Projekt

Dieses Zürcher Start-up entwickelt innovative Prothesen – weil es sich auf zwei Beinen besser lebt

Simon Oschwald (links) und Fabian Engel wollen «Circleg» über Hilfswerke in Entwicklungsländer vertreiben.

Simon Oschwald (links) und Fabian Engel wollen «Circleg» über Hilfswerke in Entwicklungsländer vertreiben.

«Project Circleg» stellt funktionale Prothesen aus recycliertem Kunststoff her.

Die zwei sind mit Tempo unterwegs. In weniger als einem Jahr haben die Industriedesigner Fabian Engel und Simon Oschwald das «Project Circleg» auf die Beine gestellt. Für ihre Bachelorarbeit haben der Zürcher und der Bündner eine Beinprothese aus recycliertem Kunststoff entwickelt, die sich auch in wenig entwickelten Ländern einfach und günstig herstellen lassen soll.

In der Entwicklung haben sie sich bestehende Prothesen in Indien und Kenia angeschaut und mit Menschen gesprochen, die eine Amputation erlebt haben. So wollten sie deren Bedürfnisse herausfinden. Natürlich, sagen sie, hätten ihnen dann auch erfahrene Orthopädinnen geholfen, die Prothese zu entwickeln.

Toilettengang ist ein Problem

Der Prototyp liegt vor ihnen auf dem Tisch, in ihrem Atelier in Wollishofen, gleich neben der Roten Fabrik. Er besteht aus einer Pilone, dem Unterschenkel, einem Knie- und einem Fussgelenk, sowie einem Fuss. Die Länge der Pilone, die Länge des Fusses sowie der Winkel des Übergangs vom Fuss zum Bein sind individuell anpassbar. «Bei vielen kostengünstigen Prothesen kann man diesen Winkel nicht verstellen», sagt Oschwald. Viele Prothesen seien deshalb nach kurzer Zeit abgenützt oder sie führten beim Patienten zu Schmerzen im Rücken oder in der Hüfte, weil die Bewegungen mit der Prothese den Oberkörper falsch belasteten.

Engel und Oschwald berücksichtigten auch, dass man auf vielen Toiletten in Kenia in die Hocke gehen muss – was mit einer herkömmlichen Prothese kaum möglich sei. Menschen mit Beinprothesen hätten ihnen von diesem Problem erzählt. Die Prothese von Engel und Oschwald hat darum einen Ring über dem Fussgelenk, den man hochziehen und so das Bein im 30 Grad Winkel nach vorne kippen kann.

Bis das Bein so produziert werden kann, wie sich die Designer das vorstellen, nämlich vor Ort und teilweise aus lokalem Kunststoffabfall, wird es noch zwei Jahre dauern, so ihre Schätzung. Für diese Zeit suchen die beiden finanzielle Unterstützung von Stiftungen. Für die Verbreitung der Prothese in den Ländern selber wollen sie mit NGOs zusammenarbeiten. Die Idee sei, die Prothese als ganzheitliches System an NGOs zu verkaufen, damit diese sie über ihre Kontakte und Vertriebssysteme in Umlauf bringen.

«Kenia wäre ein guter Anfang», sagt Oschwald. Dort haben zwei Schweizer eine Recyclingfirma aufgebaut, mit der sie sich eine Zusammenarbeit gut vorstellen könnten. Für die Prothese muss allerdings Kunststoff mit Glasfasern gemischt werden. Ob dieser Prozess in Kenia machbar ist, sei noch nicht klar.

Funktional, anpassbar, langlebig

«Natürlich haben wird das alles bis hierhin nicht alleine geschafft», sagt Oschwald. Die zwei hatten unter anderem Unterstützung von der Zürcher Hochschule der Künste, von einem Coach der sogenannten Self Impact Academy und vom Schweizer Unternehmen Weconnex, das in Entwicklungsländern Infrastruktur aufbaut. Der Bedarf nach kostengünstigen Beinprothesen sei vielerorts gross, sagt Oschwald.

Allein in Kenia stünden 800 Leute auf einer Warteliste. Zwar gebe es bereits günstige Beinprothesen, diese seien aber oft durch Spendengelder finanziert und von Materialimporten abhängig. Beispiele dafür sind die Beinprothesen, die das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in der Schweiz herstellt, für 250 Franken. Oder «Jaipur Leg» eines indischen Start-ups, das zu hundert Prozent spendenfinanziert ist.

Ihr Produkt habe den Vorteil, dass es sehr funktional, individuell auf den Nutzer anpassbar, langlebig und mit einem System verknüpft sei, das auf der Kreislaufwirtschaft basiere. Beim «Circleg» sollen sich auch Einzelteile ersetzen lassen. Wie viel eine Prothese kosten wird, ist noch nicht klar. Ziel sei es, sagten sie, mit dem Verkauf und Service von Prothesen aus «Project Circleg» ein nachhaltiges «Social Impact Business» zu machen.

Um von ihren Kunden direkt Rückmeldungen einzuholen und die Prothesen reparieren zu können, stellen sich Engel und Oschwald vor, mit einer mobilen Werkstatt auf einem Lastwagen durch Kenia zu fahren. «So müssten nicht alle nach Nairobi für eine Reparatur, und wir könnten direkten Kontakt mit den Menschen haben», sagt Engel.

Mit ihrem Projekt konnten die Jungunternehmer schon einige Preise abräumen, am letzten Mittwoch den mit 10 000 Franken dotierten ersten Platz der «Swiss Student Sustainability Challenge». Sie sind aber keineswegs naiv, der Weg sei noch weit.

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