Unternehmensnachfolge

Die schwierige Kunst, zur richtigen Zeit loslassen zu können

Die eigene Firma in neue Hände legen: Nicht jedem Chef fällt die Ablösung vom Lebenswerk leicht – loszulassen erfordert viel Zeit und Grösse.

Die eigene Firma in neue Hände legen: Nicht jedem Chef fällt die Ablösung vom Lebenswerk leicht – loszulassen erfordert viel Zeit und Grösse.

Die Übergabe einer Unternehmung an die nächste Generation ist komplex und stellt die abtretende Garde vor grosse Herausforderungen. Das gilt in erster Linie für Familien- und kleine Handwerksbetriebe. Aber nicht nur, wie ein Blick in die Region Zürich zeigt.

Beinahe jede achte Firma in der Region Zürich ist von der Nachfolgeproblematik betroffen. Gesamtschweizerisch sind es 12,5 Prozent, wie der digitale Wirtschaftsinformationsdienst Bisnode D&B Schweiz AG ermittelt hat («Nachfolge-Studie KMU Schweiz», Stand August 2014). Das bedeutet, dass bei über 10 300 Firmen im Kanton Zürich die im Handelsregister eingetragenen Inhaber respektive die Gesellschafter oder Verwaltungsräte 60 Jahre alt oder älter sind.

Aus seiner Tätigkeit als Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Zürcher Oberland und rechtes Seeufer weiss Jürg Neff, «dass sich viele Firmeninhaber und Familiengesellschaften mit der Nachfolgethematik beschäftigen.» Er würde die Situation nicht generell als alarmierend einstufen, «aber in einigen Unternehmen ist die Zukunftsfrage für die Zeit nach dem Ausscheiden der aktuellen Besitzer sehr zentral und letztlich auch für den Fortbestand oder die Unabhängigkeit entscheidend.»

Bisnode D&B geht davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren in der Schweiz etwa eine halbe Million Arbeitsplätze von einer Nachfolgeregelung betroffen sind. Fast ein Drittel der Unternehmungen hierzulande werden den Angaben zufolge aber gar nicht übertragen, unter anderem weil der Inhaber sich nicht oder erst zu spät um seine Nachfolge kümmert.

Diese Erfahrung hat auch Markus Röösli, Präsident des Arbeitgebervereins Zürichsee-Zimmerberg, gemacht: «Unternehmer bekunden häufig Mühe damit, loszulassen.» Gerade bei Familienunternehmen klammerten sich die Patrons gerne an ihren Betrieb, in den sie viel Herzblut und Geld gesteckt haben. Sie verpassten so oft den richtigen Zeitpunkt zum Verkauf ihrer Firma, nämlich dann, wenn der Marktwert am höchsten ist.

Auf der anderen Seite hat Röösli festgestellt, dass manche Unternehmen Gefahr laufen, ein Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden. Im Laufe der Jahre habe sich unter deren Dach derart viel Kapital und geballte Finanzkraft angesammelt, dass sich potenzielle Interessenten finanziell gar nicht mehr in der Lage sähen, diese Firma zu übernehmen, egal, ob eine interne oder externe Lösung angestrebt werde. Eine grosse Rolle misst der Bankfachmann deshalb dem Faktor Zeit bei: «Je früher sich ein Unternehmer respektive das Management mit der Problematik auseinandersetzt, desto grösser ist der Spielraum, um die richtigen Entscheidungen zu treffen oder allenfalls falsche Weichenstellungen wieder zu korrigieren.»

Eine vorbildliche Lösung hat Röösli bei der in Wädenswil ansässigen Firma Lufttechnik AG angetroffen. Der ganze Prozess mit der Übergabe an den neuen Chef sei fliessend und harmonisch abgelaufen. Röösli bezeichnet die Firma als «Vorzeigebetrieb» dafür, wie eine solche Nachfolgelösung aufzugleisen sei.

Auch für Walter Bucher, Geschäftsführer des Unternehmerforums Zürichsee (UFZ), steht die rechtzeitige Inangriffnahme des Ablösungsprozesses im Vordergrund. Oft scheitere dieser Prozess aber schon an der Bereitschaft eines Unternehmers, seine Firma weiterzugeben: «Der ‹Trennungsschmerz› ist zu gross.» Grundsätzlich hätten einzelne Branchen nicht grössere Probleme als andere. Eine Ausnahme bildeten Ärzte und Zahnärzte. Hier gestaltet sich laut Bucher der Verkauf einer Praxis seit einiger Zeit zunehmend schwierig.

Zudem stehen aus seiner Sicht kleine Unternehmen «mit einem sehr personenbezogenen Geschäftsmodell vor grösseren Herausforderungen in der Nachfolgeregelung». Und Handwerksbetriebe bekämen öfters Schwierigkeiten als beispielsweise reine Handelsunternehmungen.

Zu diesem Zweck empfiehlt auch Jürg Neff den Unternehmern, sich frühzeitig mit der Stabübergabe zu befassen: «Dabei denke ich an einen Zeithorizont von rund zehn Jahren.» Neff verweist in diesem Zusammenhang auf die Standortförderungsorganisation der Region, Natürli Zürioberland, die bei Fragen zur Nachfolge Beratungsdienstleistungen erbringt.

In individuellen Gesprächen mit den Unternehmern werde die aktuelle Situation in der Firma erörtert und würden darauf basierend Handlungsalternativen vorgeschlagen.

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