Zürich

Die Zwinglikirche will sich zum 500-Jahr-Jubiläum ein Stück weit neu erfinden

Aktionskunst: Gerry Hofstetter liess das Grossmünster anlässlich des Reformationsjubiläums schon 2017 in neuem Licht erscheinen.

Der stetige Mitgliederschwund führt zu kulturellen und organisatorischen Reformen. Durch die Fusion mit der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Oberengstringen, sollen neue Synergien entstehen.

Am 1. Januar 2019 ist es genau 500 Jahre her, dass Huldrych Zwingli Pfarrer im Zürcher Grossmünster wurde. Er ging als der für die Deutschschweiz prägende Reformator in die Geschichte ein. Seine historischen Verdienste sind unbestritten: Zusammen mit seinen Weggefährten übersetzte er die Bibel in die Sprache des Volkes, bekämpfte das Söldnertum und engagierte sich für die Armenfürsorge.

Doch so unbestritten Zwinglis Vermächtnis sein mag: Die aus seinem Wirken hervorgegangene Reformierte Landeskirche steckt in einer Krise. Sie leidet seit Jahrzehnten unter massivem Mitgliederschwund.

Während die Zahl der Katholiken dank der Zuwanderung mit rund 400 000 Mitgliedern konstant blieb, erlebten die Reformierten einen Aderlass sondergleichen: 1980 waren im Kanton Zürich noch über 600 000 Menschen evangelisch-reformiert. Aktuell sind es gut 400 000. Gleichzeitig wuchs die Kantonsbevölkerung von 1,1 auf 1,5 Millionen Menschen. Mit anderen Worten: War 1980 noch mehr als die Hälfte der Zürcher Bevölkerung reformiert, so ist es jetzt gut ein Viertel – Tendenz fallend.

Will die reformierte Kirche ihren Bedeutungsverlust stoppen, muss sie sich einiges einfallen lassen. Dass sie dazu willens ist, zeigen diverse Aktivitäten – nicht nur, aber verstärkt mit dem Reformationsjubiläum.

Die Kunst der Modernisierung

Da ist zum einen das Bestreben, sich immer wieder als moderne, offene Kirche zu geben. Besonders Zwinglis einstiger Zürcher Arbeitsort, das Grossmünster, gab sich in letzter Zeit immer mal wieder dafür her. So etwa, als der Lichtkünstler Gerry Hofstetter das Wahrzeichen der Stadt im Vorfeld des Reformationsjubiläums öfter mal in ungewohntem Licht erstrahlen liess.

Aktuell stellt das Grossmünster einen Teil seiner Mauern Harald Naegeli zur Verfügung. Der als Sprayer von Zürich berühmt gewordene Pionier der Street Art erhielt die Erlaubnis, einen Totentanz in den Grossmünstertürmen zu sprayen.

Harald Naegelis umstrittener Totentanz im Grossmünsterturm ist schon jetzt eine Touristenattraktion.

Allerdings nur unter strengen Auflagen zum Umfang und zur Abwaschbarkeit des Werks. Naegeli hielt sich nicht allzu strikt daran. Die ursprünglich für den 25. Januar geplante Einweihung des Totentanzes ist daher alles andere als sicher, wie aus gut informierten Kreisen zu hören ist.

Reibereien hin oder her: Kunst und Kirche sind auch bei den Reformierten trotz der kritischen Haltung Zwinglis gegenüber Bildern längst Verbündete. Das zeigte sich, als der Künstler Sigmar Polke vor gut zehn Jahren mehrere Fenster im Zürcher Grossmünster gestaltete – wie im letzten Jahrhundert auch Augusto Giacometti und Marc Chagall im benachbarten Fraumünster.

Kunstwerke wie diese mögen den Rang der grossen Kirchen als Touristenattraktion sichern und damit langfristig auch Geld in die Kirchenkassen spülen. Gegen den Mitgliederschwund nutzen sie jedoch kaum.

Synergien durch Fusion

Daher sind Zürichs Reformierte im Jubiläumsjahr mit einer grossen organisatorischen Reform beschäftigt: Per 1. Januar 2019 schliessen sich 32 evangelisch-reformierte Kirchgemeinden der Stadt Zürich und der Gemeinde Oberengstringen zusammen. Es entsteht die mit rund 80 000 Mitgliedern grösste Kirchgemeinde der Schweiz, wie die Reformierte Kirche Zürich zu Weihnachten in einer Medienmitteilung festhielt.

Mit Plakaten, Bannern und Flyern machen die betroffenen Kirchen dieser Tage auf die grosse Fusion aufmerksam. «Herzlich willkommen in der neuen Kirchgemeinde Zürich», steht auf den Plakaten. Das Zusammengehen der 33 Kirchgemeinden dient indes nicht in erster Linie dem Wohlfühlfaktor. Es soll vor allem organisatorische Synergien bringen.

Plakate kündigen dieser Tage das Entstehen der grössten Kirchgemeinde der Schweiz an.

Betriebswirtschaftlich gesprochen: Die Kirche passt ihre Strukturen dem schrumpfenden Markt an. Ihre ökonomisch wertvollsten Sachgüter behält sie: Die Trägerschaft der Immobilien verbleibt bei der Kirchgemeinde Zürich, wie deren Stadtverband kürzlich mitteilte.

Eine im Frühling lancierte Prüfung durch externe Fachleute habe ergeben, «dass weder eine neue Trägerschaft noch eine externe Verwaltung der kirchlichen Immobilien wesentliche Vorteile bringen würde», heisst es in der Medienmitteilung. Dennoch solle die Immobilienstrategie weiter überprüft werden.

Im gleichen Communiqué kündigt die Reformierte Kirche Zürich ein Pilotprojekt im neuen Stadtteil Greencity/Manegg an: Dort werde versucht, die Kirche in einem urbanen Umfeld neu zu etablieren, etwa mit der Einrichtung eines Lerntreffs für Jugendliche.

«Dadurch ergeben sich nicht nur veränderte Kontakte mit einem eher kirchenfernen Milieu, sondern auch interessante Erkenntnisse für die weitere Kirchenentwicklung», schreibt der reformierte Stadtverband.

Derweil kommt «Zwingli» ins Kino: Am 17. Januar läuft der gleichnamige Film über den Zürcher Reformator an. Man wird sehen, wie sich sein Erbe weiterentwickelt.

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