Zürich

Dieser Verein organisiert Weihnachtsgeschenke für Armutsbetroffene

Alessandro und Fabienne Menna: Die beiden Co-Gründer des Vereins Siidefade lernten sich in einer Facebook-Gruppe für Menschen am Existenzminimum kennen.

Alessandro und Fabienne Menna: Die beiden Co-Gründer des Vereins Siidefade lernten sich in einer Facebook-Gruppe für Menschen am Existenzminimum kennen.

Der Zürcher Verein Siidefade wurde vor drei Jahren von Fabienne und Alessandro Menna ins Leben gerufen. Kennengelernt haben sie sich über eine Facebook-Gruppe, jetzt sind sie verheiratet. Fabienne Menna war einst selber verschuldet, nun gibt sie ihre Erfahrungen weiter.

Über 660'000 Menschen sind in der Schweiz laut Bundesamt für Statistik von Armut betroffen. Und wenn schon im Alltag oft das Geld fürs Nötigste knapp ist, bleibt für Weihnachtsgeschenke und -menüs erst recht kaum etwas übrig. Der in Zürich ansässige Verein Siidefade verbindet deshalb Menschen, die Hilfe benötigen, mit Menschen, die helfen wollen: Auf seiner Website (siidefade.ch) können Armutsbetroffene noch bis 25.November ihre Weihnachtswünsche eintragen. Ab 29. November können sich dann Hilfswillige online melden, um eingegangene Wünsche zu erfüllen.

Fabienne und Alessandro Menna haben die Aktion ins Leben gerufen. Sie lernten sich vor drei Jahren über eine Facebook-­Gruppe kennen, die Menschen am Existenzminimum mit Helfern verbindet. Heute sind sie verheiratet.

Fabienne Menna steckte damals in der Schuldenfalle. Sie hatte zusammen mit einem früheren Partner aus Leichtsinn einen Kredit aufgenommen, den sie nicht zurückzahlen konnte. Auf die Schulden folgten Betreibungen, auf die Betreibungen die Lohnpfändung. «Ich war frustriert, hässig und habe es nicht verstanden, weil ich überfordert war», sagt sie.

Alessandro Menna hatte sich als Helfer bei der Plattform für Leute am Existenzminimum gemeldet. «Wir trafen uns, weil ich eine Selbsthilfegruppe für verschuldete Menschen gründen wollte. Gemeinsam spannen wir das weiter und gründeten später den Verein Siidefade», sagt sie.

Inzwischen bilde der Verein Siidefade und die dazugehörige Facebook-Seite ein Netz- werk von schweizweit rund 30000Mitgliedern, bestehend aus Armutsbetroffenen und Helfern. «Manche werden von Helfern zu Betroffenen – und umgekehrt», sagt Fabienne Menna. Zu den Hilfsangeboten zählen auch Beratungen für den Umgang mit Ämtern und Versicherungen; teils von Leuten, die dort arbeiten, teils von Leuten, die als Armutsbetroffene oft mit diesen Institutionen zu tun hatten und nun ihr Wissen weitergeben.

Ihren Erfahrungsschatz weitergeben will auch Fabienne Menna. Die heute 31-Jährige erzählt, wie sie sich selbst aus der Schuldenfalle half. «Ich machte Einkaufslisten und kaufte nur noch ein, was darauf stand.» Bezahlt wurde mit Bargeld statt mit Karte. Am Samstagfrüh klapperte sie jeweils die Läden ab, um die günstigsten Angebote für das Lebensnotwendige zu vergleichen. Beim Kochen achtete sie darauf, dass alles wegkam. Kleider trug sie nun länger und begann wieder zu nähen. Ausgang gab es nicht mehr: «Ich traf mich mit Freunden auf dem Balkon.»

Sie setzte sich das Ziel, mit 30 Jahren wieder schuldenfrei zu sein. Und erreichte es. Doch der Weg aus der Schuldenfalle war schwierig. Zeitweise habe sie unter dem Existenzminimum gelebt. Seit März 2019 arbeite sie nun selbstständig im Marketingbereich.

Motto «gemeinsam statt einsam»

Das Coronajahr 2020 sei auch für sie als Selbstständigerwerbende anstrengend gewesen. «Dieses Jahr ist es umso wichtiger, dass man einander helfen kann und nicht alleine ist», sagt Fabienne Menna. Getreu dem Motto des Vereins Siidefade: «gemeinsam statt einsam».

Mit der Weihnachtsaktion werden denn auch Menschen zusammengebracht. Wer ein Weihnachtsessen spenden will, tritt mit denen, die sich das wünschen, in Kontakt. «Manche gehen zusammen einkaufen und bereiten das Essen vor. Andere stellen die Einkaufstüte zu einer abgemachten Zeit vor die Türe», erklärt Menna.

Wer ein Weihnachtsgeschenk machen will, erhält per E-Mail Kontaktmöglichkeiten zum Haushalt, aus dem der Wunsch kam, und verpflichtet sich sicherzustellen, dass das Geschenk bis am 24.Dezember ankommt. Die Hilfe sei auch unter Coronabedingungen machbar; das habe eine Hilfsaktion während des Lockdowns im Frühling gezeigt, sagt die Siidefade-Co-Gründerin.

Bereits letztes Jahr führte der Verein eine Weihnachtsgeschenkaktion durch. Rund 230Haushalte bekamen dabei ihre Wünsche erfüllt. Weihnachtsgeschenke und -essen seien etwa gleich oft gewünscht worden, wobei vor allem bei kinderreichen Familien Geschenkwünsche überwogen. Während für Kinder Spielsachen gefragt waren, seien es für Erwachsene eher praktische Dinge gewesen: Haushaltartikel, kleinere Möbel, Bücher oder Ausflüge mit der Familie, etwa mit einem Tagesgeneralabonnement für den öffentlichen Verkehr.

Und was ist für Fabienne Menna selbst der grösste Weihnachtswunsch? Sie überlegt kurz. Dann sagt sie: «Dass ich mit der Familie Weihnachten feiern kann – und nicht noch mehr Corona-Auflagen kommen.»

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