Zürich
Die Polizei wird häufiger angegriffen – doch die Kriminalität ist rückläufig

Der Kanton Zürich verzeichnete 2015 so wenige Delikte wie seit 1980 nicht mehr. Zugenommen hat aber die Gewalt gegen Polizisten. Erfreuliches stellte die Kapo bei den Flüchtlingen fest.

Florian Niedermann
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Ca. ein Vierteil der Gewalt gegen Polizisten geht im Kanton Zürich gegen die Zürcher Stadtpolizisten. (Symbolbild)

Ca. ein Vierteil der Gewalt gegen Polizisten geht im Kanton Zürich gegen die Zürcher Stadtpolizisten. (Symbolbild)

Keystone

So sicher wie im vergangenen Jahr war der Kanton Zürich seit der Einführung der Kriminalstatistik im Jahr 1980 nicht mehr. Die Kantonspolizei registrierte 2015 insgesamt 118 243 Straftaten. Das waren 2000 oder knapp 2 Prozent weniger als im Vorjahr. Christiane Lentjes, die Chefin der Kantonspolizei, begründete dies an einer Medienkonferenz gestern vor allem mit der starken Abnahme bei Vermögensdelikten wie Diebstahl oder Sachbeschädigung (-9 Prozent). Einen bedenklichen Trend stellen die Kapo und die Stadtpolizei Zürich jedoch bei der Gewalt gegen Beamte fest.

Noch 2014 kam es 280 mal zu Drohungen und Angriffen gegen Polizisten, Sanitäter und andere staatliche Angestellte im Kanton Zürich. Letztes Jahr schnellte die Anzahl dieser Delikte auf 419 Fälle hoch. Am meisten betroffen waren Polizistinnen und Polizisten, und dies vor allem, wenn sie in der Stadt Zürich im Einsatz waren.

Felix Lengweiler, Chef der Kriminalabteilung der Stadtpolizei Zürich, führte aus, dass die Angriffe von verbalen Anfeindungen über Morddrohungen bis hin zu Tötungsversuchen reichen würden. Besonders bei Demonstrationen und Fussballspielen komme es immer wieder zu Aggressionen gegen Polizisten. «Man darf dies nicht bagatellisieren, sondern muss die Täter mit voller Härte bestrafen», so Lengweiler. Die Situation der Beamten auf der Strasse dürfe sich nicht weiter verschlechtern.

168 Indoor-Plantagen ausgehoben

Ebenfalls stark zugenommen haben kantonsweit Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz. Hier stiegen die Zahlen gegenüber 2014 um knapp 2800 Delikte oder 20,3 Prozent. Grund dafür ist aber nicht, dass mehr Drogen konsumiert worden wären. Kapo-Chefin Lentjes erklärte, dass vielmehr die Kontrolltätigkeit der Polizei und ihrer Partnerbehörden in diesem Bereich verstärkt wurde.

Im Limmattal gab es mehr Raufhändel

Noch mehr als im gesamten Kanton Zürich hat die Kriminalität im Bezirk Dietikon in den letzten Jahren abgenommen (siehe Grafik). 2015 kam es im Limmattal noch zu 51,6 Straftaten pro 1000 Einwohner. Auf Kantonsgebiet waren es 63,9 und in der Stadt Zürich – traditionsgemäss der Brennpunkt der Kriminalität – sogar 116,1. Entgegen dem Trend im Kanton nahmen im Bezirk Dietikon die Straftaten gegen Leib und Leben aber zu. Am stärksten stiegen die Tätlichkeiten (um 15 Taten oder 9,7 Prozent) und die Beteiligung an einem Raufhandel (um 21 Taten oder 123,5 Prozent). Gegenüber 2014 nahmen zudem auch die Straftaten gegen die sexuelle Integrität um 30 Delikte zu (44,8 Prozent). Diese Tendenz ist zwar im ganzen Kanton spürbar, doch ist die Ursache dort eine andere.
Die Zunahme der Sexualstraftaten sei vor allem durch die illegal betriebene Prostitution begründet, erklärte Kapo-Chefin Christiane Lentjes gestern: «Seit Prostitution am Sihlquai nicht mehr erlaubt ist, nimmt diese zu. Prostituierte schaffen teilweise auch weiterhin ausserhalb des Strichplatzes und der bewilligten Orte an.» Dieser Umstand erklärt die steigenden Straftaten gegen die sexuelle Integrität jedoch nur in der Stadt Zürich. Im Bezirk Dietikon gründet diese in den Fallzahlen im Bereich der sexuellen Nötigung, sexuellen Belästigung und Vergewaltigung. Insgesamt stieg die Anzahl Delikte gegen die sexuelle Integrität im Bezirk um 30 auf 97 (+44,8 Prozent). Am stärksten zugenommen haben sexuelle Nötigungen. Wurden 2014 noch fünf Fälle zur Anzeige gebracht, waren es letztes Jahr deren 17. Das bedeutet eine Zunahme von 240 Prozent. (fni)

So hob die Kapo 2015 etwa ganze 168 Hanf-Indoorplantagen aus – 30 mehr als im Vorjahr. Und auch der Import von Saatgut sei stärker verfolgt worden, so Lentjes. Das Bild gleicht jenem bei den Verstössen gegen Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen: Die Zunahme um 21 Prozent erklärt sich auch hier vor dem Hintergrund verstärkter Kontrollen.

Die Kriminalitätsstatistik gibt jedoch nicht nur Aufschluss über Taten, sondern auch über die Täter. Lentjes stellte etwa fest, dass im Gegensatz zum Bild, das die Vorfälle von Sylvester in Köln vermittelten, vergangenes Jahr nicht mehr Straftaten von Asylsuchenden begangen wurden – im Gegenteil: «Trotz der gestiegenen Asylgesuche im Kanton ging die Zahl der straffällig gewordenen Asylbewerber gegenüber 2014 um 20 Prozent zurück», so die Kapo-Chefin. Bei den ihnen vorgeworfenen Straftaten handelte es sich in der Regel um Ladendiebstähle und andere minderschwere Delikte. «Die Sicherheit der Bevölkerung ist durch die Flüchtlingsströme also nicht gefährdet worden», bilanzierte Lentjes.

Rückläufig ist gemäss der aktuellen Statistik im Kanton Zürich wie schon in den Vorjahren auch die Jugendkriminalität. Bei den Strafgesetzbuch-Delikten ging die Anzahl der jugendlichen Beschuldigten um 9,4 Prozent auf 1686 zurück. Vor allem bei den Diebstählen, aber auch bei Raubstraftaten, Drohungen, Nötigungen oder Sexualdelikten waren weniger Jugendliche unter den Tätern als noch 2014.

Hinweise aus Bevölkerung halfen

Auf das positive Gesamtbild der Kriminalstatistik wirkte sich vor allem der eingangs erwähnte Rückgang der Vermögensdelikte stark aus. In fast allen Kategorien musste die Polizei hier weniger Fällen nachgehen. Auffallend ist der Rückgang vor allem bei den Diebstählen (-12,3 Prozent) und den damit verbundenen Sachbeschädigungen (-13,9 Prozent). «Bei den Einbruchdiebstählen blieben wir erstmals unter der Grenze von 10 000 Delikten», sagte Lentjes.

Sie führt dies auf polizeiliche Strategien wie Schwerpunktaktionen oder computergestützte Analysetools zur Disposition der Einsatzkräfte zurück. Besonders erfreulich sei, dass heute viele Hinweise aus der Bevölkerung eingehen würden, so die Polizeichefin: «Es ist den Leuten nicht egal, was links und rechts von ihnen passiert.»

Zwei Personen weniger getötet

Auch was die Delikte gegen Leib und Leben angeht, lässt sich Positives konstatieren: Bei fast allen Delikten nehmen die Fallzahlen ab. So sind 2015 etwa noch acht Personen Opfer von Tötungsdelikten geworden. Im Vorjahr waren es zehn. Einzig bei der schweren Körperverletzung stellte die Polizei eine Zunahme von 21 Fällen (11,5 Prozent) fest. Diese sind laut Lentjes aber darauf zurückzuführen, dass Laserattacken vermehrt gemeldet werden.