Zürich

Die Rote Fabrik feiert Geburtstag: «Wir verdanken die Fabrik dem Freisinn»

Die Rote Fabrik am See in Zürich zählt heute zu den etablierten Kulturhäusern der Stadt.

Die Rote Fabrik am See in Zürich zählt heute zu den etablierten Kulturhäusern der Stadt.

Die aus der 80er-Jugendbewegung entstandene Rote Fabrik wird 40 Jahre alt. Das Zürcher Kulturzentrum führt aus diesem Grund Führungen durch, diesen Sonntag mit Hans X. Hagen. Im Interview erzählt der 64-Jährige von alten und neuen Zeiten.

Sie sind seit dem Gründungsjahr 1980 in der Roten Fabrik aktiv. Wenn Sie zurückdenken an die Anfangszeit: Was hat sich vor allem verändert?

Hans X. Hagen: Extrem viel. Es ist nicht mehr die gleiche Zeit. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, was noch 1979 für eine Einöde in Zürich herrschte. Dadurch hat sich auch der Druck auf das Areal der Roten Fabrik ergeben, das ja seit einer Volksabstimmung von 1977 für kultur- und quartierbezogene Aktivitäten vorgesehen war. Heute ist es fast des Guten zuviel, was in der Stadt läuft. Jetzt herrscht fast an sieben Tagen pro Woche 24-Stunden-Betrieb.

Was bedeutet das für die Rote Fabrik?

Das nehmen die verschiedenen Gruppierungen in der Roten Fabrik unterschiedlich wahr: Das Theaterbüro muss schauen, wie das Fabriktheater sich im Zürcher Theaterangebot positioniert. Das Musikbüro schlägt sich mit anderen Konzertveranstaltern herum, die andere Bedingungen haben. Beim Film am See, wo ich seit den Anfängen mitwirke, nehmen wir die Chance wahr, Filme zu zeigen, die andere Open-Air-Kinos nie bringen würden. Seit Jahren machen wir nur noch Kollekte. Dadurch haben wir einen angenehmen, lockeren Umgang und müssen das Areal nicht absperren. Die Leute können kommen und gehen, wie es ihnen passt. Wir haben keine Sponsoren und müssen programmatisch auf niemanden Rücksicht nehmen.

Beim Film am See ist der unkommerzielle Gedanke immer noch da. Bei Konzerten zahlt man heute in der Fabrik auch schnell mal 30 oder 35 Franken Eintritt.

Was wohl immer noch im günstigen Rahmen ist. Es ist eine Stärke der Roten Fabrik, dass wir andere Qualitäten haben.

Welche?

Ein ungezwungenes, offenes Areal, eine sehr gute Beiz – und vom Geist her die Auffassung, dass wir nicht auf eine kommerzielle Schiene setzen müssen.

Aber es herrscht schon ein anderer Groove als anfangs der 80er-Jahre, oder?

Es ist viel stärker organisiert und strukturiert. Früher hiess es oft: keine Doppelveranstaltungen. Heute haben wir manchmal Mehrfachveranstaltungen, was sich kaum noch vermeiden lässt. Und: Klar, nach 40 Jahren sind wir ein etablierter Betrieb. Wie das die Jungen beurteilen, kann ich nicht sagen, da ich nicht mehr zu den Jungen gehöre, nur noch zu den Junggebliebenen. Bei den Film- und Konzeptveranstaltungen, auch beim Theater haben wir altersmässig ein gut gemischtes Publikum.

Findet die Durchmischung auch politisch statt – oder ist die Rote Fabrik das linke Nest, als das sie von der SVP gerne bezeichnet wird?

Die Rote Fabrik ist tendenziell links, sicher nicht konservativ im schlechten Sinn. Eher progressiv, experimentell ausprobierend, gesellschaftskritisch. Von Anfang an raufte sich hier von Jazz, Rock über Theater und Tanz bis zum Film der ganze Kulturkuchen zusammen. Obwohl es nie explizit definiert wurde, gab es wohl schon einen gemeinsamen Nenner.

Was ist dieser gemeinsame Nenner?

Ausprobieren. Experimentieren. Aussergewöhnliches bringen. Neue Formen suchen.

Sie waren von Anfang an dabei. Wie kamen Sie zur Roten Fabrik?

Im Herbst 1979 zog ich aus Wettingen nach Zürich und arbeitete als Kameramann. Im Frühling 1980 ging es dann gleich los mit der Bewegung. Ich wohnte in einer der beiden Gross-Wohngemeinschaften, die dabei sehr stark engagiert waren. Man bezeichnete sie auch als Drahtzieher.

Stimmt die Drahtzieher-Theorie?

Es gab engagierte Leute in der Szene.

Mich nimmt immer noch wunder: Wie ist die 80er-Bewegung eigentlich entstanden?

Durch einen grossen Frust. Das Kulturangebot für junge Leute war Ende der 70er-Jahre sehr beschränkt. Einmal pro Jahr gab es das Pfingstfest mit Konzerten auf der Allmend. Dann gab es im Polyfoyer der ETH am Freitagabend jeweils entweder Konzert oder Disco. Es gab kaum schlaue Möglichkeiten für Rock- und Jazzkonzerte. Auch kinomässig gab es kaum Freiraum.

Und die Rote Fabrik war seit 1977 als Kulturort vorgesehen, doch die Umsetzung liess auf sich warten. In der Roten Fabrik wurde Mitte Mai 1980 die Demonstration vom 30.  Mai lanciert, die dann als Opernhauskrawall in die Geschichte einging. Wie erlebten Sie diese Tage?

Es gab vereinzelt Konzerte, Besetzungen und Versammlungen der Roten Fabrik, an denen ich zum Teil dabei war. Die 60 Millionen für die Opernhaus-Sanierung, die zur Abstimmung anstanden, hätte man noch schlucken können. Aber das Opernhaus benützte gleichzeitig die Rote Fabrik als Ausweichwerkstätte. Das war definitiv zuviel.

Wann wurde Ihnen eigentlich bewusst, dass mit den Jugendunruhen für Zürich eine grosse Veränderung passierte?

Wir merkten: Es ist vieles am Laufen. Das baute sich allmählich auf, auch durch die polizeiliche Repression. Aber man bekam schon mit, dass da gleichsam ein Dampfkochtopf explodiert war.

Die Zürcher Jugendbewegung forderte und bekam die Rote Fabrik und das Autonome Jugendzentrum (AJZ) beim Hauptbahnhof. Warum konnte die Rote Fabrik 40 Jahre alt werden, während das AJZ schon bald wieder geschlossen und abgebrochen wurde?

Als das AJZ nach der ersten Schliessung wieder aufging, waren fast nur noch Drögeler dort. Die Rote Fabrik begann derweil, sich zu entwickeln. Den Stadtbehörden war es noch so recht, dass die Rote Fabrik am Stadtrand lag. Und in der Roten Fabrik herrschte ein Konsens, dass die harte Drogenszene und die Alkis sich hier nicht einnisten sollten. Das war auch ein Punkt, warum sich die Rote Fabrik weiterentwickeln konnte, zunächst als Versuchsbetrieb, ab 1987 dann definitiv.

Was sind in Zukunft die grossen Herausforderungen für die Rote Fabrik?

Die Schäden des Brands von 2012 sind immer noch nicht saniert, sodass 20 Ateliers bis heute nicht benützt werden können. Und die Stadt redet immer mehr drein.

Das für die Kulturpolitik zuständige Stadtpräsidium ist seit 1990 in den Händen der SP. Als die Rote Fabrik sich etablierte, war Thomas Wagner (FDP) Stadtpräsident...

Wir verdanken die Rote Fabrik dem damaligen Freisinn, weniger der SP.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1