Zürich
«Die Welt hat nicht auf meine Meinung gewartet»: Politologe Michael Hermann im Interview

Kaum ein Politologe ist in den Medien so präsent wie Michael Hermann – ein Sommergespräch mit ihm über Verdienst, Ehrgeiz und Einfluss. Und warum die Schweiz wieder so langweilig werden könnte wie in den 1950ern.

Thomas Marth
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Michael Hermann, in einem Restaurant in Wipikingen: «Die Zeichen stehen auf Stabilität.»

Michael Hermann, in einem Restaurant in Wipikingen: «Die Zeichen stehen auf Stabilität.»

Thomas Marth

Sie haben Zeit für ein Interview. Keine Ferien?

Michael Herrmann: Ich war schon zweimal dieses Jahr. Im Frühling im Libanon und im Juni schwer bepackt auf einer Velotour mit meiner Partnerin.

Was zog Sie in den Libanon?

Im Libanon hat mich die politische Geografie interessiert. Als multikulturelles Land weist er Ähnlichkeiten zur Schweiz auf. Jedoch sind seit dem Bürgerkrieg viele Christen geflohen, zugleich gab es eine grosse Zuwanderung aus Palästina und Syrien – ich fragte mich, ob sich da das politische Gleichgewicht halten lässt.

Und, lässt es sich?

Diesen Eindruck hat man, wenn man dorthin kommt. Es besteht ja die Übereinkunft, keine neue Volkszählung durchzuführen. Man geht weiterhin von einer Zusammensetzung der Bevölkerung aus, wie sie die Volkszählung von 1932 abgebildet hat – Christen, Sunniten und Schiiten halten daran fest. Ein Konflikt hat derweil den anderen abgelöst. Mit wechselnden Allianzen wurde jeweils darauf reagiert und möglichst der Ausgleich gewahrt. So entsteht Stabilität. Nach diesem Prinzip funktioniert auch die Schweiz.

Zur Person: Michael Hermann

Michael Hermann (45) ist Geograf und Politikwissenschaftler. Er ist Inhaber der Forschungsstelle Sotomo mit vier Angestellten. Er lehrt am Geographischen und am Politikwissenschaftlichen Institut der Uni Zürich. Seine letzte Publikation (2016): «Was die Schweiz zusammenhält. Vier Essays zu Politik und Gesellschaft eines eigentümlichen Landes.» tma

2003 machten Sie mit dem Atlas der politischen Landschaften, den Sie mit Heiri Leuthold zusammen verfassten, Furore. Gibt nun bald einen Libanon-Atlas?

Nein, diese Reise erfolgte rein aus privatem Interesse.

Der Atlas visualisierte «die mentale Topografie» der Schweiz zwischen links und rechts, zwischen liberal und konservativ – ein Meilenstein im Datenjournalismus. Und bis heute ihre Geschäftsgrundlage?

Diese Visualisierungssachen, wozu ja auch die Netzprofile von Politikern gehören, spielen heute nicht mehr so eine zentrale Rolle in meiner Arbeit. Damals verhalfen sie mir zu Bekanntheit. Innovation kann ein Weg sein, um als Einsteiger voranzukommen – und heute sind teils meine jungen Mitarbeiter die grossen Cracks im Programmieren. Im Gegensatz zu damals gibt es heute Lehrgänge für Datenjournalismus an der Uni, und die grösseren Medienhäuser haben dafür ihre eigenen Leute. Als ich anfing, war das etwas völlig Neues – zumindest im politischen Bereich. In der Wirtschaft gibt es die datenbasierte Visualisierung von Zusammenhängen schon lange.

Aber Ihre Grafiken erscheinen nach wie vor.

Schon. Aber wenn man ein Unternehmen hat, das auch ökonomisch funktionieren soll, dann ist es kein Leben mehr, allein mit Printmedien zu arbeiten. Ihnen fehlt das Geld, das ist eine Tatsache. Ein neues Standbein für mich sind Umfragen. Mit der Credit Suisse machten wir kürzlich zum Beispiel eine zum Thema Sackgeld – mit dem «Blick», «Le Matin» und «20 minuti» als Medienpartner. Insofern bleiben die Medien für mich wichtig, damit eine Umfrage auch wahrgenommen wird.

Auch zu den Zürcher Regierungsratwahlen 2015 gab es von Ihnen eine Umfrage.

Das war unser Einstieg. Und ich bin stolz, wie genau unsere Prognose war: dass Silvia Steiner in den Regierungsrat gewählt wird und Martin Graf herausfällt. Auch die Reihenfolge stimmte – ausser das wir Silvia Steiner und Carmen Walker Späh mit vertauschten Plätzen prognostiziert haben. Diese Umfrage erfolgte in Zusammenarbeit mit dem «Tages-Anzeiger» – wobei es dabei dann auch blieb. Ich arbeite jeweils punktuell mit verschiedenen Medien zusammen. Es war ein strategischer Entscheid, nicht allein für ein Medium tätig zu sein und sich von diesem abhängig zu machen.

Machen Sie auch Marktforschung?

Nein. Wir machen sozial- und politikwissenschaftliche Analysen. Und unsere Datenquellen sind nicht nur Umfragen – auch Parlamentsmonitoring etwa ist wichtig. Was mir ein Herzensanliegen ist, auch wenn diese Arbeit weniger wahrgenommen wird, sind Bevölkerungsanalysen. Für das Bundesamt für Wohnungswesen etwa haben wir gerade eine Studie gemacht zum Thema: Wo und wie wohnen Leute, nachdem sie den Asylprozess verlassen haben? Sie dürfte im Laufe dieses Jahres präsentiert werden.

Warum haben Sie Umfragen nicht schon früher gemacht?

Ich bin in das Geschäft eingestiegen, als die Umfragen auch ohne Telefonanrufe möglich wurden, denn solche habe ich selbst immer als belästigend empfunden. Heute lässt sich das zuverlässig online erledigen. Abgesehen von Herrn Blocher haben heute ja praktisch alle Internet.

Wie kommen Sie an die Leute, die sie befragen können?

Wir haben einen Stock an Personen, die sich dafür eingetragen haben. Umfragen in Zusammenarbeit mit Medien sind ein Weg, um solche Kontakte zu knüpfen. Die Medien sind also weiterhin wichtig für mich.

Und als Person sind Sie in diesen auch sehr präsent. Sie schreiben Kolumnen und sind bei Medienschaffenden sehr beliebt als Auskunftsperson. Sie sind nicht nur Meinungsforscher, sie machen auch Meinung.

Das mag zu einem gewissen Grad so sein, aber man darf das auch nicht überschätzen; die Welt hat nicht auf meine Meinung gewartet. Ich sehe das einfach als zwei verschiedene Rollen: Wenn ich in einer Kolumne eine Einordnung vornehme, vertrete ich eine Haltung; wenn es darum geht, Daten zu analysieren, dann habe ich den Ehrgeiz, möglichst präzis zu sein – ganz egal, wen das Resultat am Schluss besser dastehen lässt.

Lange gaben Sie sich strikt neutral. Bei der Masseneinwanderungsinitiative (MEI), 2014 vom Volk angenommen, haben Sie Stellung bezogen.

Da hatte ich eine Position, ja. Das direkt-demokratische System liegt mir am Herzen, man darf es nicht bis ins Letzte ausreizen. Eine Volksinitiative kann nie, wie es die MEI vorgab, bereits die durchdachte Lösung sein. Sie soll lediglich der Politik den Anstoss geben, sich eines Problems anzunehmen. Ich verstehe mich als Linksliberalen – ich habe das nie verleugnet, mit der MEI habe ich es dann explizit gesagt. Das führte übrigens dazu, dass ich heute eher weniger anecke. Je nach Standpunkt gelte ich aber weiterhin den einen als ultra-links, den andern als ultra-rechts.

Etwas unschön ist es doch aber schon, wenn die MEI einen Verfassungsauftrag formuliert, der dann nicht umgesetzt wir.

Es gehört zum System, dass es einige Schönheitsfehler drin hat. Die Briten demonstrieren mit dem Brexit gerade, welche Probleme sich ein Land einhandeln kann, wenn es seine ganze Politik aufgrund eines einzelnen Volksentscheides umkrempelt.

Kürzlich sagten Sie in einem Interview auf die Frage, was es brauche, um als SVP-Politiker Zürcher Stadtrat zu werden: Nicht in der SVP zu sein. Ist das nun Meinung oder Analyse?

Es ist eine Tatsache. Die SVP ist seit 1990 nicht mehr im Zürcher Stadtrat und das Gremium als Ganzes ist links dominiert. Daran dürfte sich auch im Wahljahr 2018 nichts ändern. Die Schweizer Städte sind in den letzten Jahren immer weiter nach links gerückt. Das findet seine entgegengesetzte Entsprechung in den Tiefsteuerkantonen der Zentralschweiz. Dort gibt es praktisch gar keine Linken mehr in den Regierungen. Der freiwillige Proporz von früher verflüchtigt sich zunehmend.

Neue Konfliktlinien, die sich visualisieren liessen ...

Neue Konflikte, die zu Spannungen und Allianzen führen werden – wie im Libanon. Oder nehmen Sie den neuen Finanzausgleich, der zu ganz neuen Mustern führt. So entdecken plötzlich die katholische Zentralschweiz und die protestantischen welschen Städte Gemeinsamkeiten und stemmen sich vereint gegen den protestantischen Kanton Bern. So etwas gab es noch nie – und so bleibt die Politik spannend. Das gefällt mir. Ich bin jemand, der immer neues Futter braucht.

Für Spannung sorgt auch das internationale Umfeld, das an Konflikten nicht arm ist.

Viele der Eruptionen, die wir heute in Europa und in den USA sehen, sind in der Schweiz schon früher an die Oberfläche gekommen. Die direkte Demokratie funktioniert ja ähnlich wie Social Media: Bei beidem geht es um Mehrwegkommunikation. Und genau das passiert jetzt weltweit. Alle reden überall mit, in Online-Kommentaren, auf Twitter und so weiter. So ergaben sich plötzlich neue Themen wie die Migration oder die Haltung der Classe politique. Bei uns werden sie seit der Schwarzenbachinitiative von 1970 und seit der EWR-Abstimmung von 1992 diskutiert. Das heisst aber, dass sie nun auch langsam eingespeist sind. Die Zeichen stehen auf Stabilität – wie in den 1950ern und den 1960ern.

Das heisst, die Schweiz wird eher wieder langweilig?

Sieht so aus. Zwei Ereignisse markieren für mich den Eintritt in eine ruhigere Phase. Erstens die Wahl von Guy Parmelin in den Bundesrat 2015: Er ist konkordant, der Sitzanspruch der SVP ist erfüllt. Zweitens die Ablehnung der Durchsetzungsinitiative 2016: Nachdem das Volk mit einigen spektakulären Entscheiden die Politik zu immer extremeren Volksinitiativen animierte, hat es diese Entwicklung auch wieder gestoppt. Bezeichnend ist, dass es nun bei der Bundesratswahl vor allem um die Herkunft geht.

In den sozialen Medien sind sie nicht allzu präsent. Warum?

Ich äussere mich gerne, wenn man mich fragt. Nicht einfach so.