Waffentechnik
Die Quadrokopter-Drohnen der ETH Zürich und der Krieg

An der ETH Zürich tüfteln Forscher an Flugrobotern, die auch für militärische Zwecke genutzt werden können. Momentan fliegen die Quadrokopter aber noch in einer Flugarena und spielen Pingpong oder üben sich im Formationsflug.

Marius Huber
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Militärs aus aller Welt interessieren sich für die Flugroboter, welche die ETH entwickelt (Symbolbild). key

Militärs aus aller Welt interessieren sich für die Flugroboter, welche die ETH entwickelt (Symbolbild). key

Professor D’Andrea von der ETH Zürich ist ein Medienstar, und das kommt nicht von ungefähr. Wenn er seine Geschöpfe durch die Luft tanzen lässt, hat das etwas von der Magie eines Zauberlehrlings. Aber er ist auch umstritten, sogar unter Forscherkollegen. Die einen finden seine Wissenschaft einfach nur cool, andere fröstelt beim Gedanken, wohin sie führen könnte.

Raffaello D’Andrea arbeitet daran, fliegende Roboter mit so viel künstlicher Intelligenz und Lernfähigkeit auszurüsten, dass sie ihre Aufgaben dereinst völlig autonom erledigen können. Überall dort, wo ein Einsatz für Menschen gefährlich ist.

Heute üben sich die kleinen Quadrocopter in der Flugarena des Professors noch in harmlosen Tricks. Sie spielen zusammen Pingpong, üben sich im Formationsflug, fangen gemeinsam mit einem Netz Bälle ein, die durch die Luft wirbeln, oder ziehen als Akkordarbeiter hochkomplexe Mauern hoch.

Warnung vor Rüstungswettlauf

Bisweilen sieht das verblüffend stark nach «Star Wars» aus, und es gehört wenig Fantasie dazu, sich vorzustellen, wie eine Armee solcher Drohnen mit ähnlichem Geschick und Präzision auch Aufgaben in einem Kriegsgebiet verrichten könnte.

D’Andrea muss sich oft kritischen Fragen stellen. Er hat noch nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass die Militärs in aller Welt tatsächlich sehr interessiert seien an der Entwicklung autonomer Drohnen, weil für sie der Nutzen auf der Hand liege. Aber er beteuerte stets auch, dass ihm dieser Umstand Sorgen bereite. Er finde es fragwürdig, wenn Waffensysteme allzu autonom würden und ein Rüstungswettlauf um die intelligentesten Tötungsmaschinen in Gang käme. «Für die Menschheit wäre es sicher das Beste, wenn Roboter an der Kriegführung in keiner Weise beteiligt wären», schreibt er in einem Blog. Aber es sei wohl unvermeidlich, dass diese Technologie auch auf negative Weise genutzt werde.

In positive Eigenschaften vertrauen

Obwohl darunter das öffentliche Ansehen seiner Forschung leide, finde er es falsch, diese zu unterdrücken. Er ist überzeugt, dass seine Drohnen für die Gesellschaft von enormem Nutzen sein könnten, wenn man in ihre positiven Eigenschaften vertraue.

An einem guten Dutzend deutscher Universitäten wäre Vertrauen in einem solchen Fall vermutlich nicht mehr gut genug. Der Grund: Sie haben eine sogenannte Zivilklausel in ihre Statuten aufgenommen, die es untersagt, militärisch verwertbare Forschung zu betreiben. Solche Verbote liegen in Deutschland zurzeit im Trend, was für Kontroversen sorgt. Alle paar Monate springt eine neue Uni auf den Zug auf, meist auf Druck der Studenten.

Die Zivilklauseln sind unterschiedlich scharf formuliert. Besonders weit geht jene der Universität Bremen, in den Achtzigerjahren war dies die erste derartige Bestimmung: Sie verlangt von den Wissenschaftern, sämtliche Forschungsthemen abzulehnen, «die Rüstungszwecken dienen können». Will heissen: Was nur schon nach militärischem Nutzen riecht, ist tabu.

Andere Unis untersagen Kooperationen mit Rüstungsunternehmen oder verpflichten Geldgeber, die Ergebnisse der von ihnen unterstützten Forschungsprojekte ausschliesslich für zivile Zwecke zu verwenden.

GSoA will Diskussion in der Schweiz

In Zürich sind solche Beschränkungen zurzeit kein Thema, weder an der Uni noch an der ETH – obwohl die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) angekündigt hat, die Diskussion auch hierzulande lancieren zu wollen.

Robotikpionier Roland Siegwart, an der ETH Zürich Vizepräsident für Forschung und Wirtschaftsbeziehungen, betont auf Anfrage, dass die Forschungsfreiheit zentral sei für die Entwicklung neuer Technologien. «Sie ist ein sehr hohes Gut, das wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen dürfen.» Die ETH habe vom Bund den Auftrag, durch Grundlagenforschung neue Erkenntnisse zu gewinnen und diese zum Wohle aller der Wirtschaft zur Verfügung zu stellen – das gelte auch für Unternehmen, die in der Rüstung tätig seien. So sei zum Beispiel Armasuisse als Partner an einem ETH-Forschungszentrum beteiligt, das sich mit Sicherheitsfragen befasse.

Rüstungsunternehmen unterhielten oft auch zivile Abteilungen, sagt Siegwart. So forsche die ETH etwa an einem Projekt des europäischen Luftfahrt- und Rüstungsgiganten EADS mit, bei dem es darum gehe, Flugzeuge leiser, sparsamer und damit umweltverträglicher zu machen. «Es wäre töricht, an diesem grossen europäischen Projekt nicht mitzuarbeiten, nur weil EADS auch ein Rüstungskonzern ist.»

ETH-Wissenschafter wie Professor D’Andrea betreiben laut Siegwart Grundlagenforschung auf höchstem Niveau, und das sei immer eine Reise ins Unbekannte. «Selbstverständlich können neue Technologien immer auch missbraucht werden», sagt er. «Aber von einer künstlichen Reglementierung – einer Schere im Kopf – halte ich nichts.» Er lege Wert auf die Eigenverantwortung jedes Einzelnen, und darauf, dass die Studierenden schon früh mit ethischen Fragen in Berührung kämen.

Ein Kodex für Roboterbauer?

Dafür plädiert auch der US-Politikwissenschafter Peter W. Singer, der ein viel beachtetes Buch über die unkritische Entwicklung von Militärrobotern geschrieben hat. Forscher müssten eine bessere ethische Ausbildung bekommen, insbesondere solche auf dem Gebiet der Robotik. Für sie regt er zudem einen ethischen Verhaltenskodex an, ähnlich dem medizinischen Eid des Hippokrates, der sie darauf verpflichtet, niemandem zu schaden. Denn aufhalten – davon ist Singer überzeugt – lassen sich die neuen Technologien ohnehin nicht.

Das suggeriert auch der Blick über die Grenze. An Universitäten mit Zivilklauseln stellt sich nämlich oft das sogenannte Dual-Use-Dilemma: Die Frage, ab welchem Punkt eine Technologie, die sowohl einen zivilen als auch einen militärischen Nutzen hat, unter das Forschungsverbot fallen soll. Im Zweifelsfall wird offensichtlich eher Nachsicht walten gelassen. So tüftelt etwa die Technische Universität Dortmund genau wie die Zürcher ETH an intelligenten Drohnenschwärmen – Zivilklausel hin oder her.

Videos: www.flyingmachinearena.org