Zürich
Die Stadtzürcher Minderheiten bilden die Mehrheit

Die zunehmende Diversität der Bevölkerung ist Thema der Zürcher Migrationskonferenz – nicht nur die bekannten und häufig diskutierten Faktoren sind wichtig für die Integration, sondern auch kleine Gesten und Kontakte im Alltagsleben.

Matthias Scharrer
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Bevölkerung macht Mittagspause beim Bahnhof Altstetten.

Bevölkerung macht Mittagspause beim Bahnhof Altstetten.

Matthias Scharrer

Die Migration hat sich verändert. Das zeigt sich in Zürich besonders an der Bevölkerungsgruppe der 30- bis 39-Jährigen: Sie bilden mittlerweile mit 90 000 Personen die grösste Altersgruppe der Stadt. Ihr Bildungsstand ist hoch: Die meisten sind Akademiker und Techniker, viele von ihnen in Führungspositionen, wie Christof Meier, Leiter der Stadtzürcher Integrationsförderung, gestern an der Zürcher Migrationskonferenz sagte. Und die allermeisten von ihnen seien zugezogen, 37 Prozent aus dem Ausland und 57 Prozent aus anderen Teilen der Schweiz. Mehr als die Hälfte der 30- bis 39-Jährigen in Zürich sei im Ausland geboren, grösstenteils in Deutschland und dem ehemaligen Jugoslawien – und in über 160 weiteren Ländern.

«Das ist aus demokratischer Sicht besorgniserregend», so Meier. Denn damit seien 46,7 Prozent dieser für das Wirtschafts- und Sozialleben bedeutenden Altersklasse nicht stimm- und wahlberechtigt. Zum Vergleich: Über alle Altersklassen gesehen liegt der Ausländeranteil in Zürich bei einem Drittel.

«Die Frage nach der Mehrheitsgesellschaft ist in unserer Stadt nicht mehr ganz einfach zu beantworten», folgerte Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP). Migranten aus dem In- und Ausland würden die Mehrheit bilden. Doch es sei keine homogene Mehrheit. Anders gesagt: Minderheiten bilden die Mehrheit.

Ein globaler Prozess

Zürich ist damit nicht allein. «Es ist ein globaler Prozess», sagte der US-Soziologe Steven Vertovec, Hauptredner der Konferenz. Er hat schon vor Jahren einen Begriff dafür geprägt: Super-Diversität. Gemeint ist damit die zunehmende Vielfalt an ethnischen, sprachlichen und religiösen Hintergründen, kombiniert mit der in diesem Ausmass neuen Migration von Hochqualifizierten.

«Gesellschaften sind nie homogen. Und Kultur verändert sich ständig.»

Steven Vertovec
Soziologe und Hauptredner an der Zürcher Migrationskonferenz

Wie ist damit umzugehen? Der traditionelle Integrationsbegriff ist für Vertovec überholt. Spracherwerb, soziale Netzwerke, der Zugang zu Jobs, Bildung und Gesundheitssystem seien zwar weiterhin wesentlich für das Gelingen des Zusammenlebens. Doch die Annahme, dass es einen ursprünglichen gesellschaftlichen Kern gebe, dem sich Zugewanderte anzupassen hätten, sei falsch: «Gesellschaften sind nie homogen. Und Kultur verändert sich ständig», so Vertovec, der eine Professur in Göttingen innehat und unter anderem als Berater der britischen Regierung, der Weltbank und der Unesco wirkte. Es sei illusorisch, zu glauben, dass sich durch forcierte Integrationsbemühungen vertiefte Beziehungen oder gar enge Freundschaften herstellen liessen. Diese seien im städtischen Zusammenleben ohnehin die Ausnahme.

Mindestens ebenso wichtig seien kleine Gesten und Kontakte im Alltagsleben: dass man jemandem die Tür aufhalte oder Danke sage, beispielsweise. Oder dass man den unbekannten Menschen, denen man etwa auf dem Arbeitsweg täglich begegne, mal zunicke. «Das sind die grundlegenden Bausteine», betonte Vertovec. Als Beispiel nannte er die Plakette, die er an Sitzen in Amsterdamer Strassenbahnen sah: «Brauchen Sie einen Sitz? Ich kann aufstehen», sei dort gestanden. Auch stadtplanerische Bemühungen, Begegnungen im Alltag zu fördern, seien wichtig.

Vertovec wollte seine Ausführungen nicht als Absage an Integrationskurse missverstanden wissen, wie er in der Diskussionsrunde betonte. Diese könnten durchaus etwas bringen. Doch ebenso gelte es, das Augenmerk auf freundliche Umgangsformen im Alltag zu richten – auf
ziviles Verhalten.

Plädoyer fürs Ausländerstimmrecht

Gar nichts hält er von rein restriktiven Reaktionen auf die Migration wie dem soeben vom St. Galler Stimmvolk angenommene Burka-Verbot. «Das ist reine Symbolpolitik. Man kann Veränderung nicht zurückhalten, aber man kann sie kanalisieren.» Einen positiven Beitrag kann hingegen laut Vertovec das Ausländerstimmrecht auf kommunaler Ebene leisten: «Dass in Zürich rund 50 Prozent der 30- bis 39-Jährigen ohne politische Stimme sind, ist problematisch.»