Bezirksgericht
Die Vergewaltigung ist nicht bewiesen

Das Urteil des Bezirksgerichts Dietikon in einem Fall von häuslicher Gewalt wurde bestätigt. Die Geschädigte hatte eine härtere Strafe verlangt.

Attila Szenogrady
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Das Obergericht in Zürich bestätigte das Urteil des Bezirksgericht.

Das Obergericht in Zürich bestätigte das Urteil des Bezirksgericht.

Keystone

Der Gerichtsfall ging auf eine äusserst problematische Beziehung zwischen einem Polen und einer um elf Jahre jüngeren Freundin aus Dietikon zurück. Der psychisch angeschlagene Osteuropäer und die aus dem Kosovo stammende sowie an Borderline erkrankte Schweizerin zerstritten sich immer wieder, wobei der Automechaniker seine Freundin wiederholt brutal verprügelte. So auch kurz vor den Weihnachten 2010, als er ihr in ihrer Wohnung mit einem wuchtigen Faustschlag ins Gesicht einen doppelten Kieferbruch beibrachte. Bereits einen Monat zuvor hatte er ihr mit Faustschlägen das Nasenbein und auch damals schon den Kiefer doppelt gebrochen.

Trotz der rohen Gewalt verblieb die Geschädigte beim Beschuldigten. Bis zum 27. Februar 2011, als es erneut zu einem heftigen Streit kam. Wiederum schlug der Mann massiv auf seine Partnerin ein. Wobei diesmal die Eltern der jungen Frau auftauchten und es zu einer Keilerei zwischen den Parteien kam. Wobei der über 60-jährige Vater zum Schluss den Beschuldigten mit einem Messer niederstach und dabei erheblich verletzte. Die Polizei nahm in der Folge sowohl den Messerstecher als auch den Beschuldigten fest.

198 Tage in Untersuchungshaft

Kurz darauf meldete sich auch die Schwester der Geschädigten bei der Polizei und lastete dem inhaftierten Polen mehrere Vergewaltigungen während der Beziehung an. Mit der Folge, dass der Beschuldigte 198 Tage in Untersuchungshaft verbringen und sich im Mai 2013 am Bezirksgericht Dietikon verantworten musste.

Bereits das Bezirksgericht Dietikon sah die Sexualdelikte als nicht erwiesen an. Einerseits stellte der teilgeständige Beschuldigte diese Vorwürfe kategorische als frei erfunden in Abrede. Andererseits konnte die Geschädigte keine Aussagen tätigen und machte geltend, dass sie sich nicht mehr an das Geschehen erinnern könne. Sie stützte sich lediglich auf Handnotizen ab, die erst im Juni 2011 entstanden waren. Zu wenig für das Gericht. Der Automechaniker konnte aufatmen, da die zuständige Staatsanwältin eine hohe Freiheitsstrafe von acht Jahren verlangt hatte.

Allerdings kam er nicht ungeschoren davon. Für die wiederholten Prügelattacken kassierte er wegen mehrfacher Körperverletzung und Tätlichkeiten eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 30 Monaten. 10 Monate davon unbedingt. Zudem wurde er verpflichtet, der Privatklägerin ein Schmerzensgeld von 8000 Franken zu bezahlen. Nicht zuletzt erhielt er die Weisung, sich zwecks Behandlung seiner Persönlichkeitsstörung einer Psychotherapie zu unterziehen.

Berufung erfolglos

Während die Staatsanwaltschaft den Dietiker Entscheid akzeptierte, zog die Rechtsvertreterin der Geschädigten den Fall an das Obergericht weiter und verlangte umfassende Schuldsprüche. Das Schmerzensgeld sei auf 25 000 Franken zu erhöhen, plädierte sie. Ohne Erfolg. So sprachen die Oberrichter bei den Sexualdelikten von einem verwirrlichen Aussageverhalten der Privatklägerin. Die in den Handnotizen vorgebrachten Vorwürfe seien wohl erst unter dem Druck ihrer Familie entstanden. So kam auch das Obergericht bei den eingeklagten Vergewaltigungen nach dem Grundsatz in «dubio pro reo» zu Freisprüchen.

Bei den erwiesenen Gewaltdelikten sprach es dagegen von einer erschreckenden Brutalität des Beschuldigten und sah keinen Anlass dafür, die Dietiker Strafe im Sinne der Verteidigung zu senken. Das Urteil wurde damit in allen Punkten bestätigt. Der Vater der Geschädigte wurde wegen der Messerattacke bereits im letzten März (Ausgabe vom 5.5.2014) vom Obergericht wegen versuchter schwerer Körperverletzung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt.