Zürich

Dieser Mann macht im Hauptbahnhof die Musik: «Das ist eine heikle Aufgabe»

«Wir können nicht alle glücklich machen»,  sagt Alexander Dal Farra, der für die Hintergrundmusik im Untergrund des Hauptbahnhofs verantwortlich ist.Barbara Hess/zvg

«Wir können nicht alle glücklich machen»,  sagt Alexander Dal Farra, der für die Hintergrundmusik im Untergrund des Hauptbahnhofs verantwortlich ist.Barbara Hess/zvg

Alexander Dal Farra berieselt mit seiner Firma DMD2 den HB. Wie in einem kleinen Büro die Musik für den grössten Bahnhof der Schweiz ausgewählt wird – und wieso es Gölä und Wham! nicht auf die Playlist schaffen.

Die einen nehmen sie gar nicht wahr. Andere heitert sie auf. Und eine dritte Gruppe findet sie unnötig und nervig. Die Rede ist von der Hintergrundmusik, die seit Dezember in den unterirdischen Einkaufspassagen des Hauptbahnhofs Zürich abgespielt wird. Mit Stimmen von Katie Melua, Sheryl Crow, Ed Sheeran und anderen Künstlern wollen die SBB die kühle Atmosphäre der Mall ein wenig aufwärmen.

Der Pilotversuch, der bis Ende Juni laufen sollte, wurde mittlerweile auf alle unterirdischen Ladenzonen und deren Querverbindungen ausgedehnt. Vieles spricht für eine definitive Einführung. Die SBB wollen aber die Resultate ihrer eigenen Kundenbefragung abwarten. Nach Aussagen der Bahnbetreiberin sind nur anfangs ein paar negative Reaktionen eingegangen.

Migros und Hotels in den USA

Das freut Alexander Dal Farra. Denn seine Firma Digital Media Distribution (DMD2) mit Sitz im bernischen Kehrsatz ist für die Hintergrundmusik am HB verantwortlich. Die Redaktoren von DMD2 produzieren über 100 Kanäle für Einkaufszentren, Hotels und Läden. Die Songs pflücken sie aus einer eigenen Datenbank, die rund eine Million Tracks enthält und laufend mit Neuheiten gefüttert wird. «Wie ein Walfisch schlucken wir alles, was auf den Markt kommt», erklärt Dal Farra. «Dann verschlagworten wir die Songs mit Tonart, Energielevel und weiteren Angaben.» Die Bandbreite reicht von Ländler über Fado bis zu Deep House.

Für die Musik am Hauptbahnhof werden aus diesem Fundus bis zu 3000 Lieder ausgewählt. Ein bis zwei Mal pro Woche wird die Liste aktualisiert. «Zum Vergleich: Ein Privatradio hat ein Repertoire von ungefähr 700 Tracks. Dafür wird es häufiger gewechselt», sagt Dal Farra.

Zu den Kunden des elf Mitarbeiter kleinen Unternehmens gehören PKZ, Bucherer und Companys. Auch die Migros lässt ihre Super- und Fachmärkte in Zürich von DMD2 bespielen. Weitere Abnehmer sind die Hotels Baur au Lac, Atlantis, Padrutt Palace in St. Moritz oder die Tibits-Restaurants. Die auf das jeweilige Publikum und Konzept abgestimmten Playlists werden sogar in Hotelresorts in Australien und den USA gehört. Mit Bahnhöfen hat DMD2 bis zum Auftrag der SBB noch keine Erfahrung gesammelt.

Herr Dal Farra, wie unterscheidet sich die Hintergrundmusik am HB von der einer Hotellobby oder eines Kleiderladens?

Alexander Dal Farra: In vielen Läden gehört die Musik zum Konzept. Im Tally Weijl oder New Yorker zum Beispiel wähnt man sich in einer Disco. In Hotellobbys dagegen ist eher Diskretion angesagt. Die Musik soll die Gäste runterholen. Am Bahnhof ist es ähnlich. Sie soll zur Entschleunigung beitragen, damit man sich gut aufgehoben fühlt und verweilen mag.

Was heisst das in Bezug auf die Musikwahl?

Sie sollte nicht polarisieren, aber auch nicht langweilen. Es ist wichtig, dass man nicht bloss einen Standard-Musikteppich à la Radio Swiss Pop auflegt, sondern die Musik gezielt auswählt. Und wir nehmen uns die Freiheit, die Hörer am HB auch mal herauszufordern.

Mit Heavy Metal und Techno?

Das schon nicht. Aber mit Songwriter- und Alternativ-Sound. Dort liegt unser Fokus.

Entspricht das dem Geschmack der SBB-Verantwortlichen?

Anfangs wünschten sie sich Lounge- und Chillout-Sound. Wir wollten aber nicht nur «Café del Mar» und Ähnliches abspielen, sondern die Hörer mit Liedermacher-Handwerk herausfordern. Das Ausloten der Musikrichtung ist allerdings nie abgeschlossen. Wir wollen das Profil zusammen mit den SBB laufend optimieren und verfeinern.

Wie waren die anfänglichen Reaktionen?

Vorwiegend positiv. Überrascht hat uns aber das mediale Echo. Die visuelle Welt interessiert oft mehr. Das hat uns aber motiviert, uns der Sache noch etwas näher zu widmen.

Werden Stil und Lautstärke der jeweiligen Tageszeit angepasst?

Die Lautstärke liegt permanent bei etwa 75 Dezibel, das ist etwas lauter als in einem Einkaufszentrum und bleibt auch in der Rushhour so. Wir wollen nicht die normale Geräuschkulisse konkurrenzieren. Es ist sowieso kein Problem, wenn man die Musik mal nicht hört. Sie soll unterstützend sein, nicht dominant. Morgens und abends sind eher ruhigere Töne zu hören, tagsüber eher lebendige.

Was erwartet die Pendler zu Weihnachten? «Jingle Bells» und «White Christmas»?

Nein, auch «Last Christmas» von Wham! wird man am HB nicht hören. Eher Titel, die man nicht unbedingt erwartet, vielleicht Weihnachtslieder von Heather Nova oder Mario Biondi.

Sie erwähnen ausschliesslich englischsprachiges Liedgut. Was ist mit Mundart, mit Chansons?

Das Publikum am HB ist kosmopolitisch. Von daher müsste man nicht Rücksicht nehmen. Dennoch: Gölä und Co sind eher kein Thema.

Kein «Heimweh» von Plüsch, wenn der Zug aus Bern ankommt? Keine FCZ-Hymne, wenn der Fanzug der gegnerischen Mannschaft eintrifft?

Das wäre interessant (lacht). Aber nein, so etwas ist nicht geplant.

Muss die Playlist den Mitarbeitenden gefallen?

Das hat nicht Priorität. In Läden ist das anders. Dort sollten die Ansprüche der Marke, der Kundschaft und der Mitarbeitenden berücksichtigt werden. Am HB zählt einzig, was den Reisenden passt.

Wie viel zahlen die SBB für diesen Service?

Zahlen möchte ich keine nennen. Aber dafür, dass wir rund um die Uhr Musik liefern, ist es eigentlich günstig. Dass Musik nicht mehr soviel Wert hat, spüren auch wir. Doch ich beklage mich nicht. Weil wir eine schlanke Organisation mit vielen Kunden und tiefer Kostenstruktur haben, lohnt es sich für uns.

Folgen bald weitere Bahnhöfe?

Wir sind noch in Kontakt mit einigen SBB-Reisecentern, zum Beispiel in Luzern. Eine flächendeckende Einführung ist allerdings nicht geplant. Wir rechnen eher mit kleinen Schritten.

Nicht allen gefällt diese Dauerberieselung.

Mit Musik zu kommunizieren, ist eine heikle Aufgabe. Von einem Plakat kann man sich abwenden. Das geht bei der Musik nicht. Stärker ist die Wirkung nur beim Geruch. Unser Anspruch ist auch nicht, dass die Hörer jubeln. Nach meiner Erfahrung gefällt es 5 von 10 Leuten – die andern 5 finden es überflüssig oder störend.

Trifft Sie das?

Nein. Wir können nicht alle glücklich machen. Und uns ist klar, dass Hintergrundmusik nicht das Wichtigste an einem Bahnhof ist.

Meistgesehen

Artboard 1