Dem Zürcher Mieterverband sind sie schon lange ein Dorn im Auge: Appartements, die zu hohen Preisen für kurze Zeit an Angestellte internationaler Firmen vermietet werden. Rund 15 000 solcher Business-Appartements gibt es laut Schätzungen derzeit in Zürich – Tendenz steigend.

Für Anja Graf sind sie schlicht ein «Bedürfnis der heutigen Zeit». Die 36-jährige Unternehmerin aus Winterthur hat daraus ein florierendes Geschäft gemacht: Ihre Firma Visionapartments verzeichnete in den letzten fünf Jahren Wachstumsraten von jeweils 30 Prozent. Heute umfasst ihr Portfolio knapp 1000 Wohnungen, davon 600 in Zürich. Weitere Standorte sind Berlin, Lausanne, Wien, Genf, München, Warschau und Mallorca. Am Mittwoch präsentierte Graf das neue «Flagship House» ihrer Firma beim Bahnhof Giesshübel in Zürich – und bot dabei Einblicke in die Welt der Businessnomaden.

In dem ursprünglich als Bürogebäude geplanten Neubau sind 206 Appartements entstanden. Für die mit 17 Quadratmetern kleinsten Einheiten blättern ihre Mieter monatlich 1900 Franken hin. Für die grössten, mit 70 Quadratmetern auch nicht gerade riesigen Wohnungen, beläuft sich die Miete auf 4900 Franken. Die wöchentliche Reinigung durch «Cleaning Ladys» – wie Putzfrauen bei Visionapartments heissen – ist dabei inbegriffen.

Die Mieter des Flagship-Hauses können aus fünf Design-Wohnungstypen auswählen: «St. Moritz» im alpin-schicken Stil; «Crazy China» mit beleuchteter Wand aus Onyx-Stein; «Ibiza» mit Möbeln, die Graf aus Hölzern indonesischer Fischkutter fertigen liess; «Led» mit viel Plexiglas; und schliesslich «Magnolia» in Cappucchino-Farben.

Am gefragtesten bei der vorwiegend männlichen Kundschaft sei der Wohnungstyp «St. Moritz», sagt Graf beim Rundgang durch das Haus, das mit seinen langen, halbdunklen Teppichbodengängen wie ein Hotel ohne Personal wirkt. Doch auch die anderen Wohnungstypen liessen sich problemlos an den Mann bringen, seit das Flagship-Haus im Sommer Stockwerk für Stockwerk eröffnet wurde: Die Auslastung belaufe sich auf 95 Prozent, sagt Visionapartments-Sprecher Alain Gozzer.

Die Mehrheit der neuen Appartements mieteten Firmen für ihre Angestellten. Zu den Visionapartments-Kunden zählen Grossbanken und Versicherungen, die die Unterkünfte gleich dutzendweise buchen. Ganz wohl ist es Graf dabei nicht, wie sie im Gespräch durchblicken lässt. Denn wenn ein solcher Grosskunde abspringe, ständen auch gleich dutzendweise Wohnungen leer. Bis zur Eröffnung des Flagship-Hauses seien ihre Mieter mehrheitlich Privatpersonen gewesen.

Graf startete ihr Unternehmen 1999 im Alter von 21 Jahren. Zuvor hatte sie eine Model-Agentur lanciert und dabei immer wieder temporäre Unterkünfte für Models organisiert. Mit einem Startkapital von einer Million Franken, das ihr Vater einschoss, gründete sie dann in Zürich Visionapartments und spezialisierte sich aufs Vermieten möblierter Wohnungen.

Ihre Hauptkundschaft sind heute Businessnomaden, die im Durchschnitt drei Monate bleiben. Doch auch Menschen, die aus nicht-beruflichen Gründen vorübergehend schnell eine Unterkunft brauchen, gehören dazu. Inzwischen ist Graf selbst eine Art Businessnomadin: Die Mutter von vier Kindern lebt seit drei Jahren in Warschau, von wo aus ein Team die Backoffice-Arbeiten des 100-köpfigen Unternehmens Vision-apartments erledigt. Doch sie denke über einen Umzug an einen anderen Ort nach, sagt Graf. Das Team in Warschau sei jetzt so gut aufgestellt, dass sie weiterziehen könne.