Zürich
Die Plateau-Läufe der Barkeeper waren legendär – doch jetzt steht der Verein vor dem Aus

Die Plateau-Läufe der Zürcher Barmänner-Vereinigung waren legendär. Ende der Neunzigerjahre vergraulten die Behörden jedoch die Sponsoren. Jetzt stirbt bald auch der Verein

Florian Niedermann
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Der Plateau-Lauf der Barmänner-Vereinigung Zürich im Niederdorf lockte jeweils Hunderte Schaulustige an
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Barmänner Verein Zürich
Schon bald nach der Gründung von 1946 waren in der Barmänner-Vereinigung auch Barfrauen dabei.
Neben dem Lauf sorgten die Barleute auch mit artistischen Einlagen für Unterhaltung.
Nicht immer schafften es die Barleute mit gefülltem Plateau ins Ziel
Das schwierigste Hindernis sei für ihn immer die Schwingtüre gewesen, sagt Vereinspräsident Peter Gabl (nicht im Bild).
Ende der Neunzigerjahre ging die Stadt Zürich gegen Alkoholwerbung im öffentlichen Raum vor. Damit verlor der BVZ seine Sponsoren.
Einige der Zürcher Barleute nahmen auch an Plateau-Läufen in Paris teil.
In zwei Jahren gebe es den Barmänner-Verein nicht mehr, sagen Präsident Peter Gabl (links) und sein Sekretär Reto Züllig.

Der Plateau-Lauf der Barmänner-Vereinigung Zürich im Niederdorf lockte jeweils Hunderte Schaulustige an

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Hunderte von Schaulustigen versammelten sich jeweils im Zürcher Niederdorf, wenn die Barkeeper gegeneinander antraten. Was in den Gläsern war, spielte für einmal keine Rolle. Wichtig war, dass es drin blieb. Unter den anfeuernden Rufen der Zuschauer hetzten sie, voll beladene Plateaus auf den Händen balancierend, übers Kopfsteinpflaster durch einen Hindernisparcours. Mit dem sogenannten Plateau-Lauf wurde die Barmänner-Vereinigung Zürich (BVZ), eine der verruchtesten Truppen Zürichs, weit über die Stadt hinaus bekannt. Doch genau 70 Jahre nach der Gründung steht der Verein kurz vor seinem Ende. «In spätestens zwei Jahren ist es mit dem BVZ vorbei», sagt Präsident Peter Gabl am Stammtisch des «Lindenhofs» in Altstetten. Er sagt es ohne Wehmut in der Stimme; die Nostalgie kommt später.

Seine besten Zeiten erlebte der Zürcher Barmänner-Verein in den Achtzigerjahren. Damals zählte er noch rund 300 Mitglieder und sorgte mit dem Wettkampf im Niederdorf nach Pariser Vorbild alle zwei Jahre für Aufsehen. Im Startfeld waren neben Zürcher Barfrauen und -männern auch einige Schweizer Berufskollegen und meist eine Delegation von «Garçons» aus Frankreich.

Mit 40 Gramm im Glas ging es los

Für den Wettkampf bestanden klare Regeln: Wenn die «Athleten» über das Treppchen, die «Gigampfi» oder durch einen Stangenslalom rasten, hatte auf den Tableaus eine Karaffe, eine Mineralflasche und ein mit genau 40 Gramm Flüssigkeit gefülltes Vermouth-Glas zu stehen. «Das schwierigste Hindernis war immer die Kipptüre», erinnert sich Gabl, der selbst an mehreren Läufen teilgenommen hat. Entlang der Wettkampfstrecke befanden sich zudem Posten, an denen die Barleute Fragen zu Drinks beantworten oder Zusatzaufgaben lösen mussten. Gewonnen hatte, wer mit der grössten Menge Flüssigkeit in den Gefässen auf dem Plateau und den meisten richtig gelösten Aufgaben am schnellsten im Ziel ankam.

Dass der Plateau-Lauf jeweils am Sonntagvormittag stattfand, hatte laut Reto Züllig, dem BVZ-Sekretär, seinen Grund: «Das Verrechnen der drei Teildisziplinen Geschwindigkeit, Geschicklichkeit und Wissen war so zeitraubend, dass die Rangverkündigung erst spät am Abend durchgeführt werden konnte.» Den Wettkämpfern kam dies gerade recht: Die meisten hatten zwar vormittags frei, mussten aber nachmittags wieder hinter die Bar und hatten erst kurz vor Mitternacht Feierabend. Für das Publikum hingegen fand anschliessend an den Wettkampf auf dem Hirschenplatz jeweils ein Volksfest statt.

Geselligkeit wurde beim BVZ grossgeschrieben. Und dies schon zu Zeiten, die für Barleute alles andere als lustig waren. Gegründet wurde der Barmänner-Verein 1946, als Gabl gerade einmal ein Jahr und Züllig drei Jahre alt war. Die Arbeitsbedingungen in der Gastronomie waren in der Nachkriegszeit schlecht, etliche Service-Angestellte hatten ein Alkoholproblem. Die Vereinigung habe deshalb in erster Linie eine soziale Funktion gehabt, sagt Gabl, der dem Verein als Spirituosenvertreter und ehemaliger Wirt erst in den Siebzigerjahren beigetreten ist: «Man achtete aufeinander. Ausserdem war immer auch ein Pfarrer im Verein, der bei den besonders schweren Fällen auch Hausbesuche machte.»

Das Metier blieb verrucht

Die wirtschaftliche Situation der Mitglieder verbesserte sich in den Fünfzigerjahren mit dem generellen Aufschwung in der Schweiz. Schlecht blieb aber der Ruf der Barleute, die im Verdacht standen, mit der Halbwelt des Niederdorfs und des Kreis 4 verbandelt zu sein – nicht ganz zu Unrecht, wie Züllig einräumt: «Damals hatten manche Bars verbotenen Absinth hinter dem Tresen. Und auch in den Hinterzimmern wurde Illegales getrieben.» Die Barmänner-Vereinigung war daher für viele Mitglieder nicht zuletzt ein Zeitvertreib, bei dem sie wegen ihres Berufs für einmal nicht missfälligen Blicken ausgesetzt waren.

Und das galt längst nicht nur für Männer. Fast von Beginn weg seien in der Barmänner-Vereinigung auch Frauen dabei gewesen, weiss Gabel. Dass sie als Mitglieder nominell ausgeschlossen waren, hinderte sie offenbar nicht daran, dem BVZ beizutreten. Züllig, der langjährige «Urania»-Wirt, trat dem Verein in den Achtzigerjahren bei, als Gleichberechtigungsfragen auch politisch aktuell wurden. Es sei damals auch über einen geschlechterneutralen Namen diskutiert worden, sagt er: «Aber die Barfrauen wollten dies explizit nicht.»

Dass Mann die Frauen verdrossen hätte, reicht als Erklärung für den späteren Niedergang des BVZ demnach nicht aus. Die beiden pensionierten Gastronomen sehen den Grund im Wandel des Zeitgeists: Die Mitglieder sträubten sich zunehmend dagegen, im Vorstand Verantwortung zu übernehmen. Selbst bei der Organisation des Plateau-Laufs mitzuhelfen, sei vielen schon zu viel gewesen, so Züllig: «Läufer fanden wir hingegen immer leicht.»

Den Todesstoss versetzten dem Barmänner-Wettkampf jedoch die Behörden mit ihrem Kampf gegen Alkoholwerbung im öffentlichen Raum. Der Kantonsrat beschloss zwar erst 2007 ein entsprechendes Werbeverbot. Doch die Stadt Zürich begann laut BVZ-Sekretär Züllig schon Ende der Neunzigerjahre, Alkoholwerbung stark einzuschränken. So habe der Verein die Sponsoren des Plateau-Laufs, deren Namen auf den Treppchen und Schwingtüren prangten, noch vor der Jahrtausendwende verloren. «Der Plateau-Lauf war damit gestorben», sagt Gabl. Und erstmals ist in seinen Augen Traurigkeit zu sehen.

Klassiker, sonst nichts

Heute zählt die Barmänner-Vereinigung noch knapp 50 Mitglieder. Das haben die Barleute vor allem sich selbst zuzuschreiben: Die Mitglieder stürben weg und man habe es schlicht verpasst, Nachwuchs anzuwerben, räumt Gabl ein. Aufstrebende Bartender schlössen sich heute der Swiss Barkeepers Union an, die regelmässig Mix-Wettbewerbe durchführe.

Für die BVZ-Spitze wäre das nie infrage gekommen: Den Barkeepern ihrer Generation ging es nicht darum, möglichst ausgefallene Drinks zu kreieren. Sie mixten Klassiker: Dry Martini, Campari Orange oder Manhattans – und das mit Stolz. Mit den trendigen Zürcher Bars könnten sie daher nichts anfangen, sagen Gabl und sein Sekretär. Die besten Lokale der Stadt? Die Kronenhalle-Bar, das Savoy oder die Tina-Bar. «Die haben die Trends nicht mitgemacht, sondern stur am Altbewährten festgehalten», sagt Züllig. Dass etwa die Tina-Bar derzeit wieder viel Zulauf habe, gebe ihnen recht.

Im Fall der Barmänner-Vereinigung hat sich dieses Prinzip allerdings nicht bewährt. Das Einzige, was Gabl und Züllig nun noch bleibt, ist, das verbleibende Vereinsvermögen gemeinsam mit den verbleibenden Mitgliedern aufzubrauchen.