Wipkingen
Diese Kunst ist ein Kommunikations-Experiment

Das Trio Mickry 3 ist ein sicherer Wert in der Kunstszene, auch wenn – oder gerade weil – viele ihrer Skulpturen provozieren. Das neuste Objekt hingegen wirkt sanft und orientiert sich an den sogenannten «Emoticons».

Regula Pfeifer (Text und Bilder)
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Regula Pfeifer

Unkraut besiedelt die Rabatte, die Lifttüre ist mit Graffiti besprayt und eine Plastikplane flattert über den Köpfen der rund dreissig Besucherinnen und Besucher, die sich zur Vernissage des Künstlerinnentrios Mickry 3 eingefunden haben.

Die Dachterrasse über der Post in Zürich Wipkingen vermittelt einen verwilderten Eindruck. Doch sie ist ein wesentlicher Teil des aktuellen Kunstprojekts. Seit zwei Wochen haben die drei Künstlerinnen hier über den Dächern Zürichs an einer Skulptur gearbeitet. «Das ist ein Kommunikationsexperiment», erklärt Dominique Vigne, eine der drei Künstlerinnen. Auf der öffentlich zugänglichen Dachterrasse hängen oft Jugendliche ab. Einige von ihnen trafen die Künstlerinnen an, als sie ihr Projekt in Angriff nahmen. Sie kamen mit ihnen ins Gespräch, während sie mit Meissel und Hammer beschäftigt waren, drängten sich aber nicht auf. «Wir wollten schauen, wie sie reagieren und versuchten, sie ungezwungen einzubeziehen», sagt Vigne.

Ziel war es, den Jugendlichen etwas Neues näherzubringen, konkret: «Wir wollten ihnen einen Draht zur Kunst vermitteln.» Tatsächlich kam bereits am ersten Tag ein junger Mann auf sie zu und beteiligte sich. Später meinte ein anderer: Von dieser Kunst fühle er sich angesprochen.

Das freute die Frauen, die alle um die dreissig sind. Ihre Absicht war, eine Brücke zu bauen zu den Jugendlichen, die einer neuen Generation angehören. «Wir merkten, wir haben zwar nicht dieselbe Sprache, doch benützen wir dieselben Zeichen», sagt Vigne. Gemeint sind die Zeichen, die viele an ihre SMS hängen, sogenannte Emoticons, die anzeigen, was man wie meint oder wie man sich dabei fühlt.

Die Künstlerinnen haben weissliche Steinblöcke aus Ytong, einem betonähnlichen Baumaterial, zusammengestellt und daraus eine Skulptur kreiert. Eine massive Plastik, rund zweieinhalb Meter lang, etwa vierzig Zentimeter breit und knapp zwei Meter hoch, steht quer auf der Terrasse. Gross sind auch die eingemeisselten Emoticons. Eine Hand zeigt mit dem Zeigefinger schräg nach unten, zum Brief mit Herz und zum Gesicht mit Herzmund. Eine dreiteilige Säule mit schräger Spitze schliesst links ab. Hinten sieht alles fast gleich aus. Nur hat das Gesicht hier Herzaugen und einen lachenden Mund.

Diese Emoticons-Skulptur wird mindestens drei Monate auf dieser öffentlichen Dachterrasse stehen. Alles Weitere ist offen. «Wir wissen nicht, was damit passiert», sagt Vigne, «vielleicht wird sie eines Nachts besprayt.» Das würde sie keineswegs stören, im Gegenteil, das wäre Teil des Projekts. Die Stadt Zürich übrigens hat das Ganze mit ihrem finanziellen Beitrag ermöglicht.

Von den Jugendlichen ist an diesem Abend nichts zu sehen. Dafür haben sich Leute aus dem kulturellen Umfeld eingefunden. Ein Herr, der ungenannt bleiben will und sich für die Kunst am Bau in der Kalkbreite-Überbauung engagiert, kennt das Künstlerinnentrio seit seinen Anfängen. Ihm gefalle dessen eigenständige Formensprache und spielerischer Zugang. Am aktuellen Projekt erkennt er Anklänge an die russische Avantgarde. Hans Feld und Paul Meyer, beides Architekten, sind ebenfalls begeistert. «Sie sind gut, erfolgreich und ziemlich respektlos», so Hans Held. Er freut sich über den Schwung, mit dem die Künstlerinnen an die Themen herangehen – und den sie auch in ihren Verein einbringen, die Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer.

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