Auf das Ende der Zürcher Sexkinos zu wetten, ist weder besonders originell noch besonders mutig. Seit das Internet um die Jahrtausendwende den Turbo gezündet hat und Videofilmchen frei Haus liefert, ist das Geschäft eingebrochen. Vorbei sind die goldenen Tage, als die Kinosäle des Porno-Pioniers Edi Stöckli bisweilen wochenlang ausverkauft waren, weil sich derart viele Zuschauer für die «Träume junger Mädchen» und ähnliche Stoffe interessierten. Heute, 30 Jahre später, sind die Sessel mehrheitlich leer, und auf der Leinwand lauert hinter jedem Koitus der Exitus, das endgültige Lichterlöschen. So wie im Niederdorf, wo Stöckli kürzlich das berühmte Sexkino Stüssihof geschlossen hat.

Nackt im Kino unterwegs

Und doch gibt es sie noch: In drei Zürcher Sexkinos laufen die Pornos weiter, Tag und Nacht. Trotz des vielen Gratissex im Internet haben sie ein treues Publikum. Edi Stöckli, der Besitzer, sagte es in einem Radiointerview so: «Viele Leute haben keine Wohnung und kein Hotelzimmer – die gehen ins Kino, um dort schnell ein Nümmerchen zu schieben.» Das beste Verkaufsargument ist nicht mehr das Treiben auf der Leinwand, sondern jenes davor. Glaubt man den wilden Geschichten, die auf einschlägigen Online-Foren kursieren, ist es vor allem das Kino Walche, das sich einen Namen gemacht hat als Begegnungszone der unverschämten Art. Solange man dort niemanden belästige, sei alles erlaubt, schreibt ein Habitué: «Mich hat man noch nie rausgeworfen, obwohl ich im ganzen Kino immer nackt unterwegs bin.»

Rabatt für Rentner

Eine Stichprobe an einem Freitagabend: Von fern strahlen die Neonreklamen des Kinos geheimnisvoll auf der dunklen Limmat zurück. Drinnen jedoch herrscht kein Zwielicht. Das Foyer ist hell und sauber, das Interieur erinnert an jenes eines normalen Kinos. Ein Spürchen Hollywood mit Plastik-Charme, einfach ohne Popcorn. Für 16 Franken geht es durch die Schranke, Studenten und Rentner bekommen Rabatt. Ein Blick zu den WC-Türen erübrigt die Frage nach der Zusammensetzung der Klientel: Jene auf der Männer-Seite ist speckig und abgegriffen, jene auf der Frauen-Seite sieht aus, als wäre sie nie benutzt worden.

Auf einem Anschlag neben der Tür zu den Kinosälen steht schwarz auf weiss: Prostitution verboten. Ein paar Meter weiter macht sich eine Prostituierte in einem Sessel über einen älteren Herrn her. Sie ist eine korpulente, kleine Frau im Sommerkleidchen. Der Beschreibung nach muss es sich um jene Brasilianerin handeln, von der es in Online-Foren heisst, dass sie hier «fast schon zum Mobiliar» gehöre.

Im Saal nebenan dreht ein männlicher Berufskollege seine Runden, ein androgyner Schlaks in wehender weisser Bluse, der wie ein Model über einen unsichtbaren Laufsteg trippelt. Auch er auf der Suche nach Kundschaft. In der Stadt Zürich ist im Prinzip genau geregelt, wo Prostituierte ihre Dienste anbieten dürfen und wo nicht. Das Sexkino hat keine entsprechende Bewilligung, es ist bestenfalls eine Grauzone. Für die Stadtpolizei ist das kein grosses Thema, wie es auf Anfrage heisst. Sie verweist auf die Hausordnung, die der Betreiber erlassen habe, und die gewerbsmässigen Sex verbietet.

Viele Kinobesucher scheinen ohnehin auch ohne professionelle Hilfe zu finden, was sie suchen. Im grössten Saal tummelt sich an diesem Abend ein gutes Dutzend Männer, die meisten offensichtlich schon in der zweiten Lebenshälfte, ergraut oder weisshaarig. Es herrscht eine permanente Unruhe in den Sitzreihen. Der Bodybuilder, der vorne auf der Leinwand zu Werke geht, vermag keinen zu fesseln. Immer wieder steht einer auf, ein anderer setzt sich hin, und jedes Mal fliegen Blicke fliegen hin und her, begleitet von Gehüstel, Geraschel und Gerutsche.

Nonverbale Codes sein, die sich nur den Eingeweihten erschliessen. Ab und an werden sich zwei einig und verschwinden nach hinten zu den Separees mit Sofa.

Trotz dieses regen Treibens ist es schwer vorstellbar, wie sich ein Betrieb mit derart wenig Kundschaft langfristig über Wasser halten soll.

Edi Stöckli, dem die verbliebenen drei Stadtzürcher Sexkinos gehören, mag sich dazu auf Anfrage nicht gross äussern. Es sei alles denkbar – sogar, dass diese dereinst als Ort der gelebten Sexualität subventioniert würden. «Aber das ist Spekulation.» Es hänge alles davon, in welche Richtung sich die Gesellschaft entwickle. Ihn interessiere die Zukunft der regulären Kinos heute viel mehr – seit sechs Jahren gehört Stöckli ein Multiplex-Kino im Einkaufszentrum Sihlcity. Dort läuft dieser Tage «Stirb langsam».