Zuwanderung  
Diese Zürcher Studentinnen vermitteln Flüchtlingen WGs

Zürcher Studentinnen setzen sich dafür ein, dass Flüchtlinge in Wohngemeinschaften aufgenommen werden. Das Modell funktioniert, doch es fehlt an Angeboten.

Heinz Zürcher
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Stefanie Werder und Fiona von Burg (r.) führen die Zürcher Ausgabe von Wegeleben.

Stefanie Werder und Fiona von Burg (r.) führen die Zürcher Ausgabe von Wegeleben.

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US-Wahlen, Erdbeben und andere Ereignisse haben die Bilder der Flüchtlingskrise aus vielen Köpfen verdrängt. Sommer 2015 war es, als das Thema die Schlagzeilen dominierte – und gleichzeitig ein paar junge Berner überlegten, wie sie den Neuankömmlingen wohl helfen könnten. Es war der Beginn von «wegeleben.ch»: Eine Website, die Flüchtlinge – oder besser Newcomer – an Wohngemeinschaften vermittelt.

Newcomer? Der Begriff Flüchtling sei negativ besetzt, erklären die Initianten. Und er reduziere einen Menschen auf seine Flucht, deshalb die Verwendung von «Newcomerin» und «Newcomer».

Auf jeden Fall machte die Website schnell die Runde. Zahlreiche Wohngemeinschaften meldeten sich. Bald wurde die Idee zu einer kleinen Erfolgsgeschichte. Wegen der vielen Anfragen aus dem Grossraum Zürich gründeten Stefanie Werder und ihre drei Kolleginnen im Herbst des vergangenen Jahres einen Ableger in Zürich. Zehn Newcomer haben die Studentinnen bisher an WGs vermittelt, den letzten im vergangenen Monat.

Warteliste mit über 70 Namen

Die Nachfrage ist ungebremst, doch die Zahl der Wohnangebote ist eingebrochen. «Wir spüren, dass das Thema nicht mehr ganz so präsent ist», sagt Stefanie Werder (25), die mittlerweile noch mit Fiona von Burg (25) und Aissata Sow (28) ehrenamtlich den Zürcher Ableger führt. Fünf bis zehn Newcomer melden sich pro Woche auf der Website an. Die Warteliste ist mittlerweile über 70 Namen lang.

Um zu erfahren, wer am dringendsten ein Zimmer braucht, laden die Vermittlerinnen die Bewerberinnen und Bewerber gruppenweise zu einem Infoabend ein. Dabei geht es auch darum, sich persönlich kennen zu lernen, die Eigenheiten der WG-Kultur zu erklären und auf alternative Wohnungsanbieter und Plattformen wie beispielsweise «wgzimmer.ch» hinzuweisen. «Wir können nichts versprechen», sagt Werder. «Manchmal wird schon am nächsten Tag ein Zimmer frei, manchmal erst in einem Monat.»

Nicht gratis

Zum Zug kommen in erster Linie anerkannte Flüchtlinge mit einem B-Ausweis oder vorläufig Aufgenommene mit einem F-Ausweis. Wenn möglich werden auch Asylsuchende mit N-Ausweis berücksichtigt. Zu deren Herkunft gibt Werder keine Auskunft. «Wir fragen nicht nach, weil es schlicht keine Rolle spielt, woher jemand kommt», sagt sie. Die Bandbreite sei jedenfalls gross.

Vermittelt werden die Newcomer meistens an Studenten-WGs in der Stadt Zürich, aber auch an Einzelpersonen und Familien. Für die Miete bezahlen sie im Durchschnitt zwischen 400 und 700 Franken pro Monat, in den häufigsten Fällen genauso viel wie ihre Mitbewohner. Schliesslich sind auch die Budgets der Studenten begrenzt.

«Trennung wäre kein Drama»

Sobald sich eine WG über die Website meldet, wird ein persönliches Treffen vereinbart. Falls gewünscht, bleibt Wegeleben auch nach dem Einzug Ansprechpartner. Ansonsten überlassen die Vermittlerinnen so viel wie möglich den Wohngemeinschaften. Offenbar geht die Rechnung auf. «Streit oder Ungereimtheiten sind uns bislang keine zu Ohren gekommen», sagt Werder. «Das werten wir als positives Zeichen.»

Natürlich sei es ihr Ziel, einen Newcomer langfristig unterzubringen. Es sei aber auch kein Drama, wenn man sich wieder trenne, wenn beispielsweise die Chemie nicht stimme oder sonstige Probleme entstehen. So laufe es nun mal in Wohngemeinschaften.

Sowieso wünschen sich die Initianten von Wegeleben, dass Newcomer wie ganz normale Mitbewohner behandelt werden. Im Idealfall verselbstständigt sich das Projekt, sodass es künftig weder Vermittlerinnen wie Stefanie Werder noch den Begriff Newcomer braucht. «Das ist unsere Vision», sagt Werder. «Und bis dahin werden wir versuchen, möglichst viele Zimmer zu vermitteln.»

Jeder kann Flüchtlinge bei sich aufnehmen – mit Vorgaben

Wie die Initanten von wegeleben.ch vermittelt auch die Asylorganisation Zürich (AOZ) Wohnungen für anerkannte Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen. Sie wohnen sonst in den Unterkünften der AOZ, haben das Asylverfahren durchlaufen, ein Bleiberecht erhalten und stehen vor der Aufgabe, sich in der Schweiz zu integrieren.

Flüchtlinge beziehen Sozialhilfe, wobei die zuständige Sozialbehörde festlegt, bis zu welcher Höhe die Mietkosten von der Sozialhilfe übernommen werden. Dabei orientiert sie sich an den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos). In der Stadt Zürich beispielsweise werden für ein Zimmer in einer 4-Personen-WG 575 Franken bezahlt. Darf ein Flüchtling bei einer Einzelperson oder einer Familie einziehen, fällt der Betrag etwas tiefer aus: Bei einem 4-Personenhaushalt sind es dann noch 450 Franken. Der Mietzins darf auch tiefer ausfallen.

Gratisangebote werden aber nicht vermittelt. Damit sollen Abhängigkeiten vermieden werden. Die AOZ bespricht mit potenziellen Vermietern die Abläufe und Mietkosten, der Mietvertrag wird aber vom Flüchtling selber unterzeichnet. Für die meisten Flüchtlinge ist es schwierig, in einem angespannten Wohnungsmarkt wie in Zürich eine Bleibe zu finden. Damit sie nicht ständig auf Wohnungssuche sind und sich in einem stabilen Umfeld integrieren können, zieht die AOZ langfristige Mietverhältnisse vor.

Bei Wohnungen wird vor Vertragsabschluss eine Mindestdauer von einem Jahr vorausgesetzt, bei Einzelzimmern eine solche von sechs Monaten. Seit Sommer 2015 hat die AOZ in der Stadt Zürich 16 Personen an Wohngemeinschaften vermittelt. Wichtig war, sagt Corinne Widmer von der AOZ, dass alle Parteien vorgängig gut informiert wurden: insbesondere über die Lebensumstände der Flüchtlinge und die Grundidee einer WG. Die Vermittlungen seien sehr positiv verlaufen. «Sie zeigen, wie entscheidend der persönliche Kontakt für die Integration der Flüchtlinge ist.» (hz)