Paralympics
Diese Winterthurerin schlägt selbst Gegner mit Beinen

Die unterschenkelamputierte Abassia Rahmani will in Rio de Janeiro das 100-Meter-Finale erreichen.

Florian Niedermann
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Mehr Kraft dank härteren Rennfedern: Abassia Rahmani könnte über 100 Meter bald mit der Weltspitze der unterschenkelamputierten Läuferinnen mithalten. fni

Mehr Kraft dank härteren Rennfedern: Abassia Rahmani könnte über 100 Meter bald mit der Weltspitze der unterschenkelamputierten Läuferinnen mithalten. fni

Florian Niedermann

»Kaum ist der Startschuss gefallen, scheint das Rennen an der EM in Grosseto schon gelaufen. Abassia Rahmani kommt viel zu langsam aus den Blöcken, die meisten Konkurrentinnen liegen nach wenigen Schritten vor ihr. Erst nach einigen Metern nimmt die 23-Jährige Tempo auf, findet ins Rennen und überholt eine Läuferin nach der anderen. Kurz vor dem Ziel des 100-Meter-Laufs sprintet sie an vierter Position, vor ihr die Drittplatzierte Italienerin Federica Maspero. «Diese Medaille gehört mir!», denkt Rahmani: Sie holt die letzten Reserven aus ihren Oberschenkeln und den Karbonfedern, die unterhalb des Knies befestigt sind. Dann die Sensation: Auf den letzten Metern überspurtet sie die direkte Konkurrentin und gewinnt an ihrer ersten EM in 14,78 Sekunden Bronze.

Rahmani, die Unterschenkelamputierte mit algerischen Wurzeln, ist mit dem Lauf an der Behindertensport-Europameisterschaft vom Juni noch heute nicht zufrieden: An den Wettkämpfen davor hatte sie ihre Bestzeit auf 14,33 verbessert. Neben dem schlechten Start habe auch der Gegenwind in Grosseto eine bessere Zeit verunmöglicht, sagt sie. Und doch weckte der Medaillenlauf Hoffnungen. Seither unterbot Rahmani zweimal die Paralympics-A-Limite von 14,10 und wird nun im September für die Schweiz in Rio starten.

Virus-Infekt kostete sie die Beine

Noch vor sechs Jahren hätte die kaufmännische Angestellte aus Wila im Tösstal nicht im Traum an solche Erfolge gedacht. 2009, im Alter von 16 Jahren, erkrankte sie an einem Virus, infolge dessen die Ärzte ihr beide Unterschenkel amputieren mussten. So drastisch der Eingriff für die begeisterte Turnerin und Snowboarderin gewesen sein muss, so wenig Aufhebens macht sie heute darum. Sie wolle an ihrer Leistung gemessen werden, nicht an ihrer Leidensgeschichte, sagt Rahmani. Zwar stand sie bereits ein Jahr nach der Operation wieder auf dem Snowboard, doch fokussierte sie sich vorerst auf den Lehrabschluss. «An Leistungssport war zu dem Zeitpunkt nicht zu denken», erklärt sie.

Die Wende brachte ein Besuch Rahmanis bei ihrem Orthopädietechniker: Im Vorzimmer lag ein Flyer auf, auf dem ein Jogging-Training mit Heinrich Popow beworben wurde, dem Deutschen einseitig Oberschenkel-amputierten 100-Meter-Sieger der Paralympics 2012 in London. Rahmani nahm teil und war hell begeistert: «Es machte unglaublich Spass, das erste Mal mit Rennfedern zu laufen. Plötzlich war die Leichtigkeit von vor der Operation wieder da», sagt sie. Vor etwas mehr als zwei Jahren begann sie beim Leichtathletik Verein Winterthur mit ersten Trainings.

Mit der Leichtigkeit des Workshops war es damit vorbei. Rahmani habe erst lernen müssen, mit den Rennfedern zu laufen, was technisch sehr anspruchsvoll sei, sagt ihr Trainer Georg Pfarrwaller vor einer Trainingseinheit auf der Winterthurer Leichtathletikanlage Deutweg: «Zu Beginn war das sicher frustrierend. Es gab zwar erste Erfolgserlebnisse, aber Abassia schaffte es nie, die Trainingsleistungen an Wettkämpfen abzurufen.» Auch Rahmani sagt, sie habe hart arbeiten müssen, um die richtigen Einstellungen der Federn zu finden und den Körper wieder an die Belastung des Laufens zu gewöhnen.

Paralympics: Drei Zürcher vertreten die Schweiz

Das Swiss Paralympic Committee hat für das Turnier, das vom 7. bis zum 18. September in Rio de Janeiro stattfinden wird, insgesamt 21 Athletinnen und Athleten in sieben Sportarten selektioniert. Bei den Leichtathletik-Wettbewerben starten neben der Wilemerin Abassia Rahmani sieben weitere Personen für die Schweiz. Unter den Schweizer Paralympics-Teilnehmerinnen und Teilnehmern sind mit dem sehbehinderten Embracher 100- und 200-Meter-Läufer Philipp Handler sowie dem Stadtzürcher Para-Cycler Lukas Weber zwei weitere Athleten aus dem Kanton Zürich vertreten. (fni)

Nie Neid auf Unversehrte

Von Beginn an trainierte sie mit Leichtathleten, die über beide Beine verfügten. Neid auf deren unversehrte Körper habe sie auch in dieser harten Anfangsphase aber nie verspürt, sagt Rahmani: «Ich habe mich eher aufgeregt, weil ich nicht mit ihnen mithalten konnte.» Dann, Anfang 2016, gelang der Sprinterin aus Wila plötzlich der Durchbruch, wie ihr Trainer Pfarrwaller sagt: «In 60-Meter-Läufen schlug Abassia erstmals Jungs ohne Amputationen. Von dem Moment an machte sie schnell Fortschritte.» Was folgte, ist eine Erfolgsgeschichte: die EM-Medaille, Läufe unter 14,10, die Selektion durch das Swiss Paralympic Committee, dazu erste Versuche über 200 Meter und im Weitsprung. Teamkollegen nennen Rahmani heute «die Gazelle».

Derzeit trainiert die Athletin sechsmal wöchentlich; ihre 70-Prozent-Anstellung erlaubt es ihr, unter der Woche um 15 Uhr Feierabend zu machen. Für Rio hat sie sich hohe Ziele gesteckt: «Ich hoffe, dass ich den Finallauf erreiche», sagt die Newcomerin. Zu den Medaillenanwärterinnen gehört Rahmani laut Trainer Pfarrwaller dieses Jahr zwar nicht. In Tokyo 2020 werde sie aber wohl eine Leistungsträgerin der Schweizer Delegation sein. Auch wenn sie in Trainings bereits die Marke von 14 Sekunden unterboten hat – ganz vorne mitlaufen kann die Tösstalerin an Turnieren der Weltspitze nicht. Zwischen ihr und dem Weltrekord der Holländerin Marlou van Rhijn (12,96 Sekunden) liegen noch immer Welten.

Noch. Denn für Rio erhielt Abassia Rahmani neue, härtere Rennfedern. Wenn sie sich damit wohlfühle und die direktere Kraftübertragung nutzen könne, sei eine Verbesserung von einer Sekunde durchaus drin, sagt Pfarrwaller. An diesem Abend testet die Sprinterin das Material erstmals. Entsprechend gross ist die Spannung bei ihr und ihrem Trainer. Doch dann fliegt Rahmani auf den neuen Federn über die Bahn, als hätte sie nie andere getragen. Zurück am Start antwortet sie auf die fragenden Blicke: «Sie fühlen sich sehr gut an, ich habe mehr Kraft als vorher.» Federnden Schrittes geht die Sprinterin auf die Startlinie zu, steigt in den Startblock, den Blick geradeaus gerichtet. Und schon ist Abassia wieder «die Gazelle».