Arbeit ist nicht mehr nur an ein und denselben Ort gebunden. Damit digitale Nomaden ein freies und unabhängiges Leben führen können, müssen sie beim Einkommen, den Steuern und der Krankenkasse gut organisiert sein. Christoph Heuermann, digitaler Nomade und Blogger auf Staatenlos.ch hat sich auf die Beratung von Interessierten wie auch Internetnomaden in diesen Themenbereich spezialisiert.

Geld verdienen

Gerade beim Geldverdienen hat er für digitale Nomaden einige Tipps auf Lager. «Selbstständige sollen ihre Firma oder Adresse in einem Land anmelden, das eine gewisse Reputation hat», so Heuermann. Eine unbekannte Karibikinsel wirke weniger seriös als ein halbwegs bekanntes Land. Als Beispiel nennt der Blogger Estland.

Ein Firmeninhaber soll laut Heuermann zudem besonders darauf achten, dass er in einem Land angemeldet ist, das etwa die Umsatzsteuer auf Rechnungen anerkennt. Länder, die keine Umsatzsteuern verrechnen, können einen unseriösen Eindruck bei Kunden hinterlassen. 

Dabei geht es für die Kunden in der Regel mehrheitlich darum, ob besagte Rechnung von einer Briefkastenfirma oder einer seriösen Firma mit Büro und Mitarbeitern stammt. Gerade Zweiteres ist bei digitalen Nomaden schwierig, da sie häufiger den Aufenthaltsort wechseln.

Dass Heuermann den Vergleich zwischen der Karibik und Estland zieht, kommt nicht von ungefähr. Viele Nomaden würden in Estland eine Firma als Limited Company gründen, so Heuermann. Das Land gelte weltweit als digitaler Vorreiter und bietet für digitale Nomaden einfache Bedingungen für eine Firmengründung. Mittels der E-Residency-Karte kann innert kurzer Zeit und mit wenig Geld eine Firma gegründet werden. Heuermann sagt: «Das dauert etwa 18 Minuten und kostet rund 200 Franken.» Dazu benötige es lediglich ein Bankkonto bei einer estnischen Bank.

Besonders beliebt ist das Land zudem wegen seines innovativen Steuersystems. Die Körperschaftssteuer von 20 Prozent ist nachgelagert und fällt nur bei Ausschüttungen von Dividenden an. Selbstständige können so ohne Steuernachteile reinvestieren und wachsen. Ähnliche Möglichkeiten gibt es auch in Irland und Grossbritannien.

Steuern bezahlen

Wenn digitale Nomaden Geld verdienen, stellt sich als nächstes die Frage nach der Steuerpflicht. Dabei interessant ist das Modell des «perpetual travelling» – zu Deutsch: dauerhaftes Reisen. Bei der Abmeldung vom bisherigen Wohnort geht in der Regel die Steuerpflicht verloren, solange man keinen neuen Wohnsitz anmeldet. Dies bedingt aber, dass keine Wohnung gemietet wird, der Nomade nicht heiratet oder Kinder adoptiert.

Zudem dürfen sich dauerhafte Reisende nicht länger als sechs Monate in einem Land aufhalten. Diese Art der Steuerflucht ist im EU-Raum politisch umstritten. Für Schweizer Nomaden indes ist dies ohnehin nicht möglich. Laut Angaben der Eidgenössischen Steuerverwaltung wird, sobald sich eine bisher in der Schweiz wohnhafte Person abmeldet, eine neue Wohnsitzbestätigung, auch aus dem Ausland, fällig.

Länder mit einem territorialen Steuersystem sind für digitale Nomaden ebenfalls interessant. In einem solchen Land – beispielsweise Costa Rica – bezahlt ein Aufenthalter nur auf das Einkommen, das er im Land selber generiert, Steuern. Da digitale Nomaden für ihre Wissensarbeit oft Aufträge aus wohlhabenden Ländern erhalten, bezahlen sie in Ländern mit einem territorialen Steuersystem oftmals lediglich tiefe Beiträge.

Versichert sein

Wer oft und viel reist, der hat auch mal mit seiner Gesundheit Schwierigkeiten. Digitale Nomaden können in dem Land, in dem sie ursprünglich gelebt haben, versichert bleiben. Oftmals benötigen sie dann aber eine Reise- oder Zusatzversicherung. Über die abgedeckten Leistungen sollte man sich laut Heuermann vorgängig gut informieren, da Reiseversicherungen nur für eine beschränkte Zeit haften. Wer ganz unabhängig lebt, der entscheidet sich als digitaler Nomade für eine internationale Krankenversicherung. Diese ist in der Regel aber erst dann erhältlich, wenn man sich aus dem Heimatland abmeldet. In der Regel verlangt auch eine solche Versicherung eine neue Wohnsitzbestätigung.

«Mir ist meine Arbeit genauso wichtig wie meine Freizeit»

Marc Fehr beginnt schon bald ein Leben als digitaler Nomade. Im Gespräch erklärt er, warum er seine Arbeit mit nach Südafrika nimmt.

Marc Fehr, Webprogrammierer

Marc Fehr, Webprogrammierer

Marc Fehr ist 29 Jahre alt und Webprogrammierer von Beruf. Am 31. Dezember beginnt er ein Leben als digitaler Nomade, jedoch nur für eine befristete Zeit. Fehr wollte schon immer mal die Welt bereisen. Doch: «Ich wollte diese Idee zuerst mit meiner damaligen Freundin besprechen», sagt er. Dann kam die Trennung. «Für mich war klar, jetzt ist der optimale Zeitpunkt für meine Reise.»

Dennoch will Fehr seine Arbeit hier nicht aufgeben. So suchte er nach einer Lösung, wie er sie mitnehmen kann. Fehr recherchierte und stiess über Foren im Internet auf das digitale Nomadentum. Er schlug seinem Arbeitgeber, dem Schweizer Medienhaus Tamedia, dieses Arbeitsmodell vor: unabhängig von irgendwo auf der Welt weiterhin seiner Arbeit nachzugehen.

Die einzige Bedingung der Firma war, einen Arbeitsort zu wählen, der in der gleichen Zeitzone wie die Schweiz liegt. Die Wahl fiel auf Kapstadt in Südafrika. «Mir ist meine Arbeit genauso wichtig wie meine Freizeit. Deshalb nehme ich sie mit, damit ich hier den Anschluss nicht verliere», sagt Fehr. Weil das Leben in Südafrika deutlich günstiger ist als hier in der Schweiz, reduziert Fehr sein Pensum auf 50 Prozent. So arbeitet er jeweils eine Woche am Stück, um anschliessend eine Woche lang seine Freizeit und Hobbys geniessen zu können. Dazu gehört das Surfen, genauso wie das Mountainbiken – aber auch das Autofahren, um Afrika bereisen zu können.

Leute am Arbeitsplatz kennen lernen

Während eines halben Jahres wird er versuchen, sich an das Nomadentum heranzutasten. Sein Arbeitgeber indes versucht in dieser Zeit, das Arbeitsmodell von digitalen Nomaden kennen zu lernen. Besonders zentral für Fehr ist die Frage nach dem Arbeitsplatz. «Ich will nicht von zu Hause aus arbeiten, sondern lieber an einem Ort, an dem ich Gleichgesinnte treffen kann», sagt er. Einsamkeit ist für den jungen Mann deshalb kein Thema. Und weil gerade eine stabile Internetverbindung für die Zusammenarbeit mit seinem Team in Zürich unerlässlich ist, hat sich Fehr einen Büroplatz in einem Coworking Space gemietet. «Ohne Internet funktioniert dieses Konzept nicht», sagt Fehr.

Auch seine Freunde und seine Familie unterstützen ihn. Die Reaktionen seien durchweg positiv gewesen, als er ihnen von seiner Idee erzählte. «Viel mehr noch interessieren sich meine Freunde für diese Art zu leben und würden es wohl gerne auch ausprobieren», sagt Fehr. Dennoch ist er überzeugt: «Würde ich für immer gehen, würde mein Umfeld wohl etwas anders reagieren.»

Im kommenden August wird Fehr nach Zürich zurückkehren und für neun weitere Monate hier arbeiten. Ob es nur ein einmaliger Versuch bleibt oder ob Fehr sein Leben dauerhaft multilokal führt, wird sich zeigen.

Das Leben als Flitterwochen-Konzept

Die digitale Nomadin Birgit Fehler fühlt sich mit ihrem Lebensstil frei. Dennoch kann sie sich vorstellen, wieder sesshaft zu werden – aber nur unter einer Bedingung.

Birgit Fehler, Kommunikationsfachfrau und Lifecoach

Birgit Fehler, Kommunikationsfachfrau und Lifecoach

Birgit Fehler arbeitet an diesem Morgen im «Büro Züri» der Zürcher Kantonalbank an der Bahnhofstrasse in Zürich. Seit etwas mehr als einem Jahr ist die 41-jährige Kommunikationsfachfrau eine digitale Nomadin. Für das Leben hat sie sich aus einem bestimmten Grund und einer schicksalhaften Erfahrung entschieden: Schon länger hegte Fehler den Wunsch, freier in der Einteilung ihrer Arbeits- und Freizeit zu sein.

Letztlich bewog sie aber ein schwerer Unfall, den sie nur mit Glück überlebte, dazu, ihr Leben umzustellen. Sie kündigte ihren Job und ihre Wohnung. Verkaufte Möbel und einen Grossteil ihrer Habseligkeiten. Was sie besitzt, passt in eine grosse Reisetasche. «Ich bin ein Mensch, der nicht viel braucht», sagt die junge Frau.

Ihr Zuhause ist die Welt. So lebte die Zürcherin im letzten Jahr mehrheitlich in den USA und Spanien. Für eine gewisse Zeit war sie auf einem Nomaden-Schiff auf dem Atlantik unterwegs. Es folgten Aufenthalte in Brasilien, Mexiko und Grossbritannien. Für ein paar Wochen im Oktober war sie nun in der Schweiz zu Besuch, bevor sie nach Ägypten weiterreiste. Dort arbeitet sie für das Hilfsprojekt «Swiss Initiative Culture Projects», das die Filmindustrie im Sudan wieder aufbauen will. Zudem berät sie Frauen in Lebensfragen.

Fehlers klassischer Arbeitstag beginnt ohne Wecker. Erst nach einem ausgiebigen Frühstück und einer Runde Yoga setzt sie sich an den Laptop. «Dann gibt es entweder was für die Homepage zu tun oder ich stehe im Austausch mit anderen Nomaden», sagt sie. Sie informiert sich täglich über marketingrelevante Themen und versucht, sich mithilfe von Online-Seminaren weiterzubilden. Trotz ihres unabhängigen Lebensstils fühle sie sich nie einsam. «Das liegt daran, dass die Nomaden-Community so stark, so familiär und so ausgeprägt ist», sagt sie. Die Nomaden stehen mittels Internetforen miteinander in Kontakt.

Alles kann Skype nicht ersetzen

Mit ihrem Lebensstil fühlt sie sich frei. Dennoch gibt es auch Beziehungen, die sie vermisst. «Wieder mal hier in der Schweiz zu sein, tut gut. Die Zeit mit Freunden und der Familie hat mir gefehlt.» Es gebe halt diese Momente im Leben – traurige und schöne –, die könne man mit Skypetelefonie oder E-Mails nicht so gut miterleben. Trotzdem: Wieder sesshaft zu werden, könnte sie nur unter einer Bedingung: «Ich muss frei sein, jederzeit wieder gehen zu können.»

Dennoch ist die Freiheitsliebende, die ein multilokales Leben führt, in einer Partnerschaft. Eine Beziehung ist für sie kein Widerspruch zum unabhängigen Leben als digitale Nomadin. Ihr Partner führt als Filmemacher ebenfalls ein ortsunabhängiges Leben. «Eine nomadische Beziehung braucht viel Organisation und bewusste Pflege», sagt Fehler. Dass Fehler und ihr Partner so leben können, hat auch damit zu tun, dass sie keine Kinder haben. Oft sehen sich die beiden zwei oder drei Monate nicht, weil sie dann intensiv ihrer Arbeit nachgehen.

Danach sehen sie sich wieder für ein bis zwei Monate: «Dann geniessen wir die gemeinsame Zeit bewusst und intensiv», so Fehler. Und während sie davon erzählt, überzeugt ihr Strahlen. Fehler liebt ihre Freiheit, genauso wie sie die Zeit mit nahestehenden Menschen schätzt. Sie hat auch einen Begriff für diese serielle Art, die Partnerschaft zu leben: «Wir leben nach dem Flitterwochen-Konzept.»