Das Strudelwunder
Diese Bulgarin betreibt in Zürich ein kleines Familienimperium

Gemeinsam mit ihren drei Töchtern kam Ivanka Suter im Jahr 2001 in die Schweiz. Die Regisseurin wechselte das Business und wurde zum Strudelwunder der Limmatstadt.

Sabine Arnold
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Ivanka Suter: «Wenn Geld dein Ziel ist, hast du schon verloren.» Jeder Gewinn wird wieder investiert.

Ivanka Suter: «Wenn Geld dein Ziel ist, hast du schon verloren.» Jeder Gewinn wird wieder investiert.

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Auch wenn Ivanka Suter nur über Strudelteig plaudert, lässt sie bald einen jener Sätze fallen, die wie eine Weisheit klingen. «Mehl, Wasser, Salz und ein bisschen Öl. Die einfachsten Dinge im Leben sind immer genial.» Die Bulgarin erzählt an einem Stehtisch von ihrem kleinen Familienimperium, das sie aus dem Nichts aufgebaut hat. 2001 kam die Theaterregisseurin aus Sofia in die Schweiz, zusammen mit ihren drei Töchtern. Die alleinerziehende Mutter begann in einem Lokal an einer ungemütlichen Ecke in Wollishofen Strudel zu verkaufen. Ihr Strudelhaus Poushé hat inzwischen vier Filialen: eine an besserer Lage in Wollishofen, ausserdem in der Enge, in Wiedikon und im Lettenviadukt.

Die Lokale sind mit der nötigen Prise Kitsch eingerichtet. Die Wände in Pastellfarben gestrichen, ein Kronleuchter glitzert, in einer Vitrine stehen Konfigläser. Hauptsächlich verkaufen die «Poushé»-Frauen Strudel: süsse Varianten und salzige, kalte und warme, der Teig immer hauchzart und knusprig. Dazu gibt es Salate und Gemüse. Alles frisch, alles preiswert.

Es ist nicht selbstverständlich, dass die 56-Jährige und ihre drei Töchter, die zwischen 23 und 30 Jahre alt sind, es so weit gebracht haben. Es liegt daran, dass die vier zierlichen Frauen arbeiten wie die Pferde, und daran, dass sie sich keinen Lohn auszahlen, sondern Gewinn sofort wieder investieren. Die Töchter wohnen alle noch bei «Mutti», wie sie Ivanka Suter nennen. Ihr sei es nie darum gegangen, viel Geld zu machen, sagt sie. «Wenn Geld dein Ziel ist, hast du schon verloren.» Wieder so eine Weisheit.

Während Tochter Vassilena einen Kartoffelstrudel serviert, erzählt Suter, weshalb sie damals auswanderte. In der bulgarischen Theaterwelt herrschten dürre Zeiten. Sie wollte in der Schweiz etwas aufbauen. Sie hebt ihren Kopf und schnuppert demonstrativ. «Dieser Duft nach Backstube war mir nicht fremd.» Ihre Mutter war Bäckerin gewesen, der Vater Konditor und Koch. Die Idee, Strudel zu backen, lag deshalb nahe. «Wir begannen bei null.» Sie formt mit Daumen und Zeigefinger ein Rund. Nicht nur finanziell. Vassilena, die sich immer wieder ins Gespräch einbringt, machte damals den Vorkurs an der Schule für Gestaltung, ohne ein einziges Wort Deutsch zu können. Besonders mutig finden sich die beiden Frauen trotzdem nicht. «Was konnte schon passieren?», fragt Vassilena schulterzuckend.

Der Schweizer Freund, welcher die alleinerziehende Mutter in dieser Zeit unterstützte und ihr überlebenswichtige Tipps gab, ist seit 13 Jahren ihr Mann. Sie rechnet ihm hoch an, dass er sie heiraten wollte, obwohl sie drei Töchter in die Ehe mitbrachte. Gemeinsam bekamen sie später noch einen Sohn.

Letzte Nacht sei sie mit dem 10-Jährigen bis um 23 Uhr an den Hausaufgaben gesessen, erzählt Suter. Um fünf Uhr stehe sie jeweils auf. Bis der Junge in die Schule müsse, räume sie die Wohnung auf. Um 7.30 Uhr stand sie bereits im Strudelhaus an der Albisstrasse. Gefragt, woher sie die Energie­ nimmt, deutet sie auf ihre Tochter: «Aus der Liebe, sie macht mich stark. Hass hingegen zehrt am Körper.» Das Geheimnis des Familienunternehmens liegt auch in der grossen Flexibilität von Mutter und Töchtern. Steht ein Problem an, werden Ad-hoc-Sitzungen einberufen, wo auch mal die Fetzen fliegen. Wie zur Untermalung fällt Vassilena hinter der Theke eine Tasse zu Boden und zerschellt. Ivanka sagt ohne Vorwurf in der Stimme: «Ich weiss, warum das passiert: Die Tassen waren nicht ordentlich gestapelt.» Bei der Mutter laufen die Fäden zusammen, sie ist die unhinterfragte Autorität, die Seele des Betriebs. Sie sei auch für die seelischen Fragen zuständig, sagt Tochter Vassilena lachend. «Sie ist unser Guru.» Undenkbar, dass dieses starke Geflecht je reisst, dass eine der Töchter je aus dem Business aussteigen könnte. Mit hypothetischen Fragen beschäftigen sich die Frauen vom Strudelhaus nicht. Sie kneten vielmehr Teig für die anstehenden Weihnachtsmärkte. Und sie überlegen sich bereits, eine weitere «Poushé»-Filiale zu eröffnen. Vielleicht in Winterthur, vielleicht in Luzern.