Stadtentwicklung

Drei Generationen als Spiegel für Zürich West

Der Wandel vom Zürcher Industrie- zum Trend- und Boomquartier hat seine Schattenseiten. Die Dominanz der Bürobauten birgt die Gefahr eines Pendler-Stadtteils, der tagsüber belebt, aber abends leer ist.

Mittagszeit im Restaurant «Da Giovanni», gleich neben dem Prime Tower, dem höchsten Haus der Schweiz und neuen Wahrzeichen von Zürich West: Obwohl erst Ende September eröffnet, ist das Restaurant fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Die 2000 Angestellten im Büroturm aus Glas, der das Stadtbild beim Bahnhof Hardbrücke prägt, wollen verpflegt sein. Das Stimmengewirr ist vielsprachig: Englisch, Hochdeutsch, Schweizerdeutsch.

Man sieht graue Anzüge, schwarze Deux-Pièces, riecht Pizza und ahnt: Der Prime Tower mit seinen Bankern und Wirtschaftsanwälten könnte auch zum Wahrzeichen der Dienstleistungsgesellschaft werden, die die Industriegesellschaft ablöst. Kommenden Dienstag wird «der Turm», wie ihn Trendbeizer Christoph Gysi nennt, offiziell eröffnet. Und am darauf folgenden Samstag rollt das Tram Zürich West an, um das frühere Industriequartier, das sich erst zum Trend-, dann zum Boomquartier der Büro- und Wohnbauten wandelte, besser zu erschliessen.

Gysi startete 1997 zusammen mit dem Ehepaar Ledermann seine Geschäfte in Zürich West. In einer alten Industriehalle zogen sie einen Lebensmittel-Grosshandel auf, den die Ledermanns heute in Dietikon weiterführen, und eröffneten das Restaurant «Les Halles». Seit acht Jahren präsidiert Gysi die Kulturmeile Zürich West, eine Vereinigung von Gewebe- und Kulturtreibenden sowie Grundeigentümern.

Limmatschiff bis Escher-Wyss-Platz

Wir treffen uns im Sekretariat der Kulturmeile, das in einem Atelier auf dem Areal der früheren Steinfels-Fabrik untergebracht ist. Gysi erregte vor zwei Jahren Aufsehen mit dem Projekt, die Limmatschifffahrt bis zum Escher-Wyss-Platz zu verlängern. Es ist jetzt auf der langen Traktandenliste des Zürcher Gemeinderats versenkt. Aktuell beschäftigt Gysi die Belebung des «töteligen» Escher-Wyss-Platzes. Angrenzende Gastrounternehmer wollen eine Bestuhlungszone auf dem Platz unter der Hardbrücke, ein Workshop mit dem städtischen Tiefbauamt fand bereits statt. «Das Tiefbauamt fands gut. Jetzt müssen wir die Formulare einreichen», sagt Gysi.

Der Aufbruch von Zürich West begann als Partymeile. Klubs, in denen bis in die Morgenstunden zu elektronischen Klängen getanzt wird, gehörten zu den Ersten, die sich auf den Industriebrachen einnisteten. Manche von ihnen sind wieder verschwunden. Einen der Ersten übernahm inzwischen die reformierte Kirchgemeinde, um darin ihren Gemeindesaal einzurichten. «Auch wenn die Klubs verschwinden, die Gastronomie wird bleiben», sagt Gysi. «Jetzt kommen einfach mehr Leute mit Krawatte.» Gysi schätzt die grossstädtische Mischung aus Krawatten-Trägern, Szeneleuten und Industrieschick. «Es ist wichtig, dass diese Mischung bleibt, sonst haben wir nicht New York, sondern Zürich Nord».

Doch der Wandel geht weiter. Seit Ende der 90er-Jahre hat sich die Zahl der Zürich-West-Bewohner auf gut 3000 verdoppelt. Neubauten für 4000 zusätzliche Einwohner sind in Arbeit. Die Zahl der Arbeitsplätze, die vor zehn Jahren noch bei 18000 lag, wird nach Berechnungen der Stadt bis 2015 auf 30000 steigen und die Hochschule der Künste auf dem Areal der früheren Toni-Molkerei 5000 Studierende bringen.

Tagsüber belebt - abends leer?

Die Dominanz der Bürobauten birgt jedoch die Gefahr eines Pendler-Stadtteils, der tagsüber belebt, aber abends leer ist. Von der neuen Tramlinie nach Zürich West erhofft sich Gysi eine bessere Anbindung an die Stadt: «Zürich West soll keine Pendler-Agglomeration werden.» Die oft beschworene Gefahr der Gentrifizierung, der sozialen Entmischung durch überrissene Mieten, sieht er in Zürich West bisher nicht: «Wir zahlen humane Mieten und haben ein schönes Zusammenleben. Wir fühlen uns nicht gentrifiziert», sagt der Kulturmeile-Präsident. Dennoch geht er davon aus, dass die Mieten steigen werden.

Ein brüchiger Altbau sticht einige hundert Meter westwärts ins Auge, zwischen dem Prime Tower und dem ebenfalls neuen Mobimo Tower, der Luxus-Wohnungen und das Edelhotel «Renaissance» beherbergt. Das Haus aus dem Jahr 1898 trotzt inmitten einer Baustellen-Landschaft dem Wandel. Hier wohnt Roger Meier, Kunsthistoriker, in einer Wohngemeinschaft – für 450 Franken im Monat. «Der Hausbesitzer macht zwar nichts mehr am Haus, findet es aber gut, dass hier noch Studenten wohnen können», erzählt er. Bisher seien alle Kaufofferten abgeprallt.

«Es ist spannend, an einem Ort zu sein, wo du die industrielle Vergangenheit und den Wandel spürst», sagt Meier bei einer Zigarette auf dem sonnenbestrahlten Treppenabsatz. Und fährt fort: «Was jetzt hier passiert, musste passieren. Zürich hatte ja bisher kaum einen BusinessDistrict.»

Das Problem mit Zürich West sei: «Es wird zu teuer gebaut, und es fehlt der Mut, ein Statement zu setzen. Das wird wüst, gesichtslos. Trends, momentan grad aus New York, werden aufgenommen, aber wir haben nichts Eigenes. Diese Uniformität stört mich. Und das meine ich nicht nur auf die Architektur bezogen», sagt der Kunsthistoriker. Dennoch findet er: «Zürich West ist die Ecke von Zürich, wo ich mich am freisten fühle – obwohl ich weiss, ich muss irgendwann weg.» Das alte Haus werde früher oder später dem Wandel weichen müssen.

Hundekot vor Schrebergärten

Hinter dem Mobimo Tower ärgert sich Hans Nägeli über den Hundekot am Eingang der noch verbliebenen Schrebergärten. «Der stammt von den Hunden der Wachleute des Renaissance-Hotels», schimpft er. Nägeli hat hier seit 1968 seinen Schrebergarten. Er ist seit zwei Jahren pensioniert. Früher arbeitete er als Maler, «20 Jahre im Akkord», und als Leitungsmonteur. In einem Jahr muss auch er seinen Schrebergarten hinter dem Mobimo-Tower verlassen. Die Stadt plant hier den Pfingstweid-Park und ein Schulhaus. «Für wen?», fragt Nägeli und nimmt einen Schluck Bier aus der Flasche. «Hier gibts doch keine Familien.»

Dass er seinen Schrebergarten mit dem selbst gebauten Häuschen aufgeben muss, wurmt ihn – obwohl er Ersatz in Zürich Altstetten erhält. «Man hätte doch die Gärten stehen lassen und einen Weg hindurchbauen können. So ein Park kostet Millionen.» Der Rentner erinnert sich an Grillabende mit Bahnarbeitern, die längst gestorben sind. «Hier habe ich mein eigenes Hüüsli. Hier leben wir frei.» Auf dem Juchhof, im Gartenhäuschen, das ihm die Stadt stelle, dürfe er kaum einen Nagel einschlagen. «Ein Stück Freiheit geht verloren.» Einige hätten geweint, als sie den Räumungsbescheid erhielten.

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