Zürich
Die Stadt spendet Schatten – «Mit Wahlkampf hat dies nichts zu tun»

Der Zürcher Stadtrat Filippo Leutenegger hat auf dem Sechseläutenplatz Sonnenschirme aufstellen lassen. Dank diesen bewahren die Zürcher nun im Sommer einen kühlen Kopf – abgesehen von jenen hitzigen Gemütern, die in der Aktion bereits einen Vorboten des Wahlkampfs erkennen.

Michel Wenzler
Merken
Drucken
Teilen
Filippo Leutenegger öffnet den ersten Sonnenschirm auf dem Sechseläutenplatz

Filippo Leutenegger öffnet den ersten Sonnenschirm auf dem Sechseläutenplatz

Keystone

Es ist schön, wenn sich Politiker um das Wohl der Bürger sorgen. Der Zürcher Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) und sein Tiefbauamt haben beobachtet, dass sich der Sechseläutenplatz schnell leert, wenn die Sonne unerbittlich auf den Boden aus Valser Quarzit brennt. Messerscharf schlossen sie daraus, dass dagegen eine Massnahme ergriffen werden muss. Gestern präsentierte Leutenegger, der nächstes Jahr wieder als Stadtrat kandidiert und überdies Stadtpräsident werden will, eine Lösung: 20 Sonnenschirme sollen die nächsten beiden Monate versuchsweise ein bisschen Schatten spenden. Kosten: 40 000 Franken.

Leutenegger spricht von einem neuen Impuls für den Sechseläutenplatz. Natürlich ist dieser schon für sich alleine schön genug. Eine Piazza mit mediterranem Ambiente sei er, die Sicht auf das Mittelmeer werde nur durch die grünen Hecken auf der anderen Strassenseite verdeckt, sagte der Stadtrat. Aber wie es so ist mit den italienischen Piazze – und kaum einer weiss das so gut wie Filippo Leutenegger, der seine Kindheit und Jugend in Rom verbracht hat: Im Sommer wird es darauf so heiss wie in einer Backstube. In Leuteneggers Worten: «Hier könnte man schon fast eine Pizza braten.»

Die unpräzise Wortwahl, ob der wohl jedem Pizzaiolo die schweissdurchtränkten Haare zu Berge stehen, muss man dem umtriebigen Stadtrat verzeihen: Es ist heiss, und die Schirme sind noch nicht offen. Höchste Zeit also, schreitet Leutenegger jetzt zur Tat. Mit gekonntem Griff (hat er heimlich geübt?) öffnet er den ersten Schirm. Und so steht der mediengewandte Politiker, der gerne das Rampenlicht geniesst, plötzlich im Schatten. Die Sonne, sagt er, suche er sowieso nie. «Ich bin nicht einer, der im Sommer an die Sonne geht.»

Zurück aber zu den Fakten: Da ist nun also der erste Schirm offen, drei auf drei Meter misst das weisse Tuch, 60 Kilogramm schwer ist der Ständer. Um ihn zu verrücken, braucht es zwei Personen. Das ist gewollt. Denn erstens sollen die Schirme sturmfest sein – erst ab Windstärke 6 bis 7 wird es kritisch, dann werden die Ständer vorgängig weggeräumt. Zweitens sollen die Schattenspender nicht von Dieben gestohlen werden. Ob das funktioniert, weiss auch Leutenegger nicht. Aber: Von den 200 Stühlen, die auf dem Sechseläutenplatz stehen, seien in den vergangenen zwei Jahren lediglich acht abhandengekommen. Ausländische Besucher, die er schon über den Platz geführt habe, würden darüber staunen. «Non è possibile», heisse es dann jeweils.

Wahlkampf-Schirme?

Ist es hingegen möglich, dass der Tiefbauvorstand mit der Aktion bereits ein bisschen Wahlkampf betreibt, wie es in den sozialen Medien sogleich kritisiert wird? Nein, mit Wahlkampf habe das nichts zu tun, betont Leutenegger. Man habe die Schirme nicht früher besorgen können. Im Herbst wiederum lohne es sich nicht mehr, sie aufzustellen. Das müsse man jetzt tun, solange es heiss sei. Und an die Adresse jener, die den Sechseläutenplatz ohnehin schon zu verstellt finden, sagt der Stadtrat: «Wenn die Schirme auf heftige Kritik stossen sollten, sind sie schnell eingesammelt.» So pessimistisch wollen wir aber nicht sein: Gestern Nachmittag nahmen nämlich bereits mehrere Passanten im Schatten Platz. Werden die Schirme also zum grossen Sommerhit? Sì, è possibile.