Löwenbräu-Areal

Die Stadt Zürich hat nun auch ihren eigenen schiefen Turm

70 Meter hoch ist der Löwenbräu-Turm – und leicht schief. Marc Dahinden

70 Meter hoch ist der Löwenbräu-Turm – und leicht schief. Marc Dahinden

Die gewagte Architektur eines Prestigebaus erweist sich als tückisch. Am Mittwochabend gab es eine Aussprache mit den Bauverantwortlichen. Die Erkenntnis: Das Hochhaus auf dem Löwenbräuareal ist schief. Bauarbeiter müssen jetzt die Böden begradigen.

Wäre alles nach Plan gegangen, könnten die Bewohner von Zürichs spektakulärstem neuen Hochhaus dieser Tage einziehen. Stattdessen haben sie sich am Mittwochabend mit den Bauverantwortlichen zu einer Aussprache getroffen – nur einen Steinwurf vom Turm entfernt, der noch immer auffällig nach Baustelle aussieht. Es gab Risotto und Trüffel-Orecchiette und jede Menge Erklärungen, unter anderem vom prominenten Architekten Mike Guyer. Und es blieb zu nachtschlafender Stunde die Erkenntnis, dass die Stadt Zürich nun ihren eigenen schiefen Turm hat. Von blossem Auge ist das zwar kaum zu erkennen, aber Konsequenzen hat es trotzdem.

Das Hochhaus auf dem Löwenbräuareal ist ein Prestigebau, ganz darauf angelegt, zu beeindrucken. Die Immobiliengesellschaft PSP Swiss Property bewirbt ihn als «herausragendes Wahrzeichen», der die Stadtsilhouette neu prägen werde. Er ist 70 Meter hoch und mit edlen schwarzen Keramikkacheln verkleidet. Die Wohnungen in den oberen Etagen kosten 3 Millionen Franken und mehr, die exklusiven Penthouses 8 Millionen. Das aufsehenerregendste Merkmal ist aber ein anderes: Die oberen zwölf Stockwerke sind zu einem Drittel überhängend gebaut; 2300 Tonnen Gewicht hängen zur Strasse hin frei in der Luft. Eine gewagte Konstruktion, die nun ihre Tücken offenbart.

Käufer fordern Antworten

Die Verantwortlichen haben die Karten am Mittwoch erst auf den Tisch gelegt, nachdem sich über 30 beunruhigte Wohnungskäufer zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen und Informationen eingefordert haben. Die Erklärungen für das Malheur, die sie erhielten, schildern zwei Wohnungskäufer unabhängig voneinander so: Der Turm sei mit Absicht schief gebaut worden, mit Rücklage quasi, weil klar war, dass er sich mit der Zeit unter dem enormen Gewicht seines Vorbaus in die Gegenrichtung neigen würde. Das hat er auch getan – aber nicht weit genug. Architekt Mike Guyer habe im Gespräch die strengen Schweizer Bauvorschriften dafür verantwortlich gemacht. Demnach habe man den Turm aus Sicherheitsgründen mit doppelt so viel Rücklage bauen müssen, wie gemäss den Berechnungen notwendig gewesen wäre. Die ursprünglichen Berechnungen hätten sich dann aber als korrekt erwiesen.

Seitens der Firma PSP, die als Bauherrin des Turms das Kommunikationsmonopol innehat, sagte Stephan Lüdi gestern auf Anfrage, man habe sich bei den Berechnungen an die gesetzlichen Vorschriften und Normen gehalten. Das Gebäude habe sich etwas weniger stark gesenkt als erwartet, es sei steifer ausgefallen. «Alles bewegt sich aber innerhalb der Toleranzen, wie sie für eine solche Konstruktion normal sind», hält er fest. Mehr könne er dazu zurzeit nicht sagen. Laut den Informationen, welche die Käufer erhalten haben, bedeutet es konkret, dass sich das Gebäude um allerhöchstens 6 Zentimeter zu wenig gesenkt hat.

Begradigte Böden, neue Decken

In den exklusiven Wohnungen in den Obergeschossen des Hochhauses gibt es für die Bauarbeiter jetzt viel zu tun. Sie müssen das Innenleben des schiefen Turms ins Lot bringen, indem sie die Böden begradigen, neue Decken einziehen und die Brüstungen abschleifen. So sei es ihnen von den Verantwortlichen beschrieben worden, sagen die Käufer. Auch aussen an der Fassade seien Nachbesserungen nötig: Weil die rechten Winkel der Konstruktion verzogen seien, müssten die Fensterrahmen und die eleganten, schwarzen Keramikkacheln neu eingepasst werden.

Für die Wohneigentümer ist all das dem Vernehmen nach zwar kein Drama, aber zum Teil doch «unangenehm». Einziehen können sie voraussichtlich erst zwischen Juni und September des kommenden Jahres. Die Vertreter der Bauherrschaft hätten ihnen versichert, das Hochhaus erst dann vom verantwortlichen Generalunternehmer Steiner abzunehmen, wenn alles in Ordnung sei. Das hätten sie schon im Fall des neuen Kunstzentrums auf dem gleichen Areal so gehandhabt – auch dort war es zu Verzögerungen gekommen.

Wer muss dafür aufkommen?

Die Käufer rechnen offenbar damit, dass es wegen der Frage der Verantwortlichkeit noch zu Differenzen kommen könnte zwischen den beteiligten Akteuren: dem Architekturbüro, dem Generalunternehmer und der Bauherrin. Bei der Firma PSP war zu diesem Thema gestern nichts zu erfahren. In der Regel ist es in solchen Fällen aber so, dass der mit dem Bau beauftragte Generalunternehmer das Risiko trägt und für Ausbesserungen aufkommt.

Unabhängig davon geht der Verkauf der Wohnungen im Löwenbräu-Turm weiter: 13 von insgesamt
58 sind derzeit noch zu haben, darunter auch einige der exklusivsten ganz zuoberst.

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