ZHAW

Diese Davoserin hat sich den schweizweit ersten Masterabschluss als Hebamme ergattert

Andrea Brazerol arbeitet an der ZHAW als wissenschaftliche Mitarbeiterin und am See-Spital Horgen als Hebamme.

Andrea Brazerol arbeitet an der ZHAW als wissenschaftliche Mitarbeiterin und am See-Spital Horgen als Hebamme.

Andrea Brazerol schloss das Studium in Winterthur und Bern ab und qualifiziert sich somit für Aufgaben, welche über die Arbeit im Gebärsaal hinausgehen.

Andrea Brazerol hätte sich auch vorstellen können, Ärztin zu werden – oder Lehrerin. Als sie aber nach der Matura an einem Infoabend zum Hebammenstudium sass, machte es klick: «Ich wusste sofort, das ist es», sagt die gebürtige Davoserin. «Als Hebamme kann ich medizinisch arbeiten, aber es geht nicht um Krankheiten, sondern um meist gesunde Frauen.» Nach dem Bachelor-Studium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur arbeitete Brazerol am See-Spital Horgen als Hebamme, betreute Schwangere, Gebärende und Mütter im Wochenbett. Im Spital bildete sie sich zur Berufsbildnerin weiter und merkte, wie gerne sie Studentinnen anleitet.

«Es ist typisch für mich, immer mehr zu wollen, als ich bereits erreicht habe», sagt die heute 30-Jährige. Deswegen entschied sie sich nach einigen Jahren Berufserfahrung für ein Hebammen-Masterstudium. Sie hatte sich bereits an einer Hochschule im Ausland eingeschrieben, als 2017 der erste Schweizer Studiengang als Kooperation der Berner Fachhochschule (BFH) und der ZHAW startete. So wurde Brazerol eine der ersten zwölf Hebammen-Masterstudentinnen in der Schweiz.

«Ich habe mir nicht viele Gedanken dazu gemacht, zum allerersten Studiengang zu gehören.» Viele Veranstaltungen fanden mit anderen ZHAW-Studierenden, etwa der Pflege, statt und waren bereits etabliert. Brazerol studierte berufsbegleitend während sechs Semestern. Unterdessen wird das Studium aber auch Vollzeit in drei oder vier Semestern angeboten.

Mit einem Masterabschluss qualifizieren sich Hebammen für Aufgaben, die über die Arbeit im und um den Gebärsaal hinausgehen, etwa als Forscherinnen oder Hebammenexpertinnen. Eine solche Position existiert an den meisten grösseren Spitälern und Kliniken. Als Fachexpertin überprüft eine Hebamme die Abläufe, behält die Richtlinien und die aktuellen Entwicklungen im Auge.

Blut abnehmen geht nicht online

Auch für die Lehre ist ein Masterstudium sinnvoll. Dies interessierte Andrea Brazerol besonders. Noch während ihres Masterstudiums bekam sie eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ZHAW. Heute stellt sie in einem 80-Prozent-Pensum Unterrichtsmodule zusammen, gibt Vorlesungen und leitet Bachelorstudentinnen in praktischen Kursen an.

Dies sind die einzigen Veranstaltungen, die derzeit noch in Kleingruppen vor Ort stattfinden: «Üben, wie man Blut abnimmt, geht nun mal nicht online.» Der übrige Fernunterricht sei eine zusätzliche Herausforderung. Dennoch kommt Brazerol dieser auch entgegen, denn kurz bevor sie von der Stelle in Winterthur wusste, war sie zu ihrem Freund nach Bern gezogen. Seither verbringt sie viel Zeit im Zug oder übernachtet bei Freunden. Etwa wenn sie eine Schicht im See-Spital Horgen übernimmt, wo sie seit dem Masterabschluss im vergangenen Frühling pro Monat drei bis vier Dienste übernimmt, um ein Bein in der Praxis zu behalten, wie sie sagt.

Wegen Corona ist Brazerol weniger unterwegs. Für das Gespräch mit dieser Zeitung wählt sie deshalb den Tag Anfang November, an dem auch die Abschlussfeier ihres Masterstudiengangs in Winterthur stattfindet. Es sind lediglich sechs Absolventinnen vor Ort. Die Berner Studentinnen feiern separat in der Bundesstadt.

Solche Forschung gäbe es gar nicht

Mit dem Mastertitel sieht sich Brazerol nicht als bessere Hebamme: «Mein Handwerk veränderte sich mit dem Studium wenig, aber ich habe einen erweiterten Blick auf meinen Beruf erhalten.» Sie habe sich vermehrt mit Ethikfragen auseinandergesetzt, Themen wie psychische Erkrankungen während der Schwangerschaft bearbeitet oder neue Herangehensweisen an Gespräche mit den Frauen kennen gelernt. «Da ich mich nun auch besser mit wissenschaftlichen Studien auskenne, hinterfrage ich Althergebrachtes und kann neue Trends einordnen.»

Ein Beispiel sei der sogenannte Wehencocktail, der Schwangeren verabreicht wird, um die Geburt einzuleiten. Diese langjährige Praxis wolle man nun nicht mehr anwenden, da der Einfluss nicht genügend nachgewiesen werden konnte. «Handkehrum werden andere erprobte, traditionelle Praktiken wissenschaftlich gestützt», sagt Brazerol. Ohne Hebammen mit Masterabschluss würde es diese Forschung gar nicht geben.

Das Masterstudium ermöglicht auch den Zugang zu einem Doktorat. Ob sie ein solches anpacken will, weiss Andrea Brazerol noch nicht: «Zuerst möchte ich jetzt arbeiten und anwenden, was ich gelernt habe.» Vielleicht passe es dann später mal, «wenn ich wieder merke, dass ich noch mehr will».

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