Leichtathletik-EM
DJ Bobo zieht mehr als Kugelstossen – Athleten kritisieren Ambiance

Teure Tickets, schlechtes Wetter, wenig Stars: Die Fans zeigen den Leichtathletik-EM die kalte Schulter. Und die Athleten vermissen die berühmte Letzigrund-Atmosphäre.

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Die internationale Ausstrahlung von DJ Bobo will sich auch die Firma Künzli zu Nutze machen. Keystone

Die internationale Ausstrahlung von DJ Bobo will sich auch die Firma Künzli zu Nutze machen. Keystone

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David Storl schüttelte den Kopf: «Es ist traurig, dass bei den Zuschauern der Leichtathletik-EM DJ Bobo mehr zieht als wir Kugelstosser», sagte der Europameister. Seinen Final hatten die Fans im halb leeren Zürcher Stadion weitgehend schweigend verfolgt, erst beim unmittelbar folgenden Auftritt der Schweizer Pop-Ikone im Rahmen der offiziellen Eröffnungsfeier stellte sich so etwas wie Stimmung ein.

Storl ist nicht der einzige Sportler, dessen Erwartungen an das «Leichtathletik-Mekka» Zürich bitter enttäuscht wurden. «Die Stimmung ist schon ein bisschen mau», sagte Kugelstoss-Vizeweltmeisterin Christina Schwanitz nach ihrem Vorkampf von gestern Morgen vor kaum mehr als 4000 Zuschauern im 26 000 Menschen fassenden Rund. Diskus-Talent Shanice Craft gab zu: «Wir haben uns mehr erhofft. Das ist schade für die Athleten und die gesamte Leichtathletik.»

Den EM fehlen Herz und Seele

Grosse Lücken auf den Rängen, kaum Begeisterung, dazu Dauerregen: Von der berühmten Letzigrund-Atmosphäre, die das bekannteste Leichtathletik-Meeting der Welt an gleicher Stelle seit 1928 auszeichnet, ist bei den EM nur wenig zu spüren. «Zürich wird im Event-Bereich Massstäbe setzen», sagte Hansjörg Wirz, Präsident des europäischen Leichtathletik-Verbandes EAA. Doch dabei ist den Veranstaltern etwas Existenzielles verloren gegangen: Den EM fehlen Herz und Seele.

In Zürich mangelt es vor allem am begeisterungsfähigen Kernpublikum der Leichtathletik. «Für Familien ist das schon sehr teuer», sagte Clemens Prokop, der Präsident des deutschen Leichtathletikverbandes. Tickets für die Abendveranstaltungen kosten zwischen 85 und 195 Franken, für die Vorkämpfe am Morgen sind zwischen 25 und 65 Franken fällig, ein Wochenpass liegt zwischen 450 und 1300 Franken.

Ein viertägiger Familientrip nach Zürich samt Eintrittskarten und Hotel liegt auf dem Kostenniveau einer einwöchigen New-York-Reise, kritisieren ausländische Beobachter. «Für eine solche Spitzenveranstaltung sind die Preise absolut angemessen, insbesondere für potenzielle Schweizer Besucher», bekräftigte indes der Zürcher Sportvermarktungsexperte Hans-Willy Brockes gegenüber dem «Tages-Anzeiger»: «Allerdings sind diese potenziellen Besucher zahlenmässig nun mal beschränkt.» Und somit blieben selbst bei den Highlights wie dem 100-m-Final einige tausend Plätze frei – obwohl Private die Karten auf Internetbörsen für die Hälfte des Originalpreises anboten.

Das finanzpotente Publikum, das schliesslich den Weg ins Letzigrund-Stadion findet, ist weder sonderlich fachkundig, noch sorgt es für angemessene Stimmung. Und so versuchen die Veranstalter mit aller Macht, Leben in die Bude zu bringen: Maskottchen «Cooly» muss als Einheizer bis an die Grenzen seiner Kraft gehen. Zudem wurde ein «Swiss Fan Corner» mit leichtem Preisnachlass eingerichtet. Der Kauf verpflichtet laut explizitem Veranstalter-Hinweis, sich an vorgegebene Choreografien im Viertelstunden-Rhythmus zu beteiligen – bei Zuwiderhandlung drohen Konsequenzen.

Lehrstück für EM 2018

Für die Organisatoren der EM 2018 in Berlin ist Zürich ein Lehrstück. In der Bundeshauptstadt wollen anstatt 26 000 rund 70 000 Plätze gefüllt werden – dies war selbst bei den WM 2009 mit Usain Bolts Show im Olympiastadion selten gelungen. Die Berliner brauchen gute Ideen – DJ Bobo ist keine davon. (sda)