Tonträger
Die Plattenteller drehen trotz MP3-Downloads und Onlinemultis weiter

Das Geschäft mit den physischen Tonträgern ist harzig geworden. Die Konkurrenz durch MP3-Downloads und Onlinemultis wie Amazon macht Platten- und CD-Läden auf der ganzen Welt zu schaffen.

Sophie Rüesch
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Trotz MP3 und Onlineshopping konnten sich viele Zürcher Musikläden behaupten
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Im Six Pac an der Badenerstrasse kann man vor allem Hip Hop kaufen
Spooky Records an der Zweierstrasse
Woody Jakob vom Jamarico hat die Veränderungen im Musikgeschäft hautnah erlebt
Hum Records an der Ankerstrasse hat sich auf Black Music spezialisiert
Yvonne Kaufmann und Valentin Bächi vom auf Klassik und Jazz spezialisierten Geschäft Rena
Crazy Beat an der Badenerstrasse
Die Jecklin-Filiale an der Rämistrasse steht seit September leer
16Tons an der Anwandstrasse verkauft neben neuen und gebrauchten Platten auch Vintagekleider und -möbel
Der Grosse: Musik Hug hat die CD-Abteilung vom Jecklin übernommen
Andi Walter vor dem überwältigenden Angebot im Katalog Record Warehouse - im Kellerlager befinden sich noch einmal mindestens so viele Platten wie im Laden
Das Sonic an der Anwandstrasse schloss im Frühling 2011 seine Türen
Der RecRec an der Müllerstrasse

Trotz MP3 und Onlineshopping konnten sich viele Zürcher Musikläden behaupten

Sophie Rüesch

Die Folgen dieser Entwicklungen sind auch an den Zürcher Musikgeschäften nicht spurlos vorübergezogen. Im September schloss mit der Jecklin-Filiale an der Rämistrasse eines der letzten grossen Schweizer Traditionshäuser; ein Schild an der Fassade des verlassenen Lokals verweist Kaufinteressierte auf die Filialen der Musik Hug Gruppe, in deren Besitz sich Jecklin bereits seit 2002 befand.

Auch Dutzende von kleineren CD- und Plattenläden wie der «Rock On» am Kreuzplatz oder das «Sonic» im Zürcher Kreis 4 konnten sich angesichts der enormen Veränderungen im Musikkonsum nicht mehr halten. Und dennoch hat Zürich im nationalen Vergleich nach wie vor eine ausserordentlich lebendige Musikladen-Szene. Besonders im Kreis 4 ist die Dichte höher als irgendwo sonst in der Schweiz.

«Das Geschäft läuft eigentlich gut»

Die meisten Läden, die sich bis jetzt über Wasser gehalten haben, können sich nicht beklagen. «Natürlich ist das Geschäft keine Goldgrube, doch unter dem Strich läuft der Laden gut», sagt zum Beispiel Andi Walter, der lange in der Jecklin-Filiale an der Sihlporte gearbeitet hatte und nun an der Weinbergstrasse das Secondhand-Geschäft «Katalog Record Warehouse» führt.

Auch Yvonne Kaufmann, die Geschäftsführerin des auf Klassik und Jazz spezialisierten Musikladens «Rena» - seines Zeichens das erste Tonträgergeschäft der Schweiz - sagt: «Das Geschäft läuft eigentlich gut.»

Zwar hätten auch sie gewisse Absatzeinbussen gespürt, doch ihre Kundschaft schätze die persönliche Beratung und das sorgfältig ausgewählte Angebot, sagt Kaufmann. Dazu komme, dass «Rena» auch immer wieder neue Kunden gewinne, wenn andere Läden verschwinden. So habe die Schliessung des Jecklins bei ihnen zu Kundenzuwachs geführt.

Kundenbindung wird wichtiger

Weniger rosig sieht die Situation für das Musikgeschäft «Jamarico» aus. «Es ist eine schwierige Zeit», sagt Geschäftsführer Woody Jakob. «Wir können froh sein, wenn wir mit reduziertem Personal-Aufwand über die Runden kommen.» In seinen besten Zeiten verkaufte der «Jamarico» in drei Filialen im Niederdorf und im Kreis 4 nebst Kleidern Platten und CDs.

Heute ist die Musikabteilung auf das Lokal im oberen Stock des Geschäfts am Helvetiaplatz verdrängt worden. Die Kundenbindung werde angesichts des neuen Musikkonsums immer wichtiger, erklärt Jakob: «Die Leute schätzen es, dass wir ihren Geschmack kennen und ihnen so immer wieder Neues vorstellen können. Andere reden einfach gerne über Musik mit uns.»

Jakob, der seit der Gründung im Jahr 1979 dabei ist, hat die Veränderungen im Musikverkauf hautnah miterlebt. Mit dem ersten Verkaufseinbruch infolge der zunehmenden Verbreitung von CD-Brenngeräten konnte man noch leben. Schwerer traf es sie, als sich das Internet auf breiter Ebene behaupten konnte - und mit ihm das Herunterladen von Musikdateien sowie die Möglichkeit, von zu Hause aus bequem Tonträger zu bestellen.

Dazu kam, dass auch DJs, die bis in die Mitte der Nullerjahre fast ausschliesslich Vinyl auflegten, zunehmend auf Computerprogramme umstiegen. Das Wegfallen dieses Geschäftszweigs habe vor allem für kleinere, auf eine bestimmte Musikrichtung spezialisierte Läden ein grosses Problem dargestellt. Zuversichtlich stimmt Jakob einzig, dass die Verkaufseinbrüche vor rund zwei Jahren stagniert haben und das Geschäft seither mehr oder weniger stabil laufe.

Vinyl holt wieder auf

Die verbleibende Kundschaft, darüber sind sich Walter, Kaufmann und Jakob einig, schätze nebst dem persönlichen Kontakt im Laden auch den Tonträger als Objekt. So sagt Kaufmann: «Ich höre von meinen Kunden oft, sie hätten gerne ‹etwas zum Anfassen›». Walter bestätigt: «Der Verkauf von physischen Tonträgern ist mehr zu einem Sammler- und Liebhabergeschäft geworden.»

In diesem Licht ist es denn auch nicht erstaunlich, dass Vinyl gegenüber der CD zurzeit wieder aufholt. «Die Platte ist wieder hip», sagt Walter, «erstaunlicherweise sogar vermehrt bei jüngeren Leuten.» «Rena» hat aufgrund steigender Nachfrage das Plattenangebot ausgebaut.

Und während im «Jamarico» der CD-Absatz rückläufig sei, sei der Umsatzanteil von Vinylplatten in den letzten zehn Jahren von 15 auf 60 Prozent gestiegen, sagt Jakob. Für ihn ist das keine Überraschung. Die CD sei von Anfang an ein «unattraktives Ding» gewesen, vom Ton über die Bedienung bis hin zum Design.

Doch auch mit steigenden Vinylabsätzen ist die Zukunft der Zürcher Musikgeschäfte alles andere als sicher. Walter ist zwar überzeugt, dass der physische Tonträger sich zumindest in seiner Nische behaupten wird. Doch gleichzeitig ist er sich bewusst, dass die Veränderungen im Musikkonsum nicht beim MP3 aufhören werden.

Die Industrie werde vermutlich nach der CD kein Nachfolgemedium bringen. Er kann sich vorstellen, dass kostenpflichtiges Streaming in CD-Qualität eine Alternative sein könnte.

Auch Jakob schaut verhalten zuversichtlich in eine ungewisse Zukunft: «Man kann nur von heute auf morgen schauen, wie sich die Lage entwickelt. Wir hoffen einfach, dass wir uns noch eine Weile halten können.»