Zürich
«Die Opportunitätskosten senken»: Gratis-Kitas als Service public?

Ein Projekt der Metropolitankonferenz Zürich empfiehlt, die Familienpolitik umzukrempeln.

Katrin Oller
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Familienformen in der Schweiz.

Familienformen in der Schweiz.

Zur Verfügung gestellt

«Viele unserer Empfehlungen sind kalter Kaffee», sagt André Woodtli. Genug Krippenplätze, Elternzeit und die Rechte der Kinder respektieren: Solche Forderungen gibt es seit Jahren und sie müssten selbstverständlich sein – sie seien es aber nicht, sagt der Chef des Amtes für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich. Dies zeigt das Projekt Doing Family, mit dem Woodtlis Amt beauftragt wurde.

Auftraggeber ist die Metropolitankonferenz Zürich. Deren Mitglieder sind die Kantone Zürich, Aargau, Thurgau, Schaffhausen, Schwyz, St. Gallen, Zug und Luzern sowie 120 Städte und Gemeinden. Das Projekt beinhaltet drei Teilstudien zur Veränderung des Familienbildes, der Familie als betriebswirtschaftlicher Faktor und zu den Leistungen der öffentlichen Hand für Familien. Im Abschlussbericht haben die Verantwortlichen Empfehlungen zu fünf Handlungsfeldern formuliert.

Nicht von der persönlichen Erfahrung ausgehen

Heute Mittwoch präsentieren André Woodtli und Projekt­leiterin Sarah Büchel den ­Abschlussbericht von Doing Family. Es geht auch darum, neu über Familien nachzudenken, sagen die beiden auf Anfrage. In ihren Gesprächen mit Politikerinnen und Politikern sei ihr aufgefallen, dass beim Thema Familie alle von ihrer persönlichen Erfahrung ausgehen, sagt Sarah Büchel. «Das ist zwar legitim, aber auch problematisch, weil man nicht abstrahiert und sich nicht in andere Familienmodelle hineindenkt.»

81 Prozent der Familien in der Schweiz sind Kleinfamilien. 13 Prozent sind Einelternfamilien, 5 Prozent Patchwork-Familien und 8 Prozent Familien mit Kindern, die in verschiedenen Haushalten leben und zwischen Elternteilen hin und her pendeln, sogenannte multilokal lebende Familien. Jede Familie definiert sich heute selber und verhandelt ihre Praxis immer wieder neu, daher der Name Doing Family.

Dennoch dominiert das ideelle Bild der Kleinfamilie – biologische Eltern mit Vater und Mutter, er erwerbstätig, sie Hausfrau, verheiratet, zwei Kinder mit Haus und Garten – diese Vorstellung in den Köpfen gilt als Grundlage der Gesetzgebung. Dies, obwohl diese Familienform nur in der kurzen Zeit zwischen 1945 und 1970 in der breiten Bevölkerung realisiert werden konnte, wie im Bericht steht.

«Wir müssen uns über Familien neu verständigen»

«Vorher und nachher ist die klassische Familie ein Ideal, das für die meisten eher unerreicht bleibt», sagt Sarah Büchel. Die Kleinfamilie verspricht Geborgenheit, Selbstbestimmung und Erfüllung. Dies als Gegenentwurf zur kalten, kurzatmigen Welt der Globalisierung und Digitalisierung. Früher sei sie ein Statussymbol gewesen von denen, die es sich leisten konnten wie etwa Pfarrfamilien.

«Wir müssen uns über Familie neu verständigen», sagt André Woodtli. Darüber, was sie leistet und, welche Rahmenbedingungen sie zugute hat. Denn Grundsatzdiskussionen darüber, welche Familienform die beste ist, blockieren die aktuelle Familienpolitik. «Hört auf, darüber zu diskutieren, wie eine Familie aussehen soll und ob beispielsweise zwei schwule Väter eine Familie seien oder nicht», sagt Büchel. Vielmehr müsse man nun über Strukturen sprechen und akzeptieren, dass Familien Unterstützung brauchen. Das Familiengefüge verändere sich ständig und sei fragil. Paarbeziehungen zerbrechen, die Bedürfnisse der Kinder verändern sich je nach Alter und die finanzielle Sicherheit stehe schnell auf der Kippe, sagt Woodtli: «Was früher einmal die Sippe leistete, muss heute die öffentliche Hand übernehmen.»

Individualbesteuerung und Tagesschulen

Konkret plädiert Doing Family für Individualbesteuerung, ­flächendeckende Tagesschulen, längere Kita-Öffnungszeiten und vernetzte Beratungsangebote. Als «heisse Ideen» im Gegensatz zum «kalten Kaffee», wie Woodtli sagt, schlagen die Verantwortlichen auch visionäre Ideen vor.

Dazu gehört, dass Kitas, Horte und Tagesschulen zum unentgeltlichen Service public gehören sollen. «Wenn wir ­wollen, dass Akademikerpaare auch Kinder haben, müssen wir ihre Opportunitätskosten ­senken», sagt Woodtli. Man müsse dafür sorgen, dass ins­besondere Akademikerinnen nicht mehr vor der Entscheidung stehen, eine Familie zu gründen oder eine Karriere ohne Einbussen zu verfolgen. Der Staat profitiere schliesslich von der immensen Leistungs­fähigkeit der Familie, sagt ­Büchel.

Eine andere Idee ist die­jenige einer integralen Familienkasse. Darin sollen alle Teil­leistungen für Familien wie ­Kinderzulagen, Krippensub- ventionen, Alimenten und Stipendien zusammengefasst werden. Die Daten hinterlegen die Familien nur einmal. So könnte man ihnen den Bürokratieaufwand ersparen. In einem überschaubaren System würden sie von der Geburt der Kinder bis zum Ende der Ausbildung die Unterstützung erhalten, die sie benötigen.

Vor allem bei Politikern sei die Begeisterung für die Ideen aus dem Projekt Doing Family noch verhalten, sagt Büchel. Die meisten wiesen zuerst auf die enormen Kosten hin, die die Ideen verursachen könnten. ­Dabei gehe es um Return-on-­Investment, wie die Projektleiterin sagt: «Kurzfristig kostet es etwas, aber was man langfristig präventiv damit erreichen könnte, bleibt oft im Hintergrund.»

Den Abschlussbericht haben alle Mitglieder der Metro­politankonferenz Zürich er­halten. Damit ist das Projekt abgeschlossen. Die Gefahr besteht, dass die Ideen verpuffen: «Mein Wunsch wäre, dass sich die Gemeinden eine Empfehlung rausnehmen und schauen, was sie dort verbessern ­können», sagt Büchel. «Wir sind nur eine von vielen Wind­maschinen», sagt Woodtli, ­«segeln müssen andere.»