: zahlbarer Wohnraum, möglichst wenig Verkehrslärm und ein vielfältiges Kulturleben.

Und dann ist da noch Thomas Wagner in Mauchs Komitee, Zürichs letzter FDP-Stadtpräsident. Seit seiner Abwahl 1990 hat die SP das Stadtpräsidium inne. Indem er Leutenegger öffentlich als «Opportunisten» bezeichnete und ihm zu grosse SVP-Nähe ankreidete, traf er einen wunden Punkt. Seine SVP-Nähe hatte Leutenegger innerhalb des Zürcher Freisinns immer wieder anecken lassen, seit der Publizist und Unternehmer 2002 der FDP beitrat und als Quereinsteiger ein Jahr später gleich in den Nationalrat gewählt wurde.

Fazit: Trotz bürgerlichem Wahlbündnis im Rücken dürfte Leuteneggers Positionierung höchstens für eine Wahl in den Stadtrat reichen. Fürs Stadtpräsidium kaum.

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