Jugendkultur

«Dolce & Balkana» – Design und Migration

Die jungen Frauen werfen sich in sexuell aufgeladene Posen, achten aber gleichzeitig auf Authentizität. (zvg)

«Dolce & Balkana»

Die jungen Frauen werfen sich in sexuell aufgeladene Posen, achten aber gleichzeitig auf Authentizität. (zvg)

Markenfetischismus, gestylte Party-People, Inszenierung mit Nationalfahnen. Im Internet und «im Ausgang» haben Zürcher Forscher vielfältiges Material für eine Lebensweltstudie gesammelt.

Studienleiter Christian Ritter und seine Kollegen vom Projekt «Migration Design» haben viele Bilder junger Leute mit Migrationshintergrund zusammengetragen. Sie interviewten Jugendliche in gemischtnationalen Gruppen, zum Beispiel Schweizer, Portugiesen, Pakistaner und vor allem Angehörige der Länder und Regionen des ehemaligen Jugoslawiens – so die politisch korrekte Bezeichnung. Nun vermitteln die Forscher ihre Erkenntnisse in Workshops an Fachleute aus Wirtschaft und Sozialer Arbeit.

Eher eine Adoleszenzphase

Denn mit dem Migrationshintergrund wird von manchem Lehrmeister oder Jugendarbeiter automatisch ein Problemfall assoziiert. Gerade Jugendlichen, die visuell provozieren, unterstellt man schneller, sich nicht auf Schweizer Werte einzulassen und wenig leistungsbereit zu sein. Ritter ist den teils nationalistischen, teils religiös-inspirierten, aber auch konsumorientierten Inszenierungen auf den Grund gegangen und zeichnet ein differenzierteres Bild dieser Subkulturen.

Für ihn ist es eher eine Adoleszenzphase, in der auf sich aufmerksam gemacht wird, als eine «Reethnisierung». Die jungen Leute, die ihre ursprünglichen Heimatorte oft kaum kennen, beharren auf der eigenen Sperrigkeit, wenn sie sich in Landesfahnen gewickelt ablichten lassen. Ihre Auftritte im Internet illustrieren sie mit abfotografierten Ortsschildern aus Bosnien und schönen Landschaftsansichten Kroatiens. Der Rückbezug auf die familiären Ursprünge ist besonders stark, weil die Migranten spüren, dass sie eine eigene Identität zwischen der ihres Herkunftslandes und der Aufnahmekultur der Schweiz entwickeln müssen. Für die Selbstfindung werden ästhetische Mittel herangezogen, man zeigt sich in bestimmten Styles und Posen.

Präsentationsplattform Internet

Netlog.com ist eine der beliebtesten Online-Plattformen für diese Präsentationen, es beschreibt sich als «soziales Portal für 71 Millionen junger Menschen in Europa». Die Forscher der Zürcher Hochschule der Künste und der Universität Zürich surften intensiv auf diesem Portal und nutzten die Darstellungen für ihre explorativen Diskussionsgruppen. Sie lernten, wie wichtig die korrekt gegelte Frisur und der im richtigen Licht präsentierte Bauch für die Akzeptanz in der Community sind. Die Fotos werden von den Jugendlichen digital nachbearbeitet, um den perfekten Glanz auf ihren Körper zu zaubern.

Glamour ist wichtig

Glamour ist wichtig in dieser Szene und erklärt auch die Affinität zu Marken wie «D&G», gelegentlich umbenannt zu «Dolce & Balkana», «Versace» oder «Cavalli».Die jungen Frauen werfen sich in sexuell aufgeladene Posen, achten aber gleichzeitig auf Authentizität. Stolz und guter Charakter sind ihnen äusserst wichtig, nackte Haut steht dafür, nichts zu verbergen zu haben. Die Jungs zeigen sich gerne sensibel, in Denkerpose, mit leicht geneigtem, auf die Hand gestütztem Kopf. Deutsche Rap-Musik gibt ihnen die Möglichkeit, Probleme zu thematisieren, ohne an Glaubwürdigkeit auf der Strasse zu verlieren.

Nationale und lokale Identität

«Ich bin Italiener und stolzer Zürcher», so ein Gesprächspartner in der Gruppe. Das Spannungsfeld zwischen Nationalismus und engem lokalen Bezug wird immer wieder deutlich, und die Jugendlichen lösen es für sich, indem sie sich bevorzugt mit Gleichgesinnten umgeben. «Wir Balkaner gehören zusammen», ist eine andere typische Aussage, in der auf einmal Türken mit Kroaten, Kosovaren und Serben sympathisieren.

Ritter möchte Erwachsene dafür sensibilisieren, dass Codes unterschiedlich gelesen werden können. Was bei Schweizern als «jugendtypisch» und eine vorübergehende Phase interpretiert wird, wird Secondos schnell als «ausländertypisch» angehängt. Denn oft wollten die Jugendlichen einfach an einem gewissen Lifestyle partizipieren und einen niedrigen sozialen Status ausgleichen.

Meistgesehen

Artboard 1