Porträt

Diese Frau ist der Gleichberechtigung verpflichtet

Helena Trachsel Weibel: «Gleichstellung und soziale Verantwortung wahrnehmen ist innerlich die gleiche Haltung.» Foto: Peter Würmli

Helena Trachsel Weibel: «Gleichstellung und soziale Verantwortung wahrnehmen ist innerlich die gleiche Haltung.» Foto: Peter Würmli

Helena Trachsel leitet die kantonale Fachstelle für die Gleichstellung von Frau und Mann und tut dies aus tiefster Überzeugung.

Wenn Helena Trachsel Weibel über Gleichberechtigung redet, tut sie dies aus tiefer Überzeugung. Denn sie weiss, wovon sie spricht: Aufgewachsen im konservativen Kanton Schwyz, empfand die heute 52-Jährige das fehlende Frauenstimmrecht schon im zarten Alter von elf Jahren als stossend: «Die Männer haben in der damaligen politischen Diskussion über uns Frauen entschieden», sagt sie. Eine Ausgangslage der Ungleichheit, die sie anspornte und ihren beruflichen Werdegang entscheidend beeinflusst hat – und die sie viele Jahre später sogar dazu bewegen sollte, sich als Leiterin der kantonalen Fachstelle für Gleichstellung von Mann und Frau zu bewerben.

Von der Mutter gelernt

Das Einstehen für die eigenen Rechte hat Helena Trachsel Weibel, als einziges Mädchen von vier Geschwistern, von ihrer Mutter gelernt. Unermüdlich habe diese sich für Chancengleichheit eingesetzt. «Sie war es, die mich dazu ermutigt hat, stets zu meiner Meinung zu stehen.» Schlüsselfiguren in ihrem Lebenslauf waren aber auch Grossvater und Vater, die sich, anders als die meisten ihrer Zeitgenossen, lautstark in zahlreichen innenpolitischen Ämtern für die Gleichstellung der Geschlechter eingesetzt haben. Den Kampfgeist gewissermassen im Blut, verliess sie als junge Frau ihre Innerschweizer Heimat, um in Zürich an der Fachhochschule für Soziale Arbeit zu studieren. «Gleichstellung und soziale Verantwortung wahrnehmen ist innerlich die gleiche Haltung», begründet sie rückblickend ihre Berufswahl. Soziale Verantwortung übernahm sie erstmals, als sie während rund sieben Jahren beim Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) im Sozialbereich tätige Menschen betreute und beriet.

Auch in dieser Lebensphase war, wie könnte es anders sein, Gleichstellung ein wichtiges Thema. Es war dies in den bewegten Neunzigerjahren, als die Frauenvertretung in sämtlichen politischen Institutionen im Land zwar beträchtlich stieg, von Lohntransparenz, wie sie als Beispiel anfügt, aber noch keine Rede war. Nachhaltig beeindruckt hat die frisch gebackene Berufsfrau die Vereidigung von Elisabeth Kopp zur ersten Bundesrätin: «Aus offensichtlichen Gründen kann ich ihnen nicht versprechen, meinen Mann zu stehen», habe diese gesagt und ihr damit einen Leitsatz mit auf den Weg gegeben.

«Management der Vielfalt»

Taten statt Worte, und zwar wortwörtlich, folgten, als Helena Trachsel Weibel, zu diesem Zeitpunkt bereits Mutter von zwei Mädchen, 1997 zu Swiss Re stiess. Die Rückversicherungsgesellschaft war dem von der Unternehmensberaterin Elisabeth Michel-Alder initiierten Netzwerk «Taten statt Worte» beigetreten. Ziel: Förderung von Frauen. Wer hätte sich hierfür besser geeignet als Helena Trachsel Weibel? Sie bekam den Auftrag, die Organisation der internen Gleichstellungsfachstelle auf- und auszubauen. Und tat dies bis ins Jahr 2000, während dreizehn Jahren, «bis zur letzten Minute mit Leidenschaft und Freude».

Angetrieben durch die Globalisierung und gesellschaftspolitische Neuerungen wie die 5. IV-Revision, entwickelte Helena Trachsel Weibel aus der anfänglichen Initiative «Taten statt Worte» eine Fachstelle «Diversity & Inclusion». Nicht nur Frauen müssen gefördert werden, sondern: Männer und Frauen. «Management der Vielfalt» lautete fortan das Losungswort, dem sich die beherzte Kaderfrau mit ansteckender Energie noch heute verpflichtet fühlt. Junge und Alte, Schwule und Lesben, Alleinerziehende, Menschen mit und ohne Behinderung, sie alle sollen im Betrieb möglichst individuell, mit Rücksicht auf ihre Work-Life-Balance, unterstützt werden.

Besonders am Herzen liegt Helena Trachsel Weibel die Lebensphasenplanung und damit die Möglichkeit, auch im Kader, Teilzeit zu arbeiten. Unentbehrlich sei heute das «Home office», wenn die Kinder oder alte Eltern beispielsweise krank sind, «muss man von zu Hause aus wirken können». Davon ist sie – auch im Hinblick auf ihre neue Tätigkeit – überzeugt. Als Partnerin des Zürcher Unternehmens PromoveTM, das im Bereich Organisationsentwicklung, Ausbildung von Führungskräften und Erarbeitung von Diversity-Strategien tätig ist, hat sie in den letzten Jahren unter anderem Studienabgängerinnen und Studienabgänger bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf beraten. Vom Modell der flexiblen Arbeitszeiten ist die umtriebige Karrierefrau, deren Töchter heute 18 und 26 Jahre alt sind, überzeugt. Nur dank diesem konnte sie ihre Aufgaben als Mutter und Führungsperson unter einen Hut bringen. Unterstützung erhielt sie zudem von ihrem Mann, mit dem sie die Verantwortung für die Erwerbs- und Familienarbeit teilte.

Engagement ist ihr wahrlich auf die Stirne geschrieben: Weil sie keine Betreuungsmöglichkeiten für ihre kleinen Töchter hatte, stellte sie damals zusammen mit ihrem Mann, Jacqueline Fehr und Maurice Pedergnana kurz entschlossen eine private Kinderkrippe auf die Beine. Der «Kindergarten am Teich» in Winterthur, wo die Familie wohnt, ist unterdessen eine etablierte Tagesstätte und wird von der Stadt subventioniert. Was man im Gespräch mit Helene Trachsel Weibel lernt: Tatenlos zusehen ist definitiv nicht ihr Ding. Weder beruflich noch privat.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1