Zürichsee-Schifffahrt

«Du weckst das Tierli am Morgen, und manchmal zickt es ein wenig»

Seit 1914 ist die «Stadt Rapperswil» auf dem Zürichsee unterwegs. Nun macht Peter Witprächtiger den Raddampfer fit für die Jubiläumssaison – und gibt Einblicke in die spezielle Kultur unter Deck.

Viel ist nicht mehr unterwegs aus dem weltgeschichtlich ominösen Jahr 1914, das derzeit die Gedenkindustrie ankurbelt. Augenzeugen? Fast alle tot. Fahrzeuge? Auf Schienen und Strassen kaum je anzutreffen. Doch auf dem Zürichsee tuckert noch immer Jahr für Jahr der Raddampfer «Stadt Rapperswil» herum, erbaut 1914. Es ist eines der letzten Dampfschiffe aus der Maschinenfabrik Escher-Wyss, Zürich.

Derzeit liegt der Dampfer in der Werft nahe der Landiwiese vor Anker, wie die meisten Passagierschiffe der Zürichsee Schifffahrt Gesellschaft (ZSG) im Winter. Peter Witprächtiger ist einer der Handwerker, die das Schiff für die Jubiläumssaison in Schuss halten. Mit seinen 1,62 Metern habe er gerade die richtige Grösse dafür, sagt der stoppelbärtige Schlosser und klettert über eine schmale Leiter hinunter in sein Reich.

Vieles im Originalzustand

Es ist eng im Schiffsbauch, wo die Maschinen sind, für deren Wartung Witprächtiger zuständig ist. Die Luft riecht nach Schmieröl. Die Antriebsmechanik des Schiffs sei seit 1914 praktisch unverändert: «Die Maschine läuft ewig», sagt Witprächtiger. Nur der Treibstoff ist nicht mehr der gleiche wie vor hundert Jahren. Heute fährt das Schiff mit Ökodiesel, damals war es Kohle.

Zu tun gibt es immer etwas für Witprächtiger. Gerade hat er in der Schlosserei der Werft eine neue Dampfleitung geschweisst, die nun noch geröntgt wird, bevor er sie ins Schiff einbauen darf. Nach und nach werden die Teile ersetzt, denen der Jahrhunderteinsatz zugesetzt hat. «Die Schaufelräder kommen wohl nächstes Jahr dran», sagt der Schlosser. Vom Rad auf der Backbord-Seite war 2012 ein Stück abgebrochen. Das Schiff musste damals evakuiert und abgeschleppt werden.

Die Schiffsschale ist zum Grossteil ebenfalls hundertjährig. Kleinere Lecks sind laut Witprächtiger keine Seltenheit und leicht zu stopfen. Aber irgendwann werde man die Verschalung wohl auch ersetzen müssen.

Eine Totalsanierung der «Stadt Rapperswil» ist jedoch derzeit nicht geplant. Sie wäre bei einem solchen Denkmal einer längst verschwundenen Industrie auch kein leichtes Unterfangen: Bei der «Stadt Zürich», dem 1909 gebauten Schwesterschiff der «Stadt Rapperswil», hatten sich nach der letzten Totalsanierung Pannen gehäuft. Nach nur einer öffentlichen Fahrt nach der Sanierung musste das Schiff 2012 zurück in die Werft. Es folgten monatelange Reparaturarbeiten. Ganz die Alte sei die «Stadt Zürich» bis heute nicht mehr geworden, so Witprächtiger.

Rolls Royce und Sportwagen

Die beiden Schwesterschiffe haben offenbar ziemlich unterschiedliche Fahrstile: «Die ‹Stadt Rapperswil› ist der Rolls Royce, die ‹Stadt Zürich› der Sportwagen», erklärt der Schlosser, der im Sommerhalbjahr jeweils im Maschinenraum des Schiffs auf dem See mit unterwegs ist.

Die Hitze, die dort herrscht, wenn das Dieselfeuer durch die Rohre schiesst, um Dampf zu machen, wissen die Maschinisten auch kulinarisch zu nutzen. «Auf den Ventilen kannst du Koteletts braten», sagt Witprächtiger. Und auf dem Dampfkessel garten er und seine Kollegen bisweilen Braten und Kartoffeln für sich. «Das ist schon fast eine Kultur bei uns.»

Man merkt es Witprächtiger, der seit 27 Jahren für die ZSG arbeitet, an: Die Arbeit auf der «Stadt Rapperswil liess für ihn einen Bubentraum in Erfüllung gehen. «Mit der Zeit entsteht so etwas wie Liebe», fasst er seine Beziehung zu dem 100-jährigen Schiff in Worte. «Du weckst das Tierli am Morgen, und manchmal, wenn es kalt ist, zickt es ein wenig.»

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