Zürichsee

Dritter Anlauf zum Projekt Wirtshaus-Erneuerung auf der Ufenau gestartet

Viele Bauten gibt es nicht auf der Insel Ufenau. Die Erneuerung des Gasthauses (Bildmitte) war lange umstritten. Nun bahnt sich eine Lösung an.

Viele Bauten gibt es nicht auf der Insel Ufenau. Die Erneuerung des Gasthauses (Bildmitte) war lange umstritten. Nun bahnt sich eine Lösung an.

Auf der grössten Insel der Schweiz sollen Alt und Neu unter ein Dach kommen: ein Bauprojekt sieht die Erneuerung des einzigen Gasthauses auf der Insel vor. Das ist nicht der erste Schritt in die Moderne. Stück für Stück wird auf der Insel renoviert.

Eine Insel der Stille soll sie sein, die Ufenau. So steht es auf dem Schild, das die Landgänger am Schiffssteg begrüsst. Das Kloster Einsiedeln, seit 965 Eigentümer dieser grössten Insel der Schweiz, legt hier die Spielregeln für die Ankommenden fest: Kein Badeplatz. Angemessene Bekleidung. Kein Feuer. Hundekot weg.

Wer auf der Insel im Zürichsee landet, begibt sich auch auf eine Zeitreise: Weg von der hektischen Moderne und hin zu einem Ort, der Stetigkeit verspricht. Seit über 1000 Jahren haben die Klosterherren von Einsiedeln das Sagen auf der Ufenau. Die wenigen Gebäude der Insel – ein Wirtshaus, eine Kirche, eine Kapelle, eine Mönchsunterkunft – sind jahrhundertealt.

Und dann kam sie plötzlich, diese Moderne: in Form eines Bauprojekts des Stararchitekten Peter Zumthor. Seine Idee war eigentlich eine bescheidene Form von Modernisierung, die gleichzeitig in die Zukunft und zurück zum Ursprung führen sollte. Es galt, das baufällige Gasthaus auf der Insel zu erneuern. Zumthor sollte – im Auftrag des Klosters Einsiedeln – an Stelle eines Holzanbaus, der 1939 dem barocken Gasthaus hinzugefügt worden war, einen Neubau gleichen Volumens neben das alte Gasthaus stellen.

Neustart nach Rekursen

Es kam, was kommen musste: Rekurse von Natur- und Heimatschützern. Zumthor passte sein Projekt an. Einige Beschwerdeführer zogen sich zurück, neue tauchten auf. Schliesslich entschied das Bundesgericht nach jahrelangen Diskussionen, ein Neubau sei mit der Moorlandschaft unvereinbar. Das war im Dezember 2011. Letzte Woche reichte nun das Kloster Einsiedeln das Baugesuch für ein weiteres Wirtshaus-Erneuerungsprojekt ein. Doch dazu später.

Zeitsprung: Anfang August 1523 erreichte der bis heute prominenteste Gast die Insel Ufenau, auf der er vier Wochen später starb. Er war ein Flüchtling. Sein Name erlangte durch Conrad Ferdinand Meyers Epos über sein rasches Lebensende auf der Ufenau Nachruhm: «Huttens letzte Tage».

Ulrich von Hutten war ein Rittersohn, Humanist und Reformationsanhänger aus Deutschland. Auch er war mittendrin im Konflikt zwischen Anhängern alter und neuer Ordnung, bei dem die Konfliktlinien oft verworren sind. Als Reformationsanhänger zählte er zu den wortgewaltigen Kämpfern für eine radikal erneuerte Kirche. Gleichzeitig stand er auf der Seite jener, die das Fehderecht der Ritter gegen die Macht der Fürsten verteidigten. Es mag wie eine Ironie der Geschichte wirken, dass ihm ausgerechnet das zur alten, papsttreuen Kirche gehörende Kloster Einsiedeln Asyl gewährte. Doch auch in diesem Fall zeigte sich, wie verworren die Trennlinien zwischen alt und neu sein können.

Das Bindeglied war Zürichs Reformator Ulrich Zwingli. Bevor er sich der Reformation zuwandte, hatte er in Einsiedeln als Priester gewirkt. Zwingli pflegte immer noch Kontakte zu Bekannten aus dem Kloster. So schickte er den Flüchtling Hutten, dem er zunächst in Zürich Asyl gewährt hatte, auf die Ufenau zu einem heilkundigen Priester. Der sollte ihn von seiner Knochenkrankheit befreien. Es nützte nichts: Hutten erlag vier Wochen später seinem Leiden. Er wurde neben der Kirche auf Ufenau begraben.

Dreimal beerdigt

Die Kräfte der alten Ordnung schlugen schon bald zurück: Huttens Grab wurde geschändet und der heilkundige Priester nach Meilen versetzt, wie der Historiker Peter Ziegler 1983 schrieb. 1958 wurden die vermeintlichen Gebeine Huttens erneut neben der Kirche beigesetzt. 1968 entdeckte der Zürcher Anthropologe Erik Hug auf dem Friedhof neben der Kirche in 75 Zentimetern Tiefe ein anderes Skelett, das sich als Huttens erwies: Medizinische Untersuchungen passten zum von Hutten beschriebenen Krankheitsbild, und die Schädelform entsprach zeitgenössischen Abbildungen des Reformators.

In der Folge wurde Hutten 1970 zum dritten Mal neben der Ufenau-Kirche beerdigt. Seine Gebeine liegen dort seither zusammen mit dem falschen Hutten-Skelett in einem Kupfersarg.

Das Projekt zur Wirtshaus-Erneuerung auf der Ufenau hat nun ebenfalls seine dritte Phase erreicht. Die beiden Zumthor-Pläne sind beerdigt. Stattdessen soll der Barockbau mit dem Anbau aus dem Landi-Jahr 1939 erhalten bleiben. Dafür wird das Gasthaus-Parterre, in dem sich heute vor allem Küche, Kühl- und Lagerräume befinden, wieder als 80-plätzige Gaststube freigeräumt. Die Küche und der Tageskühlraum kommen in den Holzanbau. Ein Schuppen hinter dem Haus wird zum Kühl- und Lagerraum und das WC in einen anderen Schuppen verlegt. Die Pläne für das Umbauprojekt stammen von den Architekten Pius Bieri und Frank Roskothen. Bieri kennt sich aus im Umgang mit alten Gemäuern auf der Ufenau: Er hat bereits die Kirche und die Kapelle der Insel restauriert.

Über das Baugesuch entscheidet die Gemeinde Freienbach, zu der die Insel Ufenau gehört, voraussichtlich diesen Herbst. Der Umbau des Restaurants, das mit über 30 000 Gästen während seiner Öffnungszeit im Sommerhalbjahr laut Mediensprecher Markus Ruoss gut läuft, soll 2016 und 2017 erfolgen. Die Kosten von 6,5 Millionen Franken wollen das Kloster Einsiedeln und der Verein Freunde der Insel Ufenau gemeinsam finanzieren, wie Ruoss sagt. Aus früheren Spenden seien bereits 1,85 Millionen für die Restaurierung in der Vereinskasse. «Wir sind zuversichtlich, dass das Projekt Ufenau wieder Gönner findet», so Ruoss.

Die Transformation des Althergebrachten ins Künftige kann weitergehen auf dieser Insel der Stille, die immer wieder für eine Zeitreise gut ist.

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