Unwetter
«Die Prognosen liessen das Schlimmste befürchten»

Der Hochwasserstab der kantonalen Führungsorganisation war gestern gefordert. Bruno Keller, Chef der Sicherheitspolizei, sagt im Interview, wie der Krisenstab mit der angespannten Situation umgeht.

Oliver Graf
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Der Zeltplatz von Gütighausen wurde letzte Woche wie schon 2013 (Bild) von der Thur überschwemmt, die Gäste wurden rechtzeitig gewarnt.KEY

Der Zeltplatz von Gütighausen wurde letzte Woche wie schon 2013 (Bild) von der Thur überschwemmt, die Gäste wurden rechtzeitig gewarnt.KEY

Wegen der Regenfälle ist der Stab der kantonalen Führungsorganisation aktiv geworden. Was kann dieser überhaupt ausrichten?

Bruno Keller: Das Wetter lässt sich natürlich nicht steuern. Aber wir können frühzeitig darauf reagieren, um die Bevölkerung im Kanton zu schützen. Unsere Aufgabe ist deshalb anfänglich insbesondere das Beobachten und das Analysieren, das Prüfen und Anordnen von Massnahmen und die Information der Bevölkerung. Den Stab richten wir jeweils bedarfsgerecht ein. Würde etwa eine Maul- und Klauenseuche drohen, wäre die Kantonstierärztin involviert. Bei der aktuellen Lage mit den lang anhaltenden Regenfällen waren natürlich unter anderem Fachleute des kantonalen Amtes für Abfall, Wasser, Energie und Luft vertreten. Sie waren die Spezialisten für die Hochwasserprognosen.

Der Krisenstab beobachtet die Lage. Und dann? Was kann er aktiv gegen drohende Wassermassen tun?

Unsere Hauptaufgabe ist es, die Bevölkerung und die Lebensgrundlagen zu schützen. So mussten wir in der vergangenen Woche auch Massnahmen ergreifen, die nicht einfach waren. Mitten in der Sommerferienzeit haben wir etwa den Campingplatz Gütighausen evakuieren lassen. Der Stab hatte angesichts der eingehenden Daten gesehen, dass die Thur über die Ufer zu treten droht. Kurz darauf war der Campingplatz dann überschwemmt.

Sie haben über das vergangene Wochenende auch vorsorglich den Sihlsee und den Zürichsee abgesenkt.

Das ist ein relativ neues Instrument, das wir erst ein paar wenige Male angewendet haben. Wir wollten damit in den beiden Seen genügend Speicherkapazitäten schaffen. Angekündigt waren ja auf Montag heftige Niederschläge. Das niedergehende Wasser, das die schon völlig durchnässten Böden nicht mehr hätten aufnehmen können, hätte so von den beiden Seen geschluckt werden können. Und die Sihl und die Limmat hätten die Stadt Zürich und das Limmattal nicht gefährdet.

Der heftige Regen blieb hier am Ende aber aus. Haben Sie überreagiert?

Die Prognosen waren klar und liessen das Schlimmste befürchten. Wir sind froh, dass im Einzugsgebiet des Sihlsees der angekündigte Starkregen nicht niedergegangen ist. Das war aber eigentlich nur ein glücklicher Zufall einer labilen Wetterlage. Andernorts trafen die Prognosen ja zu, Flüsse traten übers Ufer. Wir wären, und das ist das Wichtigste, bereit gewesen.

Lohnte sich der Aufwand wirklich?

Angesichts der Wetterprognosen mussten wir handeln, das war ein mutiger und richtiger Entscheid. Denn bei einem extremen Sihlhochwasser sind weite Teile der Stadt Zürich bedroht, inklusive wichtiger Infrastrukturanlagen wie der Hauptbahnhof. Das Schadenpotenzial ist immens.

Aber das Absenken eines Seepegels ist nicht ungefährlich.

Wir erzeugten zwar eine Art künstliches Hochwasser, indem wir vor den erwarteten Regenfällen mehr Wasser aus dem See abliessen. Aber wir begleiteten diese Massnahme intensiv. Wir informierten vorgängig die Bevölkerung, dass der Fluss mehr Wasser führen wird. Im Limmattal setzten die Feuerwehren vorbereitete Wassersperren ein, um ein Austreten der Limmat aus ihrem Bett zu verhindern. Angesichts der Wassermengen, die wir aus dem Sihlsee liessen, wäre dies nicht notwendig gewesen. Das war eine reine Vorsichtsmassnahme. Das Ziel war insgesamt, die Situation zu kontrollieren, bevor sie unkontrollierbar wird.

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