Der Zulauf der Muslime in den Asylzentren wird durch die weltpolitische Lage immer grösser. Menschen in belastenden Situationen brauchen seelsorgerische Unterstützung. Im Asylzentrum Juch in Zürich Altstetten soll diese nicht mehr nur durch Kirchenvertreter gewährleistet werden. Der Interreligiöse Runde Tisch des Kantons Zürich und die Vereinigung Islamischer Organisationen Zürich (VIOZ) wollen deshalb muslimische Seelsorgestellen schaffen.

«Man steht heute vor einer anderen Ausgangslage: Unsere Gesellschaft ist unumkehrbar multikulturell und multireligiös geworden. Damit hat das Thema der Seelsorge für nicht christliche Menschen an Wichtigkeit gewonnen, auch im Bereich der Betreuung von Asylsuchenden», so Philippe Dätwyler, Sekretär des Interreligiösen Runden Tisches im Kanton Zürich. Natürlich seien christliche Seelsorger bemüht, für alle ein offenes Ohr zu haben, sagt er. Wenn es aber um die spezifisch religiösen Bedürfnisse etwa von Muslimen oder Hindus gehe, seien der christlichen Seelsorge, auch aus Achtung vor der religiösen Identität der anderen, Grenzen gesetzt.

Der Interreligiöse Runde Tisch im Kanton Zürich dient seit 2004 als Diskussionsplattform verschiedener Religionsgemeinschaften. Im März 2013 nahm er die Planung für ein neues Verfahrenszentrum für Asylsuchende in der Stadt Zürich zum Anlass, um dem Bund den Bedarf des interreligiösen Seelsorgediensts darzulegen. Flüchtlinge sollen wie in den Empfangszentren auch beim beschleunigten Asylverfahren seelsorgerisch betreut werden, schrieb Kirchenratspräsident Pfarrer Michel Müller ans Bundesamt für Migration (BfM). Aufgrund der sehr unterschiedlichen Religionszugehörigkeit der Asylsuchenden sei es notwendig, die Seelsorge verstärkt interreligiös zu konzipieren, heisst es zudem in seinem Schreiben. Ein Pilotprojekt wäre geeignet.

Laut Dätwyler reagierte das Bundesamt für Migration zwar wohlwollend. Vor der Umsetzung des Pilotprojekts «Interreligiöse Seelsorge» seien jedoch noch etliche offene Fragen zu klären – dies brauche Zeit. Die christliche Seelsorge sei beispielsweise durch einen Vertrag zwischen dem BfM und den Kirchen gewährleistet, die ihre Seelsorge vollumfänglich selbst finanzieren. Ein analoges Vorgehen gibt es bei den muslimischen Glaubensgemeinschaften bis jetzt noch nicht. Ihre Finanzkraft sei zudem schwach, sagt Dätwyler. Deshalb müssten zuerst die Gesetzesgrundlagen geklärt und daraufhin Strukturen, Verantwortlichkeiten wie auch die Finanzierung durchdacht werden.

Muris Begovic , Imam im Dzemat der islamischen Gemeinschaft Bosnien in Schlieren und Sekretär der VIOZ, hat sich von Anfang an zur Verfügung gestellt und an der Erarbeitung des Konzepts mitgewirkt. «Unter interreligiöser Seelsorge verstehe ich, dass alle Glaubensvertreter die gleiche Verantwortung tragen», sagt er. In diesem Fall könne man sagen, dass die Muslime doch etwas mehr Verantwortung übernehmen müssten, weil die Struktur der Asylsuchenden doch grossteils muslimisch ist. Begovic betont, dass im Gespräch mit dem BfM vor allem über das Profil eines muslimischen Seelsorgers oder einer Seelsorgerin diskutiert werden müsse: «Eine hohe Sozial- und Sprachkompetenz, religiöses Wissen und psychologische oder auch pädagogische Qualifikationen sind vorauszusetzen.»

Die Seelsorge nur auf Imame – also nur Männer – zu beschränken, sei nicht vorgesehen, sagt Begovic. Die VIOZ ist daran, qualifiziertes Personal zu mobilisieren, welches für asylsuchende Männer sowie für Frauen zur Verfügung steht. Auch Letztere sollen die Möglichkeit haben, bei einer Seelsorgerin Gehör zu finden, um mit einem gleichgeschlechtlichen Gesprächspartner Erlebtes bereden zu können. Im Islam ist es nicht üblich, dass sich ein Mann mit einer fremden Frau alleine in einem Raum aufhält. Wenn auch Frauen seelsorgerische Aufgaben übernehmen, könne zudem verhindert werden, dass die Situation nach aussen hin falsch aufgefasst werde. Diese Faktoren garantieren, dass die erste Hilfe für traumatisierte Menschen schnell und unkompliziert erfolgen kann, was vor allem in einem belebten Durchgangszentrum wichtig ist. Das Bundesasylzentrum Juch in Altstetten bemüht sich bereits durch Trennung der Räumlichkeiten, auf religiöse Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen. Frauen- und Familienräume bieten weiblichen Asylsuchenden und ihren Kindern Rückzugsmöglichkeiten.

Neben der finanziellen Unterstützung ist für die Realisierung eines solchen Pilotprojekts das Vertrauen zwischen den beteiligten Institutionen grundlegend. «Es ist wichtig, Ansprechpartner zu haben. Die Qualität der Seelsorge wird dadurch sichergestellt», sagt Begovic. Nur so könne die VIOZ mit ihren Dienstleistungen, die sie anbietet, als Institution einbezogen und sobald wie möglich vor Ort aktiv werden. «Natürlich hoffen wir, dass bei einer Umsetzung des Pilotprojekts, auch andere Asylzentren nachziehen», so Begovic.