Bestechungs-Skandal
Die Reeperbahn-Polizei pflegt ein «distanziertes Vertrauensverhältnis»

Jörn Blicke, Leiter Milieukriminalität in Hamburg, spricht über die Arbeit auf der Reeperbahn und über Zürcher Polizisten. Einen vergleichbaren Korruptions-Fall wie bei den Zürcher Milieu-Polizisten habe es in Hamburg nicht gegeben.

Daniel Stehula
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Jörn Blicke ist der Chef der Milieu-Polizei in Hamburg und sorgt für Ordnung auf der Reeperbahn.

Jörn Blicke ist der Chef der Milieu-Polizei in Hamburg und sorgt für Ordnung auf der Reeperbahn.

AZ

Ist es für Sie überraschend, dass drei Beamte der Stadtpolizei Zürich durch Ereignisse bei ihrer Arbeit im Milieu wegen passiver Bestechung und Amtsmissbrauchs in U-Haft sitzen?

Jörn Blicke: Ja, das halte ich schon für ungewöhnlich. Ich kann die Situation in Zürich nicht wirklich beurteilen. An meiner Dienststelle ist die interne Aufteilung der Teams schon ein gewisser Garant dafür, dass Unregelmässigkeiten sehr schnell auffallen würden. Dann wäre es Aufgabe der Dienststellenleitung, hier gegenzusteuern.

In Zürich arbeiten 17 Personen in der Fachgruppe Milieu/Sexualdelikte. Wie gross ist die Abteilung, die in Hamburg für das Milieu zuständig ist?

In Hamburg sind es über 20 Mitarbeiter im Landeskriminalamt, die sich aber ausschliesslich um Milieudelikte kümmern. Sie sind Teil der Abteilung Organisierte Kriminalität und auch für die Milieubegehungen zuständig. Unsere Dienststelle gibt es seit rund 30 Jahren, ich arbeite mit Unterbrechungen seit Ende der 80er-Jahre hier. In den Stadtteilen St. Georg und St. Pauli gibt es zusätzlich die Milieuaufklärer.

Was sind Milieuaufklärer?

Das sind die Kollegen der Schutzpolizei. Es handelt sich um eine kleine Truppe, die nur auf zwei Revierwachen eingesetzt ist. Ihre Aufgabe ist es, abends und nachts im Milieu präsent zu sein. Das ist ihr bestimmter Bereich. Sie stellen unter anderem fest, welche Frauen in ihrem Gebiet arbeiten. Darüber tauschen sich die Milieuaufklärer mit unserer Abteilung aus. Solche Milieuaufklärer gibt es mittlerweile auch in Zürich. Diese wurden auch bei uns in Hamburg im Rahmen von längeren Hospitationen ausgebildet.

An der Zürcher Polizeischule ist Polizeiethik ein Prüfungsfach. Wie werden in Hamburg die Polizeschüler in Ethik ausgebildet und auf die Arbeit im Milieu vorbereitet?

Polizeiethik als Fach haben wir nicht. Die Polizeiakademie bildet die Beamtinnen und Beamten auch nicht für die Arbeit im Milieu aus. Wer hier bei uns arbeiten will, wird auf der Dienststelle ausgebildet.

Wie geht das vor sich?

Kollegen, die neu hier anfangen wollen, hospitieren erst einmal zwei Wochen auf der Dienststelle. Während dieser Zeit machen wir uns ein Bild von der Person und merken bald, ob sie geeignet ist für die Aufgabe oder nicht.

Was muss man mitbringen?

Sicher ein Interesse an dieser Arbeit und dem speziellen Umfeld. Dann sollte man eine gefestigte Persönlichkeit sein, privat in einer Beziehung leben und nicht direkt von der Polizeischule kommen.

Wie lange dauert die Ausbildung?

Rund zwei Jahre. So lange braucht es, bis man weiss, wie das Hamburger Milieu funktioniert.

Gibt es Vorschriften bei der Hamburger Polizei für die Arbeit im Milieu?

Nein, es gibt keine speziellen Vorschriften. Wir richten uns nach dem Strafgesetzbuch und der Strafprozessordnung.

Hat es in Hamburg schon einmal einen Fall gegeben, in dem sich Beamte passive Bestechung oder Amtsmissbrauch im Milieu vorwerfen lassen mussten?

Ich kann es nicht für ganz Hamburg sagen. Auf unserer Dienststelle hat es das nicht gegeben. Es ist möglich, dass in Einzelfällen Hamburger Polizisten in den letzten 20 Jahren verwickelt waren.

Die Fachgruppe Milieu/Sexualdelikte der Zürcher Stadtpolizei arbeitet in Zivil und versucht unter anderem, das Vertrauen von Informanten zu gewinnen. Wie geht man in Hamburg vor?

Wir arbeiten in Zivil und wir versuchen nicht, das Vertrauen von Informanten zu gewinnen. Was wir tun, ist ganz normale offene Informationsbeschaffung: Geht es den Frauen gut? Wer führt den Betrieb, in dem sie arbeiten?, und so weiter. Unser Ziel ist nicht der Vertrauensaufbau oder das Abschöpfen von verdeckten Informationen. Wir praktizieren ein distanziertes Vertrauensverhältnis. Dieser Begriff wurde vor 25 Jahren geprägt und ich denke, er charakterisiert es ganz gut.

Sie haben erwähnt, dass Zürcher Polizisten in Hamburg ausgebildet wurden – wie weit geht die Zusammenarbeit der Polizeikorps?

Wir pflegen keine feste Zusammenarbeit. Die Milieus in Zürich und Hamburg sind sehr unterschiedlich, was die Menschen betrifft, die sich in ihnen bewegen. Auf taktischer Ebene gibt es in Einzelfällen Kooperation, etwa einen Informationsaustausch.

Hamburg mit der Reeperbahn erscheint oft in Studien und Vergleichen, in denen es um Polizeiarbeit im Milieu geht. Ist die Hamburger Polizei Vorbild und Anschauungsobjekt?

Um diese Frage zu beantworten, müsste ich mir selbst auf die Schulter klopfen. Es gibt in anderen grossen Städten Deutschlands ähnliche Abteilungen wie bei uns. Wichtig scheint mir, dass die Arbeit aufgeteilt ist in einen Bereich Ermittlung und die Präsenz im Milieu. Aus dieser Doppeltätigkeit können wir viele Informationen erhalten, die uns helfen bei Ermittlungen im Bereich Menschenhandel.

Wie muss man sich diese Doppeltätigkeit vorstellen?

Wir müssen bei Straftaten ermitteln. Das geht bei unserer Abteilung von Menschenhandel bis zu Mord. Wir sind aber auch in der Prävention tätig. Wir suchen im Milieu den Kontakt zu den Prostituierten. Wir bieten ihnen Hilfe an, sie an Stellen zu vermitteln, die sie aus dem Milieu holen, die ihnen medizinische Hilfe bieten oder die Beratungsgespräche führen.

Gehen die Frauen darauf ein?

Das Angebot wird nicht häufig angenommen. Das ist auch nicht zu erwarten, aber es ist eine vertrauensbildende Massnahme. Wenn man die Frauen später im Strafverfahren hat, dann kennt man sich schon.