Nein, die Zürcher Hausärzte sind gar nicht zufrieden mit den Politikern. Sie rufen Alarm: Man müsse nun rasch und massiv eingreifen, um diverse Übelstände zu beseitigen. Am letzten Montag hat Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger im Kantonsrat erklärt, es zeichne sich tatsächlich ein Mangel an Hausärzten ab, doch ein Notstand bestehe nicht.

«Das stimmt», bestätigt Valerio Rosinus, Präsident der Hausärzte Zürich, der zusammen mit Kollegen gerade an der Züspa in Oerlikon beim Publikum für die Anliegen seines Berufsstands Werbung macht. Doch das gelte nur für den Augenblick. «In den nächsten zehn Jahren wird die Hälfte der jetzt tätigen Hausärzte das AHV-Alter erreichen», sagt er, es seien bei weitem nicht genügend junge Ärzte da, um sie zu ersetzen. Und dann habe man den Notstand. «Die ins Alter gekommenen Ärzte können ja nicht einfach ewig weiterarbeiten.»

Spezialärzte verdienen mehr

Eigentlich müssten nicht nur die in den Ruhestand tretenden Ärzte ersetzt werden, sondern es müssten mehr sein, um die bereits bestehenden Löcher zu stopfen. Negativ ausgewirkt hat sich, dass 20 Jahre lang für eine Zulassungsbeschränkung galt, um, wie es hiess, den Anstieg der Gesundheitskosten zu bremsen. An sich ein hehres Ziel, aber das Gesundheitswesen funktioniert nicht billiger, wenn die Kranken gleich ins Spital gehen. «Und weil sich jetzt langsam auch in Deutschland ein Ärztemangel abzeichnet, wird es schwieriger, die entstandenen Löcher mit Ausländern zu stopfen», erklärt Rosinus. Ein weiteres Problem ergibt sich dadurch, dass der Anteil der Frauen im Medizinstudium zunimmt, denn diese ziehen in der Regel eine Teilzeitarbeit einer eigenen Praxis mit Vollzeiteinsatz vor, nicht zuletzt um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.

Zu Sorge Anlass gibt auch, dass bloss zehn Prozent der Medizinstudierenden angeben, sie wollten Allgemeinmediziner werden, die meisten sehen ihr Ziel lieber in einer Spezialisierung. Dort hätten sie verschiedene Vorteile, nicht zuletzt auch finanzieller Art: Als Spezialarzt kann man bedeutend mehr verdienen. Was will denn die Vereinigung der Hausärzte? In erster Linie, erläutert Rosinus, müsste der Kanton Zürich, der ja für die Universität zuständig ist, die Anzahl Studienplätze für angehende Ärzte massiv erhöhen. Jährlich wollen 1200 Maturanden in Zürich ein Medizinstudium aufnehmen, doch stehen bloss 220 Plätze zur Verfügung. «Das ist noch weniger als vor rund 30 Jahren, als ich zu studieren anfing», erklärt Rosinus.

Gemäss den Berechnungen der Ärzte müsste die Zahl der Plätze an der Universität Zürich auf 300 aufgestockt werden, nur um den heutigen Versorgungsstand zu wahren, und sogar auf 400, wenn man die Lage verbessern möchte. Und das muss jetzt geschehen, denn es dauert seine Zeit, bis ein Arzt seine Ausbildung abgeschlossen hat.

Gleichzeitig fordert die Ärzteschaft, die speziell für Hausärzte reservierten Ausbildungsplätze – jetzt sieben Stellen – auf 30 bis 50 auszubauen. Ausserdem sind die Ärzte der Meinung, das Institut für Hausarztmedizin an der Medizinischen Fakultät, das unter Mithilfe des Kantonsrats regelrecht erstritten werden musste, sei aufzuwerten. Es würde viel nützen, wenn mehr Forschung betrieben werden könnte, und zwar nicht bloss im Labor, sondern draussen bei den Arztpraxen.

Damit künftig weniger Mediziner in ein Spezialgebiet abwandern, müsste man auch mit einer Revision der Taxpunkte dafür sorgen, dass hausärztliche Verrichtungen gerechter entgolten würden. Damit beisst man allerdings auf Granit, wie Rosinus weiss, denn beim Bund will man den Hausärzten nur entgegenkommen, wenn dies kostenneutral erfolgt. Das heisst, dass die Spezialärzte etwas von ihrem Einkommen hergeben müssten, und dafür sind sie nicht bereit.

Empört über den Bundesrat

Die Hausärzte hoffen jetzt, dass die eidgenössische Volksinitiative «Ja zur Hausarztmedizin», die innerhalb von bloss drei Monaten von 200’000 Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern unterzeichnet worden ist, etwas Zug in die Angelegenheit bringt. Die Verfassung soll mit einem Zusatz ergänzt werden, der Verbesserungen bringen soll. Mit dem Gegenvorschlag des Bundesrats sind die Initianten gar nicht zufrieden. «Wir sind entsetzt», sagt Rosinus.

Das Wort Hausarzt komme darin gar nicht vor, es stehe bloss etwas von genügender medizinischer Versorgung. Nun hoffen die Hausärzte, dass ein Umdenken Platz greift und die eidgenössischen Räte zu einer griffigen Lösung Hand bieten. Statt dass die Politik bremst, muss sie jetzt Gas geben, damit es hierzulande nicht in einigen Jahren zu einer massiven ärztlichen Unterversorgung kommt.