Zürcher Verkehrsverbund
Die S-Bahn gibt den Tarif durch

Seit einem halben Jahr sorgen in den Zügen des Zürcher Verkehrsverbunds bewaffnete Patrouillen für Ordnung. Kritiker sagen, das wirke einschüchternd.

Marius Huber
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Bewaffnete Sicherheitskräfte stossen bei der Bevölkerung auf zwiespältige Reaktionen

Bewaffnete Sicherheitskräfte stossen bei der Bevölkerung auf zwiespältige Reaktionen

Zur Verfügung gestellt

Die uniformierte Frau mit der knallgelben Weste hat offenbar keine Zeit mit Nettigkeiten zu verlieren. «Das kostet 30 Franken Busse», blafft sie die Teenagerin an, die ihre Füsse in der S-Bahn von Wetzikon nach Zürich lässig auf dem Sitz hochgelagert hat. Diese kann es kaum glauben. Ohne Vorwarnung? Das bezahle sie sicher nicht. Die Quittung kommt postwendend: «Dann macht das gleich nochmal 50 Franken.» Das Mädchen hat gerade Bekanntschaft gemacht mit dem neuen Sicherheitsdienst des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV), der seit gut sechs Monaten definitiv im Einsatz ist. Er hat die unbewaffneten Zugbegleiter ersetzt, die nach Ansicht ihrer Vorgesetzten nicht mehr zurecht kamen mit einer zunehmenden Zahl aggressiver und gewalttätiger Fahrgäste – eine Darstellung, welche die Zugbegleiter selbst vehement bestritten.

Die neue Truppe mit den gelben Westen setzt sich zusammen aus 200 pfefferspraybewehrten Sicherheitsleuten, die mehrheitlich zur Firma Securitas gehören, und 40 Bahnpolizisten, die mit Schlagstöcken ausgerüstet sind. Letztere dürfen seit Anfang Juli bei Bedarf sogar mit Schusswaffen in den Zügen patrouillieren; ein Schuss ist aber laut SBB noch nie gefallen. Wo es brenzlig werden könnte, erledigt der Sicherheitsdienst seine Arbeit in Teams von bis zu acht Personen, zum Beispiel in den Nachtzügen. Seine Aufgabe ist es, die Regeln des ZVV in der S-Bahn wieder konsequent durchzusetzen. Er mache dies «freundlich, aber bestimmt», wie die offizielle Sprachregelung lautet. Entscheidend sei, dass sein Vorgehen stets verhältnismässig bleibe.

Was ist verhältnismässig?

Die Krux ist, dass sich die Frage nach der Verhältnismässigkeit auf zweierlei Art stellen lässt. Aus Sicht des Bahnpersonals geht es um ein einfaches Verhältnis von Kosten und Nutzen, und die Rechnung ist schnell gemacht. Die inzwischen abgeschafften Zugbegleiter zogen sich im Zweifelsfall jeweils zurück, weil die Kosten für sie sonst zu hoch gewesen wären. «Man konnte von ihnen schliesslich nicht erwarten, dass sie wegen eines abgelaufenen Billetts ihre Gesundheit riskieren», sagt SBB-Mediensprecher Peter Schärli. Die schlagkräftigen Teams des neuen Sicherheitsdienstes hingegen haben weniger zu befürchten und können die Regeln daher durchsetzen.

Anders sieht die Sache aus Sicht der Passagiere aus: Gerade weil das Sicherheitspersonal heute selbstbewusster auftritt und resoluter durchgreift, fühlen sie sich zum Teil auf unverhältnismässige Weise in ihren privaten Rechten verletzt. Zwar hat es laut den SBB bisher kaum Reklamationen gegen das neue Regime gegeben; in dieser offiziellen Statistik fehlen allerdings jene Leute, welche die Faust im Sack machen.

Argumente nicht aus der Luft gegriffen

Zum Beispiel jener 34-jährige Mann, den zwei blutjunge Sicherheitsleute auf dem letzten Zug von Stäfa nach Zürich unsanft aufs Perron schubsten, weil sie meinten, er habe kein Billett – ein Irrtum, wie sich später herausstellte. Aber selbst wenn sie recht gehabt hätten: Mit welchem Recht behandelten sie ihn so grob, statt ihn mitfahren und eine Busse zahlen zu lassen? Diese Frage wollte der Mann dem ZVV stellen. Als er sich deshalb bei den Sicherheitsleuten nach ihren Namen erkundigte, bauten sich diese drohend vor ihm auf und hiessen ihn zu schweigen. Es brauchte einen anderen Passagier, der vermittelnd eingriff, damit sich die Situation beruhigte. Das mögen Einzelfälle sein, und es gäbe sicher auch genug Gegenbeispiele. Trotzdem zeigen sie, dass die Kritiker des neuen Sicherheitsdienstes ihre Argumente nicht ganz aus der Luft gegriffen haben.

Einer der profiliertesten von ihnen ist Urs Zbinden, ein ehemaliger Zugbegleiter, der sich vergeblich gegen das neue Regime gewehrt hat. Es sei nicht wahr, dass die Passagiere in den letzten Jahren aggressiver geworden seien, sagte er in einem Interview mit der linken «Wochenzeitung». Wenn SBB und ZVV jetzt aufrüsteten, damit sie um jeden Preis ihre steigenden Tarife durchsetzen könnten, sei das kontraproduktiv. «Es wird mehr Konflikte geben», ist er überzeugt. Bedenken meldeten auch die SP-Kantonsräte Marcel Burlet, Renate Büchi und Jorge Serra an. Die Bekleidung und die «martialische Ausstattung» der Sicherheitsleute schrecke viele Passagiere ab, mahnten sie in einer Anfrage an die Regierung. Andere verweisen darauf, dass die Patrouillen mehrheitlich aus jungen Männern bestünden, obwohl diese statistisch gesehen eher zu aggressivem Verhalten neigten.

Die Gewalt geht zurück

Der ZVV lässt auf Anfrage mitteilen, er nehme alle Beschwerden sehr ernst. SBB-Sprecher Schärli bestätigt, dass das Personal im Durchschnitt eher jung sei. Das habe mit der körperlich anspruchsvollen Arbeit und den unregelmässigen Arbeitszeiten zu tun. Alle Angestellten würden aber zusätzlich zu ihrer Securitas-Grundausbildung einen mehrtägigen Spezialkurs absolvieren, der sie mit den Besonderheiten des Bahnbetriebs vertraut mache. Aus Sicht von SBB und ZVV bewähre sich der neue Sicherheitsdienst sehr. Gewalt, Drohungen und Sexualdelikte hätten auf den Problemlinien S3, S5, S9 und S12 bereits abgenommen. Zudem deute das Zwischenergebnis einer Umfrage an, dass das Sicherheitsempfinden der Reisenden dieses Jahr einen neuen Höchstwert erreichen dürfte.

Was die Verantwortlichen nicht sagen: Das Sicherheitsempfinden nahm schon in den Vorjahren zu, als noch die unbewaffneten Zugbegleiter im Einsatz waren. Eine echte Trendwende gab es dafür anderswo zu verzeichnen: Vor knapp zwei Jahren beklagte sich der ZVV, dass er immer weniger Nachtzuschläge verkaufe, weil die Zugbegleiter Konflikte mit Schwarzfahrern scheuten. Seit der neue Sicherheitsdienst am Drücker ist, steigen die Einnahmen wieder.