Zürich

Die Reformierte Kirche hat keine Angst vor Mitgliederschwund

Pfarrer Andrea BIanca will auf den drohenden Mitgliederschwund reagieren. (zvg)

Pfarrer Andrea BIanca will auf den drohenden Mitgliederschwund reagieren. (zvg)

Die reformierte Kirche dürfte in den nächsten Jahrzehnten an Mitgliedern verlieren. Das führt aber nicht zu einer Marginalisierung, meint Andrea Bianca, Mitglied des evangelisch-reformierten Kirchenrats des Kanton Zürich.

Eine vom Rat des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes bestellte und unter dem Titel «Die Zukunft der Reformierten» veröffentlichte Studie geht davon aus, dass sich der Anteil der Reformierten an der Bevölkerung in der Schweiz von jetzt 33 Prozent bis ins Jahr 2050 auf rund 20 Prozent zurückbilden werde. Auch der Kirchenrat des Kantons Zürich diskutiert darüber, was zu tun ist.

Nicht jammern, aber reagieren

Für Pfarrer Andrea Bianca, Mitglied des Kirchenrats, ist wichtig, dass man jetzt nicht resigniert und jammert, sondern pointiert reagiert. Zum einen basiere die Studie nur auf einer Hochrechnung, zum anderen ziehe sie kein negatives Fazit und mache Vorschläge, wie man handeln könnte.

Abgesehen davon: Der Wert der Kirche definiere sich nicht einfach über die Zahl ihrer Mitglieder. «Sie hat weiterhin ihre wichtige Aufgabe in der Gesellschaft zu erfüllen.» Sei das im Bereich von Diakonie und Seelsorge, Bildung und Spiritualität oder auf anderem Gebiet. Marginalisiert würde sie erst, wenn sie nichts mehr zu sagen hätte. «Aber das ist nicht der Fall.»

Wie könnte man Gegensteuer geben? Für Bianca ist klar, dass es gerade für die reformierte Kirche, welche das Wort ins Zentrum stellt, sehr wichtig ist, mit den Kirchenmitgliedern direkter im Kontakt zu sein.

Auch wer nicht zum aktiven Kern gehört, soll sich zugehörig fühlen können, soll sagen können: Was die reformierte Kirche tut, finde ich grundsätzlich wertvoll, ich unterstütze das, und wenn es nur dadurch ist, dass ich als Mitglied die Kirchensteuern zahle.

Individualismus nutzen

Die heutigen Megatrends, etwa die weitere Verstärkung des Individualismus und der Wertewandel, sind aus Biancas Sicht nicht Trends, gegen die man sich wenden könnte. Im Gegenteil: Man sollte sie nutzen. Gerade die reformierte Kirche setze beispielsweise stark auf den individuellen Glauben ihrer Mitglieder. «Hier sehe ich eine riesengrosse Chance.»

Auch beim Megatrend der Informationstechnologie müsse sie mitmachen, SMS, Facebook und Twitter sollten heute zum Alltag gehören im Austausch zwischen der Kirche und ihren Mitgliedern.

Eine Chance sieht er zum Beispiel auch darin, dass man in der reformierten Kirche den Wandel grundsätzlich als Herausforderung bejaht. «Die Bibel ist ein Buch des Wandels und die Welt wandelt sich ja immer», hält er fest.

Bei einer Befragung hat es sich gezeigt, dass viele Menschen etwa von einem Gottesdienst erwarten, dass sie daraus Kraft schöpfen können, Kraft für die Bewältigung des Alltags. Hier gelte es anzusetzen. So lasse sich der Glaube durch das Wort der Bibel und die Auslegung durch den Pfarrer im Alltag wirksam umsetzen. Die Aussagen der Bibel auf das Hier und Heute anzuwenden, sei eine permanente Herausforderung.

Prinzip der «Geh hin»-Kirche

Das bedeute etwa auch, dass man vermehrt bestrebt sei, das Prinzip der «Geh hin»-Kirche zu leben. Natürlich sei der sonntägliche Gottesdienst in der Kirche die Grundlage, aber es sei auch möglich, mehr spezielle Gottesdienste wie zum Beispiel für Töfffahrer zu veranstalten oder vielleicht auch einmal eine Taufe auf einem Zürichseeschiff, wie das vor kurzem geschehen sei.

Die Kirche müsse darauf achten, vermehrt die Bedürfnisse gewisser Gruppen in ihrer jeweiligen Lebenswelt zu erkennen. Diesbezüglich dürfe man durchaus die Gesetze des Marktes nutzen: ein Angebot machen, wo es eine Nachfrage gibt, immer unter der Prämisse, dass man das aus christlicher Sicht für sinnvoll ansieht. Die Grundwerte wie Glaube, Liebe, Hoffnung, aber auch Gerechtigkeit nahe bringen, sei eine dringliche Aufgabe.

Nicht nach der Mode richten

Bianca findet es auch durchaus richtig, dass die Kirche in ökumenischer Zusammenarbeit etwa im Flughafen oder im Zürcher Hauptbahnhof präsent ist und für die Jungen besondere Dienstleistungen und Anlässe anbietet.

«Wir müssen uns nicht nach der Mode richten», hält er fest, aber den Menschen nahe sein, das sei nötig. In Richtung Beliebigkeit werde man nicht abdriften. Falls die Zahl der Kirchenmitglieder trotzdem drastisch zurückgehen sollte, müsse man weitere Massnahmen treffen, um finanziell über die Runden zu kommen.

Die Kirchenbehörden machten sich jetzt schon Gedanken etwa bezüglich Kooperation von Kirchgemeinden, auch stelle sich die Frage, ob auch in Zukunft noch alle Kirchen genau wie heute genutzt werden sollen. «Aber für solche Überlegungen haben wir zum Glück noch etwas Zeit.»

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