Am 5. September 1992 tanzten tausend feierlustige Leutchen in Zürich zu Bum-Bum-Musik an der allerersten Street Parade. Morgen wird die zweiundzwanzigste ihrer Art wieder um eine Million Menschen an den Zürichsee locken. So oft die Parade totgesagt wurde, sie lebt noch immer und macht keine Anstalten, aus der Agenda zu verschwinden.

Aus dem Anlass einer eingeweihten Minderheit wurde ein Mega-event, der das Knabenschiessen in der Sparte Volksfäscht längst überrundet. Und es ist eine der grössten Schweizer Touristenattraktionen geworden. Die Zürcher Hoteliers verliehen dem OK diesen Frühling gar einen Preis für «nachhaltiges Engagement». Kein Wunder, schmelzen im Wallis die Gletscher, wenn es Jahr für August in Zürich so heiss hergeht.

Ja, man darf die Street Parade boykottieren. Mittlerweile ist das gar zu einem Volkssport geworden. Das Restaurant «Fischer's Fritz» in Wollishofen ruft dieses Jahr mit ausgeleierten nackten Füdli - Bilder von der letztjährigen Parade - dazu auf, dem Menschenauflauf zu entfliehen. Trotzdem, mit seinen 21 Jahren ist der Event selbst nach amerikanischem Gesetz volljährig, ergo muss man die Street Parade nun auch für voll nehmen. Und das heisst: Die Schweiz muss sie als einen Teil ihres Brauchtums akzeptieren, genauso wie die Gansabhauet in Sursee und die Glarner Landsgemeinde.

Beide, die Landsgemeinde wie die Gänsehinrichtung, stehen auf der Liste der «lebendigen Traditionen» unseres Landes. Sie wurde erstellt, nachdem die Schweiz dem Unesco-Übereinkommen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes beigetreten ist.

Was sind denn «lebendige Traditionen»? Gemäss Bundesamt für Kultur erfüllen sie folgende Kriterien: Sie werden hier und jetzt in der Schweiz praktiziert, sind ein Teil unserer kulturellen Vielfalt und Identität, sie verändern sich und erfinden sich neu.

Nun könnte man meinen, die Parade erfülle angesichts ihres jugendlichen Alters die Anforderungen, die man an eine Tradition stellt, noch nicht. Falsch gemeint: Ein jugendliches Alter ist kein Hindernis für eine Tradition.

Auch das Winterthurer Albanifest ist Teil des Schweizer Inventars. Es geht zwar auf den durch Rudolf von Habsburg ausgestellten Freiheitsbrief im Jahr 1264 zurück, in seiner heutigen Form existiert es aber lediglich seit 1971, ist also streng genommen gerade mal doppelt so alt wie die Street Parade.

Auch das Sechseläuten, bei dem einige der Zünfter in mittelalterlichen Kostümen durch Zürichs Innenstadt watscheln und den Böögg abfackeln, wird durch das Zentralkomitee der Zürcher Zünfte erst seit dem Jahr 1893 organisiert. Noch im 19. Jahrhundert verbrannten die Zürcher Knaben allerlei Strohpuppen.

Doch die Zürcher sind nicht als einzige Meister darin, ihren Traditionen einen möglichst alten Anstrich zu geben. Im Kanton Solothurn gehört gar ein Fussballmatch zum immateriellen Kulturerbe: Der Uhrencup in Grenchen erblickte 1962 das Licht der Welt.

Und wem das noch immer nicht reicht: Jede Tradition wurde irgendwann einmal erfunden. Ob das nun im 12. oder im 20. Jahrhundert der Fall war. Irgendwann hatte jemand eine Idee, setzte sie um und begeisterte damit den Rest des kümmerlichen Dorfes.

Man darf nicht den Fehler machen, allzu viel in diese Feste hineinzuinterpretieren. In Bern treffen sich schliesslich jedes Jahr Zehntausende, um einem Lauchgewächs zu huldigen (siehe: «Zibelemärit»). Wieso sollen also die Leute in Zürich nicht taktvoll für den Frieden tanzen?

Einziges Argument gegen eine Aufnahme in die Liste des immateriellen Kulturerbes: Das würde die Street Parade noch uncooler machen. Aber an Uncoolness ist allenthalben noch kein Brauch gestorben.