Zürich
Die Sonne macht dem Herbst nur ungern Platz – Rekordsommer hält an

Impressionen aus dem Seebad Utoquai, wo die Saison noch nicht vorbei ist – das Wasser des Zürichsees bei der Badi Utoquai ist aktuell 20 Grad Celius warm. Die Gäste freuen sich über das warme Wetter.

Matthias Scharrer
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Die Kleider der Badegäste decken Ende September beinahe das Ganzjahresspektrum ab.

Die Kleider der Badegäste decken Ende September beinahe das Ganzjahresspektrum ab.

Matthias Scharrer

Wasser: 20 Grad. Luft: 13 Grad. So steht es auf einem Schild beim Eingang zum Seebad Utoquai, der einzigen Stadtzürcher Badi, die noch offen ist. Auch wenn die Bise schon herbstlich bläst: Ein beachtliches Grüppchen von Badegästen leistet der unweigerlich nahenden kühlen Jahreszeit noch Widerstand.

Es ist kurz vor Mittag. Zwei Frauen treffen sich beim Badikiosk. «Was gibts als Tagessuppe?» «Rüebli-Ingwer-Suppe.» «Perfekt, bestell gleich zwei.» Sie lassen sich am Tisch unter dem Olivenbaum nieder. Ich platziere mich auf den Holzplanken direkt an der weiss gestrichenen Bretterwand und beobachte das Treiben.

Alle paar Minuten wagt sich wer ins Wasser des Zürichsees. An der Holzwand ist es trotz Bise angenehm warm. Die Sonne strahlt vom wolkenlos-blauen Himmel. Die Flösse vor der Badi sind nur von Möwen bevölkert.

«Juhui, schön warm», entfährt es einer Badenden, als sie sich von der Treppe ins Wasser gleiten lässt. Kurz vor 12 Uhr sind zwölf Schwimmer gleichzeitig im Wasser. Bis dato Rekord für heute.

2,26 Millionen Eintritte

Apropos Rekorde: Es ist Ende September. Der Sommer war sehr lang und heiss. Schon im August meldete das städtische Sportamt die Rekordzahl von mehr als zwei Millionen Badi-Besuchern. «Wir hatten in diesem Jahr unzählige Anfragen aus dem Ausland, die sich über unsere Infrastruktur informieren wollten», liess sich Zürichs Sportminister Filippo Leutenegger (FDP) damals in einer Medienmitteilung zitieren. Und fügte an: «Zürich ist in Bezug auf die Badeanlagen weltweit beinahe einzigartig.» Der Rekordwert stieg seither auf 2,26 Millionen Eintritte an, wie Manuela Schläpfer vom städtischen Sportamt gestern auf Anfrage sagte.

Und er steigt weiter: Bis zum Monatsende hat die Badi Utoquai noch offen, so hat es das Sportamt entschieden. Ihre Lage auf der Sonnenseite des Zürichsees, mitten in der Stadt, verschafft ihr das Privileg, bei schönem Wetter jeweils ein, zwei Wochen länger geöffnet zu bleiben als die übrigen Badis der Stadt. Im Jahr 2015, dem bisherigen Rekordjahr mit 1,83 Millionen Eintritten in den städtischen Badis, war das Seebad bis 4. Oktober offen. Die Nachfrage ist auch bei Herbstbeginn noch da: «Letzte Woche hatten wir im Utoquai am Mittwoch 2400 Eintritte und am Donnerstag 2500», sagt Schläpfer. Zum Vergleich: Der höchste Tageswert dieser Rekordsaison sei im Utoquai bei 3000 Eintritten gelegen.

«Jetzt ist nicht mehr so viel los», sagt die Verkäuferin am Badikiosk und serviert mit einem Lächeln Espresso. Dazu offeriert sie ein Schokoladetäfelchen.

«Besser nicht zu tief eintauchen»

Wer noch da ist, geniesst es: Wunderbar sei der Schwumm gewesen, sagt die Frau, die eben mit einem «Juhui» ins Wasser geglitten ist und sich nun auf den Holzplanken sonnt. «Aber der Wind ist schon frisch», merkt ihr Partner an und gibt einen Tipp: «Besser nicht zu tief eintauchen und die Haare nassmachen.»

Zur Mittagszeit sind die sonnenbeschienenen Tische gut besetzt; die schattigen eher spärlich. Die Kleider der Leute im traditionsreichen Seebad decken beinahe das Ganzjahresspektrum ab: Einer hat – am Schattentisch – einen Wollschal um den Hals gewickelt, einer einen langen Regemantel an, andere sitzen und liegen in Badehosen in der Sonne. Der Bademeister auf seinem exponierten Platz mit Seesicht trägt lange Hosen, Turnschuhe und eine gelbe Fleecejacke.

Vom Sonnenbad an windgeschützter Lage mittlerweile gut erhitzt, wage ich mich zum Wasser. Die metallenen Treppenstufen in den See fühlen sich eiskalt an, das Wasser – nun ja – erfrischend. Es erinnert mich an meinen ersten Seeschwumm dieses Jahr, obwohl es damals, Ende April, mit 17 oder 18 Grad kälter war. Aber damals ahnte ich auch noch nicht, was für ein Hitzesommer kommen sollte.

Doch es fühlt sich gut an, je länger ich schwimme. Den Kopf halte ich über Wasser, wie vom Nachbarn beim Sonnenbad zuvor empfohlen. Vis-à-vis am Üetliberg sind die Bäume noch grün, während sie am Seeufer in herbstliche Gelb-rot-Töne übergehen. Südöstlich leuchten die Glarner Alpen schon schneeweiss in der Septembersonne.