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Die Welt bekehren: Die Seelenfischer erobern das Netz

Ein Logowald wie bei Nestlé: Missionsangebot von Campus für Christus.

Ein Logowald wie bei Nestlé: Missionsangebot von Campus für Christus.

as evangelikale Missionswerk Campus für Christus will nicht nur die Welt bekehren, sondern auch das Internet. Seit 40 Jahren will die in den USA gegründete Organisation «den Himmel zu den Menschen bringen». Das nun auch im Netz.

Alle sind sie so nett, die Leute vom Missionswerk Campus für Christus, die in den Zürcher Prime Tower zur Pressekonferenz geladen haben. Sie sprühen derart vor Herzlichkeit, dass selbst hartgesottene Atheisten sich fragen könnten, ob der tief empfundene Glaube an Jesus nicht doch alle Psychopharmaka der Welt ersetzen kann.

An diesem Freitagvormittag verkündet Campus für Christus einen Generationenwechsel. Nach 30 Jahren tritt der Leiter des Schweizer Ablegers, der St. Galler Hanspeter Nüesch, ab. Seinen Job übernimmt der 34-jährige Andreas Boppart. Und «Boppi», wie er sich nennt, will die grösste Missionsgemeinschaft der Schweiz ins 21. Jahrhundert führen.

Der ehemalige Sekundarlehrer ist der geborene Prediger. Statt wie Nüesch in Anzug und Krawatte sitzt er im Karohemd da. Die Ärmel nach hinten gekrempelt, spricht er vom «Christentum ohne Christus», von Jesus, der entweder als «Jö-sus» in der Krippe liege oder mit rasierten Achselhöhlen und Dauerwelle als Hollywood-Schönheit am Kreuz hänge – und dessen Fürze nach Vanilleduftbäumchen riechen. So tönt es aus Boppis Mund, dem liebevollen Provokateur einer jungen Generation von Beseelten. Der «Preacher» (Neudeutsch für Pfarrer) vergleicht Glaube mit einem iPad, spricht von der «Gott-App» und erfindet für alles ein einprägsames Symbol. «Wir wollen die Sachen so einfach wie möglich machen», so Boppi. Einfach, damit alle sie verstehen, damit jeder und jede sich angesprochen fühlt.

Boppi sei einer, «der alle Menschen liebe», kündigte ihn die strahlende Moderatorin an, bevor dieser das Wort ergriff. Boppi, neuer Chef und Maskottchen seiner Organisation zugleich. Er klagt über die Individualisierung der Gesellschaft, den Zerfall der Gemeinschaft, will das die Leute «Gott googeln». «Sünde verbinden wir vielleicht noch mit Schoggiessen», sagt Boppi. Wieder so ein druckreifer Satz. «Es gibt etwas, das grösser ist als der Prime Tower.» Man kommt mit Mitschreiben gar nicht nach.

Beide, Vorgänger Nüesch und der designierte Leiter Boppart, sind typische Vertreter, sowohl ihrer Organisation als auch ihrer jeweiligen Generation. Nüesch, der stets korrekt gekleidete Missionar nach amerikanischem Vorbild, der den Schweizer Ableger der heute in 198 Ländern tätigen evangelikalen Organisation zu einer der sieben wichtigsten der Welt gemacht hat. Und Boppart, der bei der Pop-Freikirche ICF predigte und jeglichen Staub vom Glauben wegpustet.

Gegründet wurde «Campus für Christus» in den USA, als überkonfessionelles Missionswerk. «Campus Crusade» nannte es sich dort – «Kreuzzug». Doch auf den Anstrich eines Heiligen Krieges hat man in Europa tunlichst verzichtet. Darin liegt wohl die Stärke der Bewegung: Sie passt sich immer und überall an. Nicht weniger als 26 eigene Labels führt die Organisation in der Schweiz. Von «Alphalive», einem Unterrichtsangebot in Christentum, über «FamilyLife»-Seminaren, die Scheidungen vermeiden sollen, bis hin zu einem Film über Jesus, der mittlerweile in 800 Sprachen übersetzt worden ist. Mit massgeschneiderten Angeboten spricht «Campus für Christus» Teenager, Künstler, Frauen, Krankenschwestern, Sportler und Führungskräfte an. Jedes davon hat sein eigenes Logo, seinen eigenen Auftritt. Alles toll designt, alles in moderner Markensprache. Ein richtiger Glaubenskonzern. Das Missionswerk scheint keine Sparte auszulassen, selbst an Touristen verteilt es DVDs. Deren Titel: «More than Chocolate and Cheese», sie verbinden Landschaftsbilder mit christlichen Botschaften. Eine Viertelmillion davon soll seit 2009 verteilt worden sein.

Mit beeindruckenden Zahlen kann die Organisation stets aufwarten. 100 Angestellte hat sie in der Schweiz, über 12 Millionen Franken Jahresumsatz, alles durch Spenden. Wenn sie in St. Gallen ihr «Praise Camp» für Jugendliche durchführt, platzt die Olma-Halle aus allen Nähten. Nüesch klagt, dass es kaum noch Orte gebe, wo man 7000 Jugendliche auf einmal unterbringen könne.

«Campus für Christus» will die Welt bekehren. 100 000 Schweizer sollen schon an den angebotenen Kursen teilgenommen haben. Dabei grenzt sich das evangelikale Netzwerk keinesfalls von den Landeskirchen ab. Im Gegenteil, es betrachtet sich seit seiner Gründung als überkonfessionell. «Wir arbeiten mit 100 reformierten Pfarreien zusammen», bestätigt Nüesch. Und selbst Boppi, der bei der ICF Predigten hält, ist nach eigenen Angaben Mitglied der reformierten Landeskirche.

In Deutschland wurde «Campus für Christus» kritisiert, weil die Organisation die «Heilung» von Schwulen und Lesben verkündete. Darauf angesprochen, weicht Boppart aus. Jeder sei bei ihm willkommen. Sein Kompass sei die Bibel. Ob die Bibel denn Antworten auf jede Frage wisse, wird Boppi gefragt. «Nein», lacht er. Boppi gibt sich mehrheitsfähig. Der Glaube, den er verkündet, soll anstecken. Die Moral dazu wird später nachgeliefert.

Predigen will Boppart dort , wo die Leute sind. Und das sei das Internet. Auf Facebook sei bei 5000 Freunden leider schon Schluss, klagt er. Deshalb habe er ein zweites Profil eröffnen müssen. «Ich bin gar kein Technikfreak», sagt der neue Missionschef, auf dessen Schultern die Aufgabe lastet, das Werk durchs Internet zu steuern.

Vorgänger Nüesch wird sich derweil auf globale Fragen konzentrieren. Er sei überzeugt, dass sich im Islam bald viel tun werde. Immer mehr Muslime hätten Träume, in denen ihnen Jesus erscheine. Kein Zweifel, das Christentum dieser Prägung ist die Antwort auf alles. Ganz egal, wie die Frage lautete.

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