Ständerat
Die Spitzenkandidaten: Ein Männerquartett mit zwei Trümpfen

Matthias Scharrer liefert eine Analyse zum Kampf um die beiden frei werdenden Zürcher Ständeratssitze. Das Gerede von der «ungeteilten Standesstimme» ist für ihn Wahlkampfpropaganda von gestern.

Matthias Scharrer
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Das Quartett der Spitzenkandidaten für die Zürcher Ständeratswahl ist vollständig. (Symbolbild)

Das Quartett der Spitzenkandidaten für die Zürcher Ständeratswahl ist vollständig. (Symbolbild)

Keystone

Mit der Nomination von Hans-Ueli Vogt durch die SVP-Delegierten gestern Abend ist das Quartett der Spitzenkandidaten für die Zürcher Ständeratswahl im Herbst vollzählig. Es ist ein reines Männerquartett: Zu den Topaspiranten auf die beiden frei werdenden Sitze gehören die Nationalräte Ruedi Noser (FDP), Daniel Jositsch (SP), Martin Bäumle (GLP) – und eben Rechtsprofessor Vogt, dessen politisches Handlungsfeld bislang primär der Kantonsrat war.

Ins Rampenlicht der nationalen Politik geriet Vogt als Vater der SVP-Initiative «Landesrecht vor Völkerrecht». Dies dürfte auch im Zürcher Ständeratswahlkampf eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Denn die Position der SVP, wenn es um das Verhältnis der Schweiz zum Rest der Welt geht, sorgt für Distanz zum Freisinn.

Der letzte SVP-Ständerat Hans Hofmann hatte zwar bei der Lancierung von Vogts Kandidatur ausdrücklich die «ungeteilte Standesstimme» beschworen. Doch die FDP scheint nach ihrem triumphalen Sieg bei den Kantonalzürcher Wahlen vor gut zwei Wochen an einer Allianz mit der SVP nicht gross interessiert.

Auch SVP-Kantonalpräsident Alfred Heer grenzte sich bereits von FDP-Kandidat Noser ab, indem er ihn als «Euroturbo» bezeichnete. Vogt weiss um diese Differenzen. Sie machen deutlich: Das Gerede von der «ungeteilten Standesstimme» ist Wahlkampfpropaganda von gestern.

Dass mit der nationalkonservativen Abschottung à la SVP Ständeratswahlen im Kanton Zürich kaum zu gewinnen sind, mussten vor vier Jahren Christoph Blocher und vor acht Jahren Ueli Maurer schon erfahren. Vogt hat daher innerhalb des Favoritenquartetts wohl nur eine Aussenseiterchance: Sollte Topfavorit Noser bereits im ersten Wahlgang gewählt werden, könnte Vogt sich in einem zweiten Wahlgang zum Einheitskandidaten der Bürgerlichen aufschwingen und so in die Kränze kommen.

Ein eher gewagtes Szenario. Wahrscheinlicher ist, dass er sich im Ständeratswahlkampf die nötige Bekanntheit verschafft, um am 18. Oktober in den Nationalrat gewählt zu werden. Der smarte Professor könnte dann mit Roger Köppel zum Aushängeschild der neuen, intellektuell und urban auftretenden Zürcher SVP werden.

Womit wir bei den zwei Trümpfen im Männerquartett der Topfavoriten wären: Ruedi Noser (FDP) und Daniel Jositsch (SP). Noser, der den scheidenden FDP-Ständerat Felix Gutzwiller beerben will, verkörpert einen neuen Typus des Zürcher Freisinns: volksnah statt elitär, ein unternehmerischer Aufsteiger aus dem Glarnerland statt alteingesessener Goldküsten-Geldadel.

Als einer der ersten bürgerlichen Politiker nahm er Abschied vom Bankgeheimnis. Als einer der ersten setzte er sich auch für einen Innovationspark auf dem Flugplatz Dübendorf ein. Er hat ein Firmengebilde mit insgesamt 500 Angestellten aufgebaut und sich einen Ruf als unabhängiger Politiker verschafft. Das macht ihn rechts und links der Mitte wählbar – und damit zum Topfavoriten bei den Ständeratswahlen.

Die SP wiederum trumpft mit Daniel Jositsch auf. Durch sein Eintreten für ein schärferes Jugendstrafrecht und für ein hartes Vorgehen gegen Hooligans kann der Strafrechtsprofessor auch im bürgerlichen Lager punkten. Und die Linke muss ihn fast wählen: Sie wittert die Chance, 32 Jahre nach dem Ausscheiden von Emilie Lieberherr erstmals wieder ein Zürcher SP-Mitglied in den Ständerat zu hieven.

Zumal die SP mit der GLP noch eine Rechnung offen hat: 2007 zog sich die besser platzierte Chantal Galladé im zweiten Wahlgang zugunsten von Verena Diener zurück, um einen Ständerat Ueli Maurer zu verhindern.

Nun räumt Diener ihren Sitz im «Stöckli» – und GLP-Präsident Martin Bäumle kämpft um ihre Nachfolge. Der grünliberale Chemiker aus Dübendorf betont seine gute Beziehung zu Noser, macht aber auch Jositsch Avancen. Als Mann der Mitte könnte er theoretisch in allen Lagern punkten. Doch dass die Farbe Grün derzeit bei der Wählerschaft tief im Kurs steht, machten bereits die Kantonalzürcher Wahlen deutlich. Ein GLP-Comeback bei den Zürcher Ständeratswahlen ist unwahrscheinlich.

Noch unwahrscheinlicher ist, dass wieder eine Frau den Kanton Zürich im Ständerat mit vertritt. Zwar schicken die CVP mit Barbara Schmid Federer und die EVP mit Maja Ingold zwei namhafte Kandidatinnen ins Rennen. Doch beide Parteien dümpeln in der Gunst der Zürcher Wählerschaft bei fünf Prozent herum, sodass die zwei Ständeratssitze ausser Reichweite sind.

Und egal wen die Grünen am 12. Mai nominieren – sei es der vom Parteivorstand lancierte Bastien Girod, sei es die wilde Kandidatin Katharina Prelicz-Huber: In einem zweiten Wahlgang bliebe ihm oder ihr wohl nichts anderes übrig, als sich zugunsten von Jositsch zurückzuziehen.