Am 21. März ist Schluss. Seit Fredi Barth und seine Ehefrau Margrit ihrer Kundschaft mitgeteilt haben, dass sie die Buchhandlung Romanica an der Schifflände aufgeben werden, sind bereits mehrere hundert E-Mails eingetroffen, alle mit dem Ausdruck des Bedauerns. Denn damit verschwindet eine weit über Zürich hinaus bedeutsame Institution. Sie war für viele Liebhaber der romanischen Sprachen weit mehr als ein Ort, wo man in Büchern französischer, italienischer, spanischer und portugiesischer Sprache stöbern konnte. «Für viele war sie auch eine Art Heimat», sagt Fredi Barth, Inhaber der auf romanische Sprachen und Literatur zugeschnittenen Buchhandlung.

Der einzige ernsthafte Interessent

Seit 66 Jahren gibt es die Romanica in Zürich. Sie war 1947 von drei Buchhändlerinnen gegründet worden, Barth hat sie 1982 übernommen. Schon sein Vater war Buchhändler; er besass die gleichnamige Buchhandlung an der Bahnhofstrasse, die vor allem auf Landkarten, Geografie und Reisen spezialisiert war.

Fredi Barth junior hat die Handelsschule besucht und als Textilkaufmann abgeschlossen, doch auch er war vom Büchervirus «infiziert»: Nach einigen Jahren in der väterlichen Buchhandlung und im Ausland hat er zugegriffen, als sich ihm 1982 die Gelegenheit bot, die Romanica zu übernehmen. «Ich war der einzige ernsthafte Interessent», erinnert er sich, «sonst hat niemand das Risiko auf sich nehmen wollen.»

Alles ging gut, Barth konnte die Buchhandlung vergrössern, sein Kundenstamm erweiterte sich auf 50 000. Seit zehn Jahren führt er die Buchhandlung zusammen mit seiner Frau, die zuvor in einem Verlag tätig gewesen war.

Die Arbeit sei recht aufwändig gewesen, erklärt er rückblickend, eine 42-Stunden-Woche kenne er natürlich nicht. Aber er habe seine Tätigkeit immer auch als erfreulich empfunden. Mit manchen Kundinnen und Kunden hätten sich schöne Kontakte ergeben. «Hunderte von ihnen kennen ich und meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Namen», sagt er. «Wir kannten ihre Vorlieben und es ergaben sich interessante Gespräche.»

Und manchmal ergaben sich auch komische Momente, etwa wenn Kunden die Geschäftstafel nicht so genau betrachtet hatten und fragten, wo denn nun die romantischen Bücher seien. Romanica und Romantica ist nicht dasselbe, schmunzelt Barth.

Das Internet als Konkurrenz

Immer wieder hat Barth auch Lesungen veranstaltet, etwa mit dem spanischen Schriftsteller Eduardo Mendoza, mit Tahar Ben Jelloun aus dem Maghreb oder der italienischen Schriftstellerin Susanna Tamaro.

Natürlich waren die Lehrpersonen und die Schüler der umliegenden Gymnasien häufige Bezüger von Unterrichtsmaterial und von literarischen Werken; nicht nur aus der Stadt, sondern aus dem ganzen Kantonsgebiet und aus weiten Teilen der übrigen Deutschschweiz gingen Klassenbestellungen ein. Nur noch in Bern oder Basel gebe es auf Romanistik spezialisierte Buchhandlungen in einer ähnlichen Grösse, weiss Barth.

Direkte Konkurrenz hatte Barth kaum mehr zu fürchten: Die Librairie Payot an der oberen Bahnhofstrasse ist längst Geschichte, Orell Füssli hat seine romanische Abteilung liquidiert. Bloss an der Hohlstrasse im Kreis 4 gibt es noch die kleine Libreria Italiana, am Seilergraben findet sich für Bücher aus Lateinamerika der Laden Condor Libros.

«Aber das World Wide Web ist für uns eine Konkurrenz», erwähnt Barth. Vor allem die junge Generation komme seltener in die Läden, um herumzustöbern und sich vom sachkundigen Verkaufspersonal beraten zu lassen. «Sie erledigen das rasch im Internet.» Kommt dazu, dass der Internethandel billiger arbeiten kann und erst noch rascher zu liefern imstande ist.

Textilien statt Bücher

Bei den Gründen, die zum Entscheid geführt haben, die Buchhandlung aufzugeben, erwähnt Barth auch die Abwertung des Euro gegenüber dem Schweizer Franken. Das habe stark auf den Umsatz gedrückt, weil ja die meistern Bücher aus dem Euroraum importiert werden.

Ausschlaggebend sei aber gewesen, dass der Besitzer der Liegenschaft die Miete um rund 30 Prozent habe heraufsetzen wollen. Mit dem Verkauf von Büchern wäre dieser Aufschlag schlicht nicht mehr zu verkraften gewesen. «Ich weiss nicht, was sich die Liegenschaftenbesitzer denken, wenn sie aus Gründen der Gewinnmaximierung alteingesessene Geschäfte, die doch einem Quartier das Gepräge geben, zum Auszug veranlassen», sagt er.

In den Räumen der Romanica werden künftig Textilien verkauft werden. «Wie wenn es davon nicht schon genug gäbe», meint Barth.

Barth hatte durchaus die Absicht, den Laden einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin zu übergeben. Aber dazu kam es nicht. «Es hat heute niemand mehr den Mut, mit einer Buchhandlung anzufangen», lautet seine Erkenntnis. Und selber einen Umzug an eine periphere Lage zu einem günstigeren Mietzins ins Auge zu fassen, das wollte er sich zwei Jahre vor Erreichen des AHV-Alters nicht mehr zumuten.

Und nun der Ausverkauf

Am 1. Februar beginnt nun der Schlussausverkauf. Und nach dem 21. März können Barth und seine Frau etwas kürzer treten. Er werde sich nun etwas mehr seinen Hobbys widmen können, meint er, auch grössere Reisen möchte er zusammen mit seiner Frau unternehmen, und ein Ziel sei es, einmal ein halbes Jahr in Paris zu leben. «Ich freue mich, das Leben nun etwas unbelasteter angehen zu können», meint er.