Gesundheit
Diese Kinder kämpfen gegen ihre Kilos

27 Mädchen und Buben besuchen das Lager für übergewichtige Jugendliche, das von der Fachstelle Sport des Kantons Zürich bereits zum dritten Mal durchgeführt wurde. Dort wird ihnen das Einmaleins der gesunden Ernährung beigebracht.

Thomas Schraner
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Im Camp in Zweisimmen stehen gesunde Ernährung und viel Bewegung auf dem Programm. Martin Rütschi

Im Camp in Zweisimmen stehen gesunde Ernährung und viel Bewegung auf dem Programm. Martin Rütschi

Limmattaler Zeitung

«Ruhe bitte!». Hauptlagerleiterin Angie Batschelet versucht sich im Esssaal des Ferienlagers «Musikhaus» Gehör zu verschaffen. Der Lärmpegel ist beträchtlich, sinkt aber allmählich. Jetzt verkünden drei Jugendliche, die heute zur Küchenmannschaft gehören, das Mittagsmenü: 1. Gemüsesuppe, 2. Tomaten mit Mozzarella,3. Crèpes mit Spinat und Apfelmus. Nach der Ansage eröffnet die Lagerleiterin das Buffet. Die Jugendlichen stehen an und schöpfen.

«Zack», nennt sich dieses Lager für Übergewichtige, das die Fachstelle Sport des Kantons bereits zum dritten Mal durchführt. Die übergewichtigen Jugendlichen sollen unter ihresgleichen lernen, sich gesund zu ernähren und ausreichend zu bewegen. Einem Dutzend von ihnen sieht man an, dass sie zu den fünf Prozent der dicksten Kindern ihres Jahrgangs gehören. Sie sind schwer adipös, wie man im Fachjargon sagt.

Grosse Küchenmannschaft

Bei einigen andern ist das Problem nicht so offensichtlich. Würde man sie aber mit Normalgewichtigen ihres Jahrgangs vergleichen, sähe man den Unterschied sofort, erklärt die Lagerleiterin. «Wichtig ist, dass sie kommen, wenn es noch nicht allzu schlimm steht», sagt die gelernte Sportlehrerin und Bewegungswissenschafterin. Je mehr Übergewicht, desto schwieriger wird später das Abspecken. Zur täglichen Küchenmannschaft gehört ein halbes Dutzend Jugendliche, die unter Anleitung von Ernährungsberaterinnen in der Küche mithelfen. «Manche haben noch nie in ihrem Leben ein Rüebli geschält», weiss die Lagerleiterin. Heute geht es in der Küche darum, die Äpfel für das Apfelmuss in Stücke zu schneiden und dann die Crèpes in der Pfanne zu braten.

Das elegante Wenden der Crèpes in der Luft misslingt zwar meistens, erhöht aber den Spassfaktor. Ein alter Schlager aus dem Radio bringt zwei Jugendliche so in Stimmung, dass sie statt dem Kochlöffel das Tanzbein zu schwingen beginnen. Nur wenn es zu bunt wird, greift Ernährungsberaterin Annemarie Gluch ein. So weit ist es noch nicht. Die Jugendlichen wollen zwar Spass haben, sind aber lernbereit. Gluch wusste dies im Verlauf der Woche zu nutzen. Sie brachte ihnen das kleine Einmaleins der gesunden Ernährung bei und klärte sie über die Tücken des Fastfood auf. Wichtig sind auch die Gesetze des Genusses. Doppelte Menge ist nicht doppelter Genuss, heisst der Schlüsselsatz. Das wurde im Lager anhand zweier Schoggistücke geübt. Die Übungsanlage hiess, das eine Stück schnell essen, das andere langsam auf der Zunge schmelzen lassen. Einhellige Erkenntnis: Beim langsamen Essen schmeckts viel besser.

«Hier fällt man nicht auf»

Mindestens so wichtig wie das gesunde Essen ist im Lager der Sport und die Bewegung. Programme dazu gabs vor- und nachmittags, draussen oder in der Turnhalle. Zu den eindrücklichen Erlebnissen gehörte eine mehrstündige Wanderung, die alle trotz Regen gut überstanden. Auch schwer adipösen Jugendlichen kann Bewegung Freude bereiten, wie sich im Lager mehrfach zeigt. Wichtig ist, dass man unter sich ist. «Hier fällt man nicht auf, wenn man etwas langsamer ist», sagt der neunjährige Lukas Aeppli aus Schmerikon, der in seinem früheren Leben Döner und Pommes zu seinen Lieblingsspeisen zählte und in der Schule gehänselt wurde.

Das Lager soll kein blosses Strohfeuer sein. Deshalb versuchen die Betreuer, die Jugendlichen für ein weiterführendes Programm im Alltag zu gewinnen. So wie es etwa das Triemli Adipositas Programm (Zürich) anbietet. Vor und Nachgespräche mit Jugendlichen und Eltern gehören auch zum Lager. Vom ersten Lager liegt laut Batschelet unterdessen eine Auswertung vor. Sie ist positiv: «Der Grossteil gibt an, sich heute mehr zu bewegen und gesünder zu essen», bilanziert die Lagerleiterin.