Kirche
Die Wächter von Zürichs wildester Kirche die auch mal zur Disco wird

Die Kirche St. Jakob ist nicht nur eine Kirche, sondern auch Theater, Konzertlokal, Disco, Proberaum und vieles mehr. Für Hanny Sidler, Sigristin ein spannender und abwechslungsreicher Arbeitstalltag.

Thomas Marth
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Hanny Sidler und Markus Gnant an ihrer Wirkungsstätte. David Baer

Hanny Sidler und Markus Gnant an ihrer Wirkungsstätte. David Baer

Die Kulisse besteht aus 16 ärztlichen Behandlungsliegen und einem Skelett am Ständer. Sie sind zwischengelagert im Raum, der parallel zum Hauptschiff verläuft.

Die Kirche St. Jakob ist eben nicht nur Kirche, sondern auch Theater, Konzertlokal, Ort der Stille, Proberaum, Ballsaal und vieles mehr. «Davon war keine Rede, als die Theaterleute die Kirche gebucht haben», sagt Sigristin Hanny Sidler mit Blick auf die Liegen, die den ganzen Raum verstellen.

«Man muss es nehmen, wie es kommt»

Etwas Tadel schwingt mit in ihrer Stimme, gleichzeitig lacht sie und sagt: «Man muss es nehmen, wie es kommt.» In der offenen Kirche St. Jakob am Stauffacher in Zürich ist immer etwas los. Geöffnet ist sie von 7 bis 19 Uhr.

Es gibt wöchentlich stattfindende Angebote wie den sonntäglichen Gottesdienst, an vier Werktagen Schweigemeditationen, am Dienstag die Chorprobe für jedermann und am Samstag Handauflegen.

Dann gibt es Veranstaltungen, die monatlich auf dem Programm stehen wie etwa «Street Church», der Gottesdienst von Jugendlichen für Jugendliche, bei dem die Kirche auch zur Disco wird. Im Weiteren gibt es ein Pilgerprogramm, denn der St.Jakob ist auch Pilgerzentrum. Hinzu kommen unzählige Veranstaltungen Privater. Im November und Dezember läuft jeweils am meisten.

Spannende Begegnungen

So speziell die Kirche, so herkömmlich, was vom Sigrist beziehungsweise der Sigristin erwartet wird: Die Kirche muss sauber sein, der Garten gepflegt, bei Anlässen muss das nötige Mobiliar herbei- und wieder beiseitegeschafft werden, je nachdem ist eine Verpflegung zu organisieren etc. Nur, dass hier oft alles etwas schneller gehen muss.

Die Theaterbestuhlung vom Samstagabend etwa ist noch in der Nacht wegzuräumen, damit sie am nächsten Morgen beim Gottesdienst nicht im Weg steht. Die Arbeitszeiten seien entsprechend unregelmässig und zuweilen auch lang, sagt Hanny Sidler - um gleich die Vorzüge ihrer Arbeit zu betonen.

An erster Stelle nennt sie eine grosse Abwechslung und viele spannende Begegnungen mit unterschiedlichsten Leuten. Dazu gehören Besucher des Gay-Gottesdienstes ebenso wie die Derwische, die den St. Jakob regelmässig buchen, um ihren berühmten Drehtanz zu praktizieren. Wobei es «auch Frauen gibt, die drehen», wie Hanny Sidler beobachtet hat.

«Darfs auch eine Frau sein?»

Die Mutter von zwei Söhnen hat einst kaufmännisch gearbeitet und sich ehrenamtlich in der Kirchgemeinde Wiedikon engagiert. Als dort ein Sigrist gesucht wurde, hat sie gefragt: «Darfs auch eine Frau sein?» Es durfte. Sechs Jahre später, 2006, wechselte sie dann in die Kirchgemeinde Aussersihl und damit in den St. Jakob.

Die Zuständigkeit des Sigristenamtes umfasst neben der offenen Kirche auch das Jugendhaus Cramerstrasse; im Kirchgemeindehaus an der Stauffacherstrasse ist die Ferienablösung sicherzustellen.

180 Stellenprozente stehen insgesamt zur Verfügung. Hanny Sidler arbeitet Vollzeit; momentan arbeitet sie mit Mark Gnant ihren neuen 80-Prozent-Kollegen ein.

Auch er hat sich nicht auf direktem Weg für die Aufgabe qualifiziert. Er betrieb eine Biogärtnerei in Feldbach. Irgendwann lohnte sich der Aufwand nicht mehr, sagt er. Auch qualifiziertes und bezahlbares Personal zu finden, sei stets schwieriger geworden.

Zuletzt war er Betriebsleiter der Ausstellung «Verdingkinder reden» im nicht weit vom St. Jakob gelegenen Schulhaus Kern.

Die erste Arbeit am Morgen besteht in einem Rundgang um das Kirchengebäude und dem Aufsammeln von Flaschen, Büchsen, Spritzen, Wegwerfgeschirr und anderen Abfällen. Neben der üblichen städtischen Betriebsamkeit machen sich hier auch Partyvolk und Randständige bemerkbar.

«Man muss die Menschen mögen»

Hat man nicht irgendwann genug davon, ihnen den Dreck wegzuputzen? «Man muss die Menschen mögen», sagt Hanny Sidler, und Mark Gnant nickt. Er mache die morgendlichen Rundgänge gern, sagt er.

Im Umgang mit Randständigen gelte es, das richtige Mass zu finden, sagt die Sigristin. Man müsse tolerant sein, aber - zum Beispiel wenn einer eine Veranstaltung stört – auch mal bestimmt auftreten. Je nachdem wird die städtische SIP (Sicherheit, Intervention, Prävention) aufgeboten.

Nur einmal wurde es auch Hanny Sidler zu viel - «dazu stehe ich», sagt sie. Das war im letzten Dezember, als die Occupy-Bewegung vor der Kirche campierte und damit viele Randständige anlockte.

Gerne nahmen diese die Infrastruktur des Zeltlagers in Anspruch. Womit sie dann aber auch die Okkupanten überforderten und vertrieben. Seither geht alles wieder seinen gewohnten Gang.

Die Toleranz ist nicht grenzenlos

Eine Vermietungskommission entscheidet, wer die Kirche buchen darf – denn auch wenn die Toleranz gross ist, ganz alles ist auch im St. Jakob nicht möglich. Im Haus an der Cramerstrasse ist Hanny Sidler allein für die Vermietungen zuständig. In den zahlreichen Seminarräumen treffen sich unter anderem die Anonymen Alkoholiker.

So gleicht die Arbeit der Sigristin oft der einer Managerin. Sie ist sich deswegen nicht zu schade, mit anzupacken. «Wir putzen auch viel», sagt sie. Gerade eben habe man vor der Kirche gejätet.Mark Gnant hat vor einigen Tagen den Boden aus Eichenholz im weitgehend freigeräumten Hauptschiff geölt.

Jetzt im Sommer läuft weniger, und es findet sich Zeit auch für solche Arbeiten. Und auch Ferien sind jetzt möglich. Hanny Sidler freut sich schon darauf.