Zürich
Die Zürcher Stadtmission hilft seit 150 Jahren den Unterprivilegierten

Seit gut 150 Jahren gibt es die Zürcher Stadtmission. Vieles hat sich in all den Jahren verändert - gleich geblieben ist der Einsatz für Unterprivilegierte. Blickte man einst vorab auf das Jenseits, so geht es heute vor allem ums Diesseit.

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Im Auftrag der reformierten und der katholischen Kirche kümmert sich die Stadtmission um Leute in besonders schwierigen Lebensverhältnissen.

Im Auftrag der reformierten und der katholischen Kirche kümmert sich die Stadtmission um Leute in besonders schwierigen Lebensverhältnissen.

So altbacken und verstaubt der Name auch klingt - die Zürcher Stadtmission steht absolut in der Gegenwart: unvoreingenommenes Engagement statt weltfremde Frömmelei.

Im Gespräch mit Geschäftsführerin Regula Rother wird schnell klar: Die Stadtmission will den Leuten hier und jetzt helfen und sie nicht auf irgendeinen "rechten Weg" bringen.

Laut Rother gibt es zwischen den Gründerjahren ab 1862 und heute bedeutende Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede:

Alter Tradition entsprechend, kümmert sich die Stadtmission um Prostituierte, Randständige, Leute in besonders schwierigen Lebenssituationen und Wanderarbeiter.

Letztere waren früher etwa wandernde Handwerksgesellen, von denen manche kaum Geld hatten. Für sie betrieb die Stadtmission damals Gesellenherbergen.

Von den 1930er bis Ende der 1950er Jahre führte sie auch ein einfaches Hotel, wo vor allem kleine Handelsreisende günstig unterkamen.

Die heutigen Wanderarbeiter kommen meist aus Ost- oder Südosteuropa. Im Auftrag der reformierten und katholischen Kirche bietet die Stadtmission ihnen Nothilfe.

Sie erhalten etwas Kleines zu essen. "Dann schauen wir weiter", sagt Rother. Man kläre ab, was zu tun sei, ob die Bittstellenden wirklich Unterstützung brauchen.

Man könne sie jedenfalls "nicht monatelang durchfüttern". Immer wieder müsse man Leute auch abweisen.

Auch Härte gehöre dazu, so Rother: Man dürfe nicht falsche Hoffnungen wecken - lieber jemandem klar sagen, dass es für ihn praktisch unmöglich sei, Arbeit zu finden. Nicht alle seien im Übrigen bedürftig. Manchmal werde man "über den Tisch gezogen". Damit umzugehen, müsse man lernen.

Ein einfaches Hotel mitten in der Stadt ist heute wieder ein aktuelles Projekt. Die Verhandlungen seien am Laufen, sagt Rother, die auf eine Eröffnung noch diesen Sommer hofft. Man sei "auf gutem Wege".

Ein "Wohnzimmer" für Randständige

Auch die Methoden haben sich verändert: Besuchten etwa die Stadtmissionare von einst ihre Schäfchen zu Hause, ob diese wollten oder nicht, so gibt es heute Begegnungsstätten. Hierher kommt man freiwillig.

Randständige - etwa Arbeitslose oder Menschen mit psychischen Problemen - finden eine Art "Wohnzimmer" im Café Yucca am Rande des Niederdorfs. Zu den Stammgästen gehören viele alleinstehende ältere Männer, die irgendwo in einem ungemütlichen Zimmerchen hausen.

Hier finden sie Wärme, Geborgenheit und einen Gesprächspartner, wenn sie das wollen.

Wie einst sind Prostituierte eine zentrale Zielgruppe der Stadtmission. Dieses Engagement geht auf die reiche Zürcherin Mathilde Escher (1808-1875) zurück:

Sie gründete 1872 zusammen mit Stadtmissionar Georg Ebinger ein "Asyl für gefallene Mädchen", das "Magdalenenheim". Die Frauen erhielten Unterricht in Hauswirtschaft und Handarbeit und sollten auf ihrem sündigen Weg umkehren.

Dies ist heute kein Ziel mehr. Die Stadtmission betreibt die Beratungs- und Anlaufstelle Isla Victoria. Die Frauen werden in gesundheitlichen, rechtlichen, finanziellen und persönlichen Fragen beraten.

Verstaubt - und doch aktuell

"Stadtmission" - der Name mag verstaubt klingen, und doch: "Irgendwie trifft er zu", sagt Rother. "Unser Tun ist unsere Mission". Das Engagement sei durchaus christlich begründet.

Unter den Mitarbeitenden sind einige der Kirche nicht sehr nahe, andere sind ihr eng verbunden. Auch eine Nonne ist dabei.

Die Stadtmission engagiert sich nicht im Alleingang. Es gibt ein ganzes Netzwerk von vielen verschiedenen Anbietern. Mit ihnen und mit vielen Institutionen - etwa Polizei oder Aidshilfe - arbeite man gut zusammen, sagt Rother,

Getragen wird das diakonische Werk von der Stiftung der Evangelischen Gesellschaft des Kantons Zürich, der evangelisch-reformierten Landeskirche, dem Stadtzürcher Kirchgemeindeverband und verschiedenen Kirchgemeinden. Weitere Mittel kommen von der öffentlichen Hand und via Spenden. (sda)