Ende August flatterte etlichen Kantonsbewohnern zu Unrecht eine Rechnung über 5000 Franken ins Haus. Der Absender war die Ärztegesellschaft des Kantons Zürich (AGZ), in der fast alle Zürcher Ärzte Mitglied sind. Ihre Forderung: Man soll die 5000 Franken zahlen, weil man keinen ärztlichen Notfalldienst leiste. Blöd nur, dass mindestens ein Adressat der Forderung gar kein Arzt ist: alt Nationalrat Christoph Mörgeli (SVP). Die Ärztegesellschaft wies ihn an, die 5000 Franken zu überweisen. Das bestätigt er auf Anfrage. Mörgeli ist aber kein Mediziner, sondern Historiker. Er hat Geschichte, Politologie sowie Germanistik studiert und ist nun Titularprofessor an der Medizinischen Fakultät. Er nahm die falsche Rechnung mit Humor: «Sowas kann doch mal passieren. Für mich handelt es sich um eine Bagatelle. Die Zürcher Ärztegesellschaft und deren Mitglieder leisten seit über zweihundert Jahren Hervorragendes für unser Gesundheitswesen.»

So locker Mörgeli als Nicht-Arzt die Sache nimmt, so sehr sorgte sie bei einigen Ärzten für Unmut. Denn laut einem internen Newsletter der Ärztegesellschaft haben «etliche Ärztinnen und Ärzte», die Notfalldienst leisten, also Nacht für Nacht zum Wohl der Patienten im Kanton herumfahren, die Rechnung zu Unrecht erhalten. «Es tut uns leid, dass wir mit dem Rechnungsversand diesen Ärger verursacht haben», schreibt der Generalsekretär der Ärztegesellschaft, Michael Kohlbacher, in dem E-Mail. Es liegt der Schweiz am Wochenende vor.

Die Standesorganisation zieht die Ersatzabgabe aufgrund eines gesetzlichen Auftrages ein. Und sie wusste, dass sie falsche Rechnungen verschickte. Kohlbacher schrieb in dem E-Mail: «Wir waren uns bewusst, dass die Datenqualität nicht 100-prozentig ist.»

Bereinigung zu aufwendig

Wegen der grossen Datenmengen sei eine manuelle Bereinigung unverhältnismässig aufwendig und mit den verfügbaren Personalressourcen nicht zu bewältigen gewesen. Die Ärzte, bei denen ein technischer Abgleich ergeben habe, dass sie mit Sicherheit Notfalldienst leisten, seien herausgefiltert worden. «Alle anderen erhielten zunächst eine Rechnung», schrieb Generalsekretär Kohlbacher. «Da uns aber klar war, dass somit auch Ärzte eine Rechnung erhalten konnten, die Dienst leisten, haben wir auf der Rechnung die Aufforderung notiert, dass sich diese Ärztinnen und Ärzte bitte bei der AGZ melden mögen.» Kohlbacher schrieb weiter: «Es kann sein, dass Sie wegen vieler Anrufe nicht gleich durchkommen, bitte rufen Sie dann nochmal an oder schreiben Sie ein Mail. Die Mails können wir zurzeit nicht tagfertig bearbeiten, werden Sie aber so schnell wie möglich beantworten.»

Gerne hätte die Schweiz am Wochenende gewusst, wie viele falsche Rechnungen es gab. Auf präzise Fragen, etwa wie Christoph Mörgeli als Historiker in die Rechnungsadressen gekommen sein könnte, wollte die Ärztegesellschaft aber keine Antwort geben.

Stattdessen beklagte sich die für Kommunikation zuständige Person in einem ausführlichen E-Mail über die «unnötige Presse». Als die Ärztegesellschaft erfuhr, dass dieser Zeitung der Newsletter von Kohlbacher vorliegt, schickte der Generalsekretär dann doch eine Stellungnahme. Darin schreibt er, die möglichen Fehlerquellen — etwa Dateien der Gesundheitsdirektion, die Mitgliederdatenbank der Ärztegesellschaft sowie falsche Datenmeldungen von Ärzten — seien im Vornhinein bekannt gewesen. «Wir haben versucht, alle Daten bestmöglich zusammenzuführen und Fehler zu bereinigen.» Dies sei zum Teil nicht möglich gewesen, weil etwa Auskünfte verweigert wurden. Jeden einzelnen Fall individuell zu überprüfen, hätte «überschlagsmässig den Einsatz einer Vollzeitstelle für ein halbes beziehungsweise ein ganzes Jahr bedeutet». Im Sinne einer Güterabwägung habe er entschieden, den Zusatzaufwand zu Lasten der Mitglieder nicht in Kauf zu nehmen.

Wer keinen Notfalldienst leistet, zahlt nun deutlich mehr

Die falsche Rechnungstellung kommt für die Ärztegesellschaft auf jeden Fall zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Viele Ärzte sind ohnehin aufgebracht, weil sie neu 5000 Franken pro Jahr bezahlen müssen, wenn sie keinen Notfalldienst leisten. Zuvor zahlten die Ärzte in den Bezirken Dietikon und Zürich beispielsweise 1500 Franken. Den neuen Tarif bestimmte der Kantonsrat. Neu ist auch, dass die kantonale Ärztegesellschaft das Geld erhält. Zuvor waren es die lokalen Organisationen. Die Standesorganisation soll damit die Organisation des Notfalldienstes bezahlen. Wie viel Geld die Ärztegesellschaft mit der Notfalldienst-Ersatzabgabe einnehmen wird, wollte sie nicht sagen.